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Brückenbau zwischen Jazz und Alter Musik: Trio Mediaeval & Arve Henriksen Meisterwerk gegenseitiger Einfühlung

CD-Tipp vom 7.3.2017

CD-Cover Rímur

CD

Titel:
Rímur
Interpret:
Trio Mediaeval & Arve Henriksen
Label:
ECM 2520

Es war ein Wikinger aus Norwegen, der Islands Hauptstadt gegründet haben soll: Ingolf Arnarsson, von seiner Burg vertrieben und in eine blutige Fehde verwickelt, soll die Stützbalken seines Thrones ins Meer geworfen und sich dabei geschworen haben, dort eine Stadt zu errichten, wo das Holz an Land gespült wird. Es kam an nahe von dampfenden Quellen an den Ufern Islands. So entstand, der Sage nach, Reykjavic. Heute erinnern zwei identisch große Bronzedenkmäler an den Wikinger, Gesicht zu Gesicht gewandt stehen sie sich gegenüber – das eine in Reykjavic, das andere an Norwegens Küste.

Es hilft, diese Geschichte zu erzählen, wenn man die Sounds des Albums „Rímur“ verstehen will. Denn auf einfühlsame Weise gehen das Mediaeval Trio und Arve Henriksen den verschlungenen Verbindungslinien zwischen isländischen und skandinavischen Liedtraditionen nach. Vielfältig ist das Repertoire: Es stammt aus der Zeit zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert und reicht von isländischen Hymnen und Volksliedern über norwegische Sakralgesänge bis hin zu schwedischen Traditionals. Wobei sich das Mediaeval Trio und Arve Henriksen erst gar nicht lange bei Fragen der historischen Aufführungspraxis aufhalten. Sie interpretieren das Material auf ihre ganz eigene Weise, Traditionelles mit Intuitivem, Überliefertes mit Hochpersönlichem verbindend. Das Mediaeval Trio feiert die ursprünglich monodischen Hymnen und Songs in neuen mehrstimmigen Sätzen, die Anna Maria Friman ebenso respektvoll wie eigenwillig arrangiert hat. Toll sind auch die kleineren improvisatorischen Passagen, mit denen das Trio Mediaeval den spontanen Ideen Arve Henriksen Paroli bietet.

Henriksens Sound ist so anschmiegsam, so luzide und warm, so entrückt und transzendierend, dass Kritiker hilfesuchend zu den Bildern anderer Instrumente greifen, wenn sie diesen Klang beschreiben wollen. Dann fällt immer wieder das Wort von der japanischen Shakuhachi-Flöte, was ja auch gar nicht so falsch ist, denn Henriksen hat über den seidenen Klang dieser asiatischen Bambusflöte zu seinen eigenen, introvertierten Bläser-Sounds gefunden. Man muss allerdings nicht das Klischee vom „femininen“ Spiel bedienen, wenn es darum geht, Arve Henriksens Sound zu beschreiben. Der Norweger entzieht seinem Instrument alles Auftrumpfende und Durchdringende und ersetzt Power durch Poesie. Das Fulminant-Flauschige und Federleichte ist seinem Blechblasinstrument näher als das Furiose. Beim Brückenbau zwischen Jazz und Alter Musik packt der Trompeter nicht die robusten Qualitäten der Metall-Handwerker aus. Er bläst die Trompete, jenes Instrument, das gewöhnlich erschallt, wenn Sieger gekrönt werden, gleichsam mit der Sensation von Lammwolle.

„Rímur“ ist nicht das erste Projekt in der Verbindung zweier an sich sehr ferner Genres. Klar, wer als Vorbild für dieses Alte Musik meets Jazz-Projekt die ästhetische DNA geliefert hat: Saxofonist Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble mit ihrem Erfolgsalbum „Officium“. Aber während die „nordische Sirene“ Garbarek mit seinem Sopransaxofon über den Männerstimmen gelegentlich fast penetrant schwebt, fast so als wolle er die Vocals von der oberen Lage aus lenken, geht Arve Henriksen hier einen wichtigen Schritt in die andere Richtung. Grandios gelingt es ihm, den Trompetenklang mit vokalen, femininen Stimmen zu verschmelzen. Und das Mediaevel Trio traut sich was, vielleicht sogar ein bisschen mehr als die Männer vom Hilliard Ensemble: Denn es improvisiert mit, wenn auch in feinen Dosierungen. Hier treffen sich zwei Genres nicht auf Augen-, sondern auf Ohrenhöhe. „Rímur“ ist ein Meisterwerk gegenseitiger Einfühlung.

CD-Tipp vom 7.3.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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