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Der neue Roman von Charlotte Roche Langatmige Beichte in Schrumpfdeutsch

Der Literaturkritiker Ruthard Staeblein über Charlotte Roches "Schoßgebete"

Die Werbetrommel dröhnte dieses Mal besonders laut: "Schoßgebete", der zweite Roman von Charlotte Roche, ist erschienen mit einer Startauflage von sage und schreibe einer halben Million. Der Piper-Verlag erwartet einen weiteren Bestseller nach dem ersten Skandalwerk "Feuchtgebiete". Viele Medien haben vorab schon mitgetrommelt. Ob zu Recht – darüber sprach Sonja Striegl mit dem Literaturkritiker Ruthard Staeblein im SWR2 Kulturgespräch am Morgen.

Charlotte Roche

Im Mittelpunkt der "Schoßgebete" steht eine Frau, die ein bisschen an Charlotte Roche selbst erinnert. Sie ist 33 Jahre alt, verheiratet und hat vor Jahren bei einem Autounfall ihre drei Brüder verloren; die Mutter wurde schwer verletzt. Diese Frau ist neurotisch, und es geht sehr viel um Sex in der Ehe in dem Buch, unter anderem zu dritt mit Prostituierten. Ist das nun mit einer "Dringlichkeit und Wucht" beschrieben, wie es die FAZ am Montag gelobt hat?

Ich habe mich eher gequält. Dieses Buch wurde ja nur wenigen "Leithengsten" beziehungsweise "Leitstuten" der Literaturkritik im Voraus geschickt. Die "normalen" Kritiker haben es erst an diesem Montag bekommen. Ich musste es in einer Nacht durchlesen, und am Ende war ich, ehrlich gesagt, ganz schön schlapp.

Das heißt: es hat Sie gar nichts fasziniert an dem Buch?

Wie Charlotte Roche diesen Unfall beschreibt, wie sie bzw. ihre Protagonistin ihre drei Geschwister verloren hat – das hat mich schon berührt. Dieser Schmerz, der nicht vergeht. Der Unfall ist ja fast zehn Jahre her, und jetzt erst schreibt sie darüber. Aber insgesamt ist es die neurotische Konstruktion einer beichtenden Mutter in einer Patchwork-Familie, die eigentlich nur versucht, dem Bild der anderen gerecht zu werden: Einmal der Geilheit des Mannes, der sie sich unbedingt stellen will, und dann den Bedürfnissen des Kindes. Das drückt eine gewisse zeitgenössische Bedrücktheit von Eltern aus. Auch die Polemik gegen Alice Schwarzer, mit der sie spielt – "ja, ich hab ja doch den vaginalen Orgasmus" – das hat schon bestimmte komische Effekte. Aber insgesamt ist das Buch extrem langatmig.

Was ist mit der Sprache? Roche selbst hält sich für eine Hochstaplerin und keine Schriftstellerin.

Das ist genau der Trick, wie man Bestseller unbedingt schreiben soll: ohne Umschweife direkt ans Ziel. Gleich das erste Kapitel ist ein pornographisches Kapitel, und die Sätze sind einfach ganz kurz. Es sind Schrumpfsätze, es ist Schrumpfdeutsch, was hier präsentiert wird. Zum Beispiel "Alles meiner Mutter Schuld. Ich liebe Wissenschaft, weil die schlechtes Gewissen wegmacht." Das ist ein Deutsch ohne Artikel wie es manche Jugendliche heute sprechen. Aber in einem Buch, finde ich, sollte das nicht geschrieben werden.

 ILLUSTRATION - Eine Frau liest am Montag (08.08.2011) in München (Oberbayern) den neuen Roman «Schoßgebete» von Charlotte Roche.

Der Verlag hat Exklusivinterviews mit dem Spiegel und der Brigitte vorab vereinbart. Felicitas von Lovenberg durfte das Buch in der FAZ vorab rezensieren. Der Tenor dieser Besprechungen ist aber immer positiv. Man fragt sich, warum sich die Medien auf dieses Spiel einlassen und zu einer anderen Analyse kommen als Sie.

In einer einzigen Woche sind nicht nur die Aktienwerte, sondern auch die Werte der Literaturkritik in den Keller gesunken. Schon am 1. August prophezeite die FAZ eine ehrliche, differenzierte, packende Auseinandersetzung über die gute Ehe. Und selbst die ehrwürdige Zeit präsentierte Charlotte Roche als Autorin im Großformat, größer als die anderen Autorinnen des Bücherherbstes. Der Spiegel hat der Roche eine Ernsthaftigkeit und schockierende Ehrlichkeit attestiert. Und am selben Tag, diesem schwarzen Montag, sekundierte wieder die FAZ und verlieh Roche das Gütesiegel für etwas, das die Autorin selbst im Spiegel so bezeichnet.

Wenn man die Beispiele hört, dieses Schrumpfdeutsch, und das Buch dann von den wichtigsten Leitmedien der Bundesrepublik das Gütesiegel erhält (nämlich von der FAZ) beziehungsweise das Echtheitssiegel vom Spiegel, dann fühle ich mich ehrlich gesagt an die Kondomwerbung erinnert: Es ist "gefühlsecht". "Dieses Produkt berührt uns", schließt Lovenberg.

Warum ist es gerade Charlotte Roche, in die der Piper-Verlag so viel investiert mit seiner Werbekampagne und den angekündigten 500.000 Exemplaren Erstauflage? Warum gerade diese Frau, diese Schreiberin?

Weil sie bewusst provozieren will. Sie lässt uns teilhaben an ihrem Beichtspiegel. Das ist ein uraltes Rezept, und das reizt natürlich immer noch. Aber es geht um die gezielte Provokation. Das Marketing hat in diesem Fall wirklich phantastisch funktioniert.

Muss man nicht auch Verständnis haben für Verlage, wenn die mit solchen skandalträchtigen Werken Geld machen wollen, um dann wiederum andere, vielleicht gehaltvollere Literatur auf den Markt zu bringen? Das ist ja das oft gehörte Argument.

Ich glaube, das ist inzwischen längst ein Vorwand geworden. Die Verlage haben eine so hohe Konzentration. Bonnier hat Piper gekauft. Bonnier ist einer der großen Medienkonzerne neben Random House, Holtzbrinck und Weltbild. Diese Konzerne stehen unter einem immer größeren Erfolgsdruck, bei Bonnier wurde der letzte Verlagschef Wolfgang Ferchl gefeuert, weil er diese ökonomischen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Und Marcel Hartges geht jetzt natürlich ein hohes Risiko ein. Das kann top werden und sich gut verkaufen, das weiß man nicht unbedingt. Es kann aber auch ein Flop werden. Und dann wird das restliche Programm auch noch eingeschränkt. Dabei soll ja Piper durch Marcel Hartges, der von Dumont kommt, ein größeres literarisches Profil erhalten. Bis jetzt und gerade durch die Wahl von Charlotte Roche hat er es nicht gefunden.

Buch

Titel der Reihe:
Schoßgebete
Autor:
Charlotte Roche
Verlag:
Piper Verlag, 2011
Länge:
288 Seiten
Preis:
16,99 Euro

Onlinefassung von Candy Sauer und Klaus Rudloff

Letzte Änderung am: 10.08.2011, 10.03 Uhr

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Langatmige Beichte in Schrumpfdeutsch

Der Literaturredakteur Ruthart Staeblein über den neuen Roman von Charlotte Roche in SWR2 am Morgen vom 10.08.2011.
Moderation: Sonja Striegl

6:14 min

Charlotte Roche SWR-Literaturnacht am 27.8. in Mainz Charlotte Roche zu Gast bei "Literatur im Foyer"

"Feuchtgebiete" ist eines der meistverkauften Bücher in Deutschland. Nun erscheint, angekündigt von einer gewaltigen Marketingkampagne, Charlotte Roches zweiter Roman: "Schoßgebete". Die Autorin und der Paartherapeut Ulrich Clement sind zu Gast bei Felicitas von Lovenberg.

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