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Die acht beliebtesten Irrtümer über Georg Friedrich Händel - SWR2 am Morgen vom 6. bis 14. April 2009
Händel war ein Grobian, notorisch pleite und außerdem schwul. Sein Englisch war für Londoner Ohren eine Grausamkeit, seine Opern sind zusammengeklaut und unerträglich lang - oder? SWR2 nimmt die acht beliebtesten Händel-Irrtümer unter die Lupe.
1. Mit dem Halleluja ist der Messias zu Ende
Ein königlicher Irrtum! Bei einer Benefizaufführung des "Messiah" im Jahr 1750 stand der Prince of Wales während des "Halleluja" auf - im Irrglauben, dieser klangprächtige Chor sei der Schluss. Wenn der König sich erhebt, tut es natürlich auch das Volk. Seither lauscht das englische Publikum dem "Halleluja" traditionell im Stehen - mit einer leisen Schadenfreude, es besser zu wissen als Prince George. Nach dem Halleluja folgt nämlich der grandiose dritte Teil des Oratoriums.
2. Händel war ein Grobian
Es gibt viele Anekdoten darüber, wie Händel buchstäblich ausrasten konnte, wenn seine Opernsänger ihm auf die Nerven gingen mit ihren extravaganten Wünschen. Zum Beispiel die Sopran-Diva Francesca Cuzzoni: Als sie sich weigerte, eine von Händels Arien zu singen, drohte er, sie aus dem Fenster werfen - die Diva, nicht die Arie! Trotzdem: Händel war kein Grobian! "Wenn Händel einmal lächelte", so schrieb sein Zeitgenosse Charles Burney, "war es wie Feuer, wie die Sonne, die aus einer schwarzen Wolke hervorbricht". Ohne vollendete Manieren hätten ihn die Mächtigen Europas wohl kaum so sehr umschwärmt und immer wieder seine Gesellschaft gesucht.
3. Händel ist der größte musikalische Wilderer aller Zeiten
Mit musikalischem Ideenklau nahm man es im frühen 18. Jahrhundert nicht so genau – zumal, wenn man die Ideen so kreativ weiterverarbeitete wie Händel. Alles, was er bei seinen Komponistenkollegen hörte oder sah, konnte ihm als Rohstoff für ein eigenes Stück dienen - offenbar beflügelte diese Recycling-Technik seine Phantasie. "Er nahm die Kieselsteine der anderen und polierte sie zu Diamanten", formulierte ein Bewunderer. Am allermeisten aber klaute Händel bei sich selbst: Manche Opern und Oratorien bestehen zur Hälfte aus älteren Kompositionen, die er geschickt umtextete und in den neuen Zusammenhang einbettete. So konnte sie das Publikum noch einmal hören - lange bevor die Repeat-Taste des CD-Players erfunden war.
4. Das "Largo" ist Musik für eine Beerdigung
Händels berühmtes "Largo" hat ausgerechnet im Stammrepertoire der Beerdigungs-Musiken einen festen Platz gefunden – ein Irrtum der Rezeptionsgeschichte: komponiert ist es für die Bühne und nicht fürs Grab. Das "Largo" ist eine Arie, die der Perserkönig Xerxes in der gleichnamigen Oper singt – seine Auftrittsarie; er steht dabei auf einer Aussichtsterrasse unter einer besonders schönen Platane. Meistens begegnet man dem Largo als Instrumentalstück ohne Worte – kein Wunder, der Text ist nämlich recht nichtssagend.
5. Händel war pleite
Gleich zwei Opernunternehmen hat Händel in den Konkurs getrieben – natürlich war es nicht seine Schuld, sondern die der Konkurrenten: Eine zweites Londoner Opernhaus nahm ihm die Hörer weg. Außerdem war die Oper schon im 18. Jahrhundert ein teures Vergnügen: In Händels Opern schwimmen Meeresungeheuer, Drachen schweben durch die Lüfte, es gibt Vulkanausbrüche, Erdbeben und Seestürme. Und die Sänger bekommen exorbitante Gagen. Händel kommt bei all dem Schlamassel einigermaßen glimpflich davon. Privat hat er immer genug Geld - manchmal sogar reichlich. Er wirtschaftet sehr geschickt und hinterlässt bei seinem Tod ein riesiges Vermögen.
6. Händels Opern lassen sich beliebig kürzen
Unter Regisseuren leider ein weit verbreiteter Irrtum. Händels Opern dauern fast vier Stunden, was für Opernhäuser (und auch für Rundfunkanstalten) zu einem echten Zeitproblem werden kann. Deshalb streicht man oft rigoros, entweder die vermeintlich trockenen Rezitative, in denen die Handlung erzählt wird, oder aber die Da Capo-Teile der Arien. Händels Zeitgenossen hätte das sehr befremdet: In den Arien der Barockoper geht es immer um starke Leidenschaften: Bestürzung, Zorn, Zerknirschung, Schmerz oder Liebe. Und erst die formale Klarheit der Da Capo-Form machte solche Gefühlsausbrüche überhaupt salonfähig. Außerdem bietet das Da Capo dem Sänger die Gelegenheit zu virtuosen spontanen Verzierungen - eine Überraschung, die man sich im 18. Jahrhundert um keinen Preis hätte entgehen lassen!
7. Händel war schwul
Hatte Händel etwas mit seinen Sängerinnen oder eher mit seinem Koch? Oder mit beiden? Alle Biograpen stellen die Frage nach Händels Liebesleben. Mangels historischer Hinweise klopft man auch gerne mal die Texte seiner Opernlibretti auf entsprechende Indizien ab. Definitiv wissen wir nur, dass Händel sein Leben lang Junggeselle war und dass seine Nichte den Großteil seiner Hinterlassenschaften erbte. Alles andere bleibt sein Geheimnis.
8. Händel konnte kein Englisch
Sehr zur Belustigung seiner Zeitgenossen sprach Händel eher Angel-Sächsisch als Englisch. Sein "th" muss grässlich geklungen haben, auch als er schon über 40 Jahre in England lebte – eigentlich erstaunlich für einen Menschen mit gutem Gehör! Glücklicherweise sang er die englischen Texte seiner Oratorien nicht selbst, sondern leitete die Musiker vom Cembalo aus. Vertont hat er das Englische aber mit großem Geschick. Mit Sicherheit studierte er ausgiebig die Werke von Henry Purcell, der die englische Sprache so vollendet in Musik gesetzt hatte.
Doris Blaich
Letzte Änderung am: 08.04.2009, 15.38 Uhr