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SWR2 Kulturgespräch "Die großen Kinderprobleme bleiben"

Die Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger über zeitlose Kinderbücher, ihre eigene Kindheit und Literaturpreise

"Wir pfeifen auf den Gurkenkönig", "Maikäfer flieg", "Konrad aus der Konservenbüchse", "Der liebe Herr Teufel", "Lollipop", "Gretchen Sackmeier" – das sind die Bücher, die viele Kinder begleitet haben, die sie verschlungen und später wieder anderen vorgelesen haben. Geschichten von Außenseitern, die doch noch die richtigen Freunde treffen und den Mut finden, so zu sein, wie sie nun mal sind. Und das alles ohne didaktischen Zeigefinger. Nun wird Christine Nöstlinger mit dem Corine-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Katharina Eickhoff hat in SWR2 am Morgen mir ihr gesprochen.

Die Kinderbuchautorin Nöstlinger

Die Kinderbuchautorin Nöstlinger

Frau Nöstlinger, die Geschichten von Ihnen, die ich kenne, waren im Nachhinein betrachtet ja doch immer ein bisschen didaktisch. Die Geschichte vom Lollipop zum Beispiel – von diesem seltsamen Jungen, der immer durch seine Lutscher guckt und damit Leute beeinflusst. Oder auch die vom dicken Gretchen Sackmeier – das hatte die Botschaft, dass es okay ist, anders zu sein. Dass man trotzdem wer ist, auch wenn die anderen einen auslachen. War das Ihr Antrieb, diese Geschichten so zu schreiben?

Ich hatte zu Geschichten nie einen didaktischen Antrieb. Sie fielen mir ein. Ich denke, sie haben eine gewisse Moral, weil ich ja kein unmoralischer Mensch bin. Aber an Didaktik dachte ich wirklich nicht. 

Wo holen Sie Ihre Geschichten her?

Irgendwo aus meinem Leben und meinem Umfeld. Ich bin kein Autor, der lange herumrecherchiert und dann eine Geschichte über Eskimokinder schreiben könnte. Das liegt mir überhaupt nicht.

Sie sind ja gerade 75 geworden. Wird es denn mit zunehmendem Alter schwieriger, über Kinder zu schreiben? Die Lebenswelten verändern sich ja gerade ziemlich schnell, oder?

Es verändert sich sozusagen der Alltag des Kinderlebens. Aber die großen Kinderprobleme bleiben nach wie vor. Eltern, Schule und Liebe – daran kann man sich festhalten. Und außerdem bleiben, glaube ich, durch die Generationen hindurch die Gefühle. Wie sich Kinderwut anspürt, Kindertraurigkeit, Kinderspaß – ich glaube, das bleibt ziemlich gleich.

Das heißt, ein gutes Kinderbuch ist eigentlich zeitlos?

Ja, hoffentlich, ein wirklich gutes jedenfalls. Ich will nicht sagen, dass ich lauter wirklich gute Bücher geschrieben habe. Manchmal denke ich mir, da heute noch Kinder die Bücher lesen, die ich vor 40 Jahren geschrieben habe, müssen sie die ja auch irgendwie wie einen historischen Roman lesen.

Sie schreiben manchmal auch im Wiener Dialekt, und Ihre Kinderbücher hatten für mich BRD-Kind immer so etwas leicht Exotisches, weil Sie, auch wenn Sie Hochdeutsch geschrieben haben, immer österreichische Vokabeln und Alltagssprache benutzt haben, die mir als Kind ganz geheimnisvoll fremd vorkamen – Worte wie Trafik, Plafond, Kopfpolster. Das war damals ein neuer Stil. Haben Sie diese ganz besondere Sprache bewusst kreiert?

Das war meine Sprache. Man geht halt in die Trafik, die Zeitung und die Zigaretten kaufen. Und wenn ich Geschichten aus Wien erzähle, dann muss ich diese Ausdrücke benutzen. Ich habe mich zwar mit Verlagen darauf geeinigt, dass ich – wenn ich für Kinder schreibe, die Leseanfänger sind – diese Worte vermeide. Ein Beispiel: In meinem Manuskript isst der Franz eine Topfengolatschen. Die Lektorin sagt, das kennt hier kein Kind. Und der Leseanfänger braucht natürlich nicht auch noch Wörter, die er nicht kennt. Aber ich möchte wirklich nicht, dass dann dort steht: „Der Franz aß ein Quarkteilchen.“ Das halte ich nicht aus.

Was machen Sie dann?

Na, der Franz kann ja etwas essen, was sowohl in Hamburg wie in Wien den gleichen Namen hat.

Wie war denn Ihre eigene Kindheit? Sie sind im Krieg groß geworden. Das weiß ich aus „Maikäfer flieg“, das ja, glaube ich, ein bisschen biographisch ist. Da ging es vermutlich weniger um kindliche Selbstverwirklichung, oder?

Eigentlich ging es auch um kindliche Selbstverwirklichung – gerade in dieser Zeit, da ich in einer antifaschistischen Familie groß wurde und immer im Gegensatz zu dem Regime gelebt habe. Denn auch als Kind kann man das und muss man das. Wenn man in so einer Familie lebt, war das schon ein gutes Stück Selbstverwirklichung. 

Sie haben einmal über sich selbst gesagt, sie seien ein wildes und wütendes Kind gewesen ...

Ja, das wurde mir immer von meiner Mutter erzählt. Ich war sicher ein freches Kind. Ein Kind, das immer seine Meinung sagte. Aber es wurde mir auch leicht gemacht. Ich wurde für damalige Verhältnisse sehr freundlich, liberal und unautoritär erzogen. Und wenn man so erzogen wird, dann wagt man natürlich schon, dauernd zu opponieren und seine eigene Meinung zu sagen. Denn ich wusste ja: Ich werde durch dick und dünn geliebt. Mir kann nichts passieren. Wenn es mir genauso gegangen wäre wie den anderen Kindern – ich glaube, jedes Kind außer mir bekam Ohrfeigen – dann hätte ich wahrscheinlich auch nicht gewagt, so wild und wütend zu sein.

Wenn Sie jetzt den Corine-Preis bekommen, fürs "Lebenswerk", wie es ja immer so staatstragend heißt – wofür möchten Sie denn gerne ausgezeichnet werden? Was möchten Sie erreicht haben?

Eigentlich wüsste ich nicht, wofür ich ausgezeichnet werden möchte. Wenn ich mir die Laudatios anhörte bei sämtlichen Preisen, die ich schon bekommen habe fand ich nie, dass die sehr unrecht haben. Aber ich selber giere nicht nach Auszeichnungen. So ist das nicht. 

Die Fragen stellte Katharina Eickhoff. Webfassung: Candy Sauer und Gabriele Heuer

Letzte Änderung am: 17.11.2011, 10.13 Uhr

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