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"Parade" de Satie

Animationsfilm zu Erik Saties Ballettmusik „Parade“ Geschmackvoll gezeichnet

Am 17. Mai 1866 wurde Erik Satie geboren. 1916, also vor 100 Jahren, schrieb er sein Ballett „Parade“, das einen Skandal auslöste. Der japanische Animationskünstler Koji Yamamura hat zur Musik von Saties Parade einen Animationsfilm gezeichnet und damit das Ballett auf der Leinwand quasi neu inszeniert.

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Wie im Theater hebt sich der rote Vorhang – am Beginn des Animationsfilms zur Musik von Saties „Parade“. Auf drei wackelig gestapelten Stühlen steht Satie und dirigiert mit seinem Spazierstock ins Leere: Wo eigentlich Musiker sitzen müssten, sind nur die Schornsteine von Paris, links der Eiffelturm, rechts der Arc de Triomphe. Plötzlich wirft Satie seinen Spazierstock hoch in die Luft, wo er sich in einen Knochen verwandelt. Schon hier zeigt sich der japanische Zeichner Koji Yamamura als großer Satie-Kenner: Wollte doch Satie ein Bühnenwerk für Hunde komponieren, in dem ein Knochen wichtigstes Requisit sein sollte. Wie eine Schnecke kriecht hier ein Hund zum Knochen. Mit einem Feuerwerk des Surrealismus beginnt der Film.

"Parade" de Satie

"Parade" de Satie - Der Hund kriecht zum Knochen

Cocteau, Satie und Picasso

Das Ballett „Parade“ war eine Kooperation mehrerer großer Künstler: Jean Cocteau lieferte das Konzept, Erik Satie die Musik, und Pablo Picasso kümmerte sich um Kostüme und Bühnenbild. Picassos Ausführungen für „Parade“ hat Yamamura sich ganz genau angeschaut und viele Motive und Formen für seinen Zeichentrickfilm aufgegriffen: Den blauen Ball mit den weißen Sternen, die Leiter der Akrobaten, das etwas unförmige Pferd mit dem kubistischen Kopf. Doch eine wichtige Neuerung bringt Yamamura: Satie spielt mit als Zirkusfigur in seiner Parade: mit Spitzbart, Melone und Zwicker. Aus seiner Brille werden plötzlich zwei bunte Scheinwerfer, die zum Klang der Sirenen die Manege ausleuchten, gleichzeitig dreht sich das Lotterie-Rad.

Skandal-Stück

Als „Parade“ 1917 im Pariser Théâtre du Châtelet uraufgeführt wurde, hatte dieses avantgardistische Bühnenspektakel einen Skandal zur Folge: Dem Publikum gefielen die eingebauten Geräusche wie Sirene, Schreibmaschine und Lotterierad nicht, und auch die Kostüme und das Bühnenbild von Picasso fielen durch. Den Wert von „Parade“ als Kunstwerk zwischen Futurismus, Dadaismus und Surrealismus, das mitten im Ersten Weltkrieg entstanden ist, können wir heute wohl viel leichter ermessen. Interessant ist der Einfluss Amerikas: Picassos Kostüme zweier amerikanischer Manager, die für die Zirkusvorstellung werben, sehen aus wie wandelnde Wolkenkratzer, die Trompete spielen. Bei Satie stehen sie auch für die Überbringer einer neuen Musik: des Jazz. In der Szene des amerikanischen Mädchens erklingt ein Ragtime – einer der ersten in Europa komponierten.

"Parade" de Satie

"Parade" de Satie: Der wandelnde Wolkenkratzer

Satie, der Phonometrograph

Die Verwandlung von Wesen und Dingen ist ein immer wiederkehrendes Stilelement im Film von Yamamura: Formen und Figuren zerfließen und werden zu neuen Gebilden. Satie geht spazieren, und sein Kopf wird zur dicken gelben Birne – eine Anspielung auf Saties „drei Stücke in Birnenform“. Diese Birne formt sich vielgestaltig um, wird auch zum chinesischen Zauberkünstler.

"Parade" de Satie

"Parade" de Satie: Satie wird zur Birne

französische Wort „Poire“ meint nicht nur Birne, sondern auch Dummkopf oder Trottel – und Satie wäre nicht Satie, wenn er sich selbst vom Trottel-Sein ausgeschlossen hätte. Wie kaum ein anderer ist er bekannt dafür, sich selbst nicht ernst genommen zu haben. Einige seiner skurrilen Äußerungen hat Yamamura in den Film eingebaut:

„Jeder wird Ihnen sagen, ich sei kein Musiker. Das stimmt. Schon zu Beginn meiner Laufbahn habe ich mich sogleich zu den Phonometrographen gezählt. Meine Aufzeichnungen sind rein phonometrisch. (...) Es macht mir mehr Spaß, einen Ton zu messen, als ihn zu hören.“

Zu diesen Worten sieht man Saties Kopf auf Spinnenbeinen, die Zollstöcke zu sein scheinen. Sein Ohr wird im Takt der Musik groß und klein, dazu schlägt er die Becken gegeneinander.



Animation, Stummfilm und Jazz

Koji Yamamura betreibt seit 1993 ein Büro für Animation in Tokyo. Sein Werk ist schon vielfach ausgezeichnet worden, einige seiner Bilderbücher wurden veröffentlicht. Für „Parade“ nutzt er auch gestalterische Elemente aus dem schwarz-weißen Stummfilm und zitiert eine Szene aus dem Kurzfilm Entr’acte von 1924, in dem Satie mitspielt und in Zeitlupe wie ein Känguru zu seiner eigenen Musik hüpft. Doch die bunten Szenen in klarem Blau, Rot und Gelb überwiegen: Poetische Momente entstehen, wenn sich die Seiltänzer über einem Meer aus Sternen und Planeten bewegen und die Akrobatin selbst zum Himmel wird, als der Akrobat sie küsst.

"Parade" de Satie

"Parade" de Satie: Die Akrobatin wird zum Himmel

Die Musik dieses Satie-Parade-Films hat das Willem Breuker Kollektief, eine Amsterdamer Jazz-Band, schon 1991 aufgenommen. Das Arrangement von Willem Breuker und die sowohl bissige als auch schwungvolle Interpretation geben den sehr feinen Linien Yamamuras Kraft: Es ist ein geschmackvoll gezeichneter Film mit viel Liebe zum Detail und voller Anspielungen und Zitate. Koji Yamamura bringt Saties Ballett mit spitzer Feder auf die Leinwand, und erweckt dabei die Ereignisse von vor 100 Jahren zu neuem Leben.

Film-Tipp vom 17.5.2016 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

Im Programm

darin bis 8.00 Uhr:

Musikliste:
Joseph Haydn:
1. Satz aus dem Klaviertrio C-Dur Hob XV:27
Trio Jean Paul
Charles Gounod:
Faust-Walzer
Sinfonieorchester Göteborg
Leitung: Neeme Järvi
Gabriel Fauré:
Prélude Nr. 8 c-Moll op. 103
Anthony Spiri (Klavier)
Georg Philipp Telemann:
4. Satz aus dem Quartett für 2 Flöten, Blockflöte und Basso continuo d-Moll TWV 43:d1
Concentus musicus Wien
Leitung: Nikolaus Harnoncourt
Unbekannt:
Kotobaaro bhebechhinu
Sohini Alam (Gesang)
Oliver Weeks (Klavier)
Khiyo
Michael Haydn:
2. Satz aus der Sinfonie Nr. 32 D-Dur P 23
Deutsche Kammerakademie Neuss
Leitung: Johannes Goritzki
Léon Boëllmann:
Scherzo aus dem Klavierquartett f-Moll op. 10 (Kammermusik)
und Gérard Caussé (Viola)
Trio Parnassus
Francesco Durante:
1. Satz aus dem Konzert für Streicher und Basso continuo Nr. 8 A-Dur
The Raglan Baroque Players
Leitung: Nicholas Kraemer
Alexander Goedicke:
Konzertetüde für Trompete und Klavier op. 49
Ole Edvard Antonsen (Trompete)
Wolfgang Sawallisch (Klavier)
Frank Bridge:
Cherry Ripe
Budapest Strings
Leitung: Károly Botvay
Franz Schubert:
4. Satz aus dem Forellenquintett
The Schubert Ensemble of London
Axel Schlosser:
Hallo Herbert!
Axel Schlosser Quartett

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