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Frode Haltli spielt Werke für Akkordeon aus dem 21. Jahrhundert Packend, berührend

CD-Tipp vom 9.12.2016

CD-Cover Haltli

CD

Titel:
Frode Haltli … AIR … Bent Sørensen … Hans Abrahamsen
Interpret:
Arditti Quartet … Trondheim Soloists
Label:
ECM 2496

Ein Zuschauer aus Ungarn kam eines Tages nach einem Konzert zum Komponisten Bent Sørensen und bemerkte, seine Musik klinge wie Schmerz, der eine weiße Wand hinunter rinne. Und so kam diese schöne mit Neuer Musik-CD zu ihrem Titel „It is Pain Flowing Down Slowly on a White Wall“. Nun hat diese Überschrift zweifellos auch eine augenzwinkernde Komponente, denn vom englischen „Pain“, „Schmerz“, ist das Wort „Wandfarbe“, „Paint“ nur einen Buchstaben entfernt. Ein Eimer voll Schmerz und eine leere Wand. Was kann man daraus alles machen.

Und was hier alles gemacht wird: Man erlebt wechselnde Visionen auf einer blütenreinen Klangfläche, manchmal einsamen Tango, manchmal schreiende Agonie. Die Instrumentation mit Solo-Akkordeon und Streichorchester entfaltet dabei eine ungeheure Wirkung. Während die Streicher gleißend leuchten, oszillieren, bringt das Akkordeon jene dunkle, einsame Melancholie, die nur ein Akkordeon nun einmal hat. Ein Schelm, wer an Schifferklavier dabei denkt, aber es ist eben genau jenes Spiel mit dem clichéhaften Abgrund von rauschduseliger Wehmut, der die neue CD des Akkordeonisten Frode Haltli so unwiderstehlich macht: Kein Akkordeon ohne „Humtata“, das etwa in der Nummer zwei von Three Little Nocturnes genüsslich zerfetzt wird. Wunderbar schräge Musik, dieser Satz klingt mitunter, als sei es auf dem letzten Feuerwehrball etwas spät geworden, das stampfende Akkordeon gerät ins Wanken, ein schrilles Stimmengewirr der Streicher schneidet die dicke Luft, und am Schluss tröpfelt ein verirrter Trommelrhythmus über dem Wegdämmern der Szene.

Kein Stück auf der CD des Akkordeonisten Frode Haltli ist älter als ein Dutzend Jahre, man findet eine gute Dreiviertelstunde Klänge des 21. Jahrhunderts, die sofort fesseln können. Und wer das Akkordeon bisher für uncool oder bieder hielt, wird hier auf wirklich packende, berührende Weise eines besseren belehrt.

CD-Tipp vom 9.12.2016 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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