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Der Anglist Hans-Dieter Gelfert hat ein Buch über Charles Dickens mit dem Titel "Charles Dickens, der Unnachahmliche" geschrieben. Dieser Begriff stammt von Dickens selbst. Was macht ihn denn so unnachahmlich?

Die lebensgroße Statue von Charles Dickens - im Centennial Park, Sydney
Hans-Dieter Gelfert: "Unnachahmlich macht ihn, dass er unter allen englischen Erzählern der große Prosadichter ist. Er ist der Autor, der mit Sprache umgeht wie ein Lyriker, der nicht beschreibt oder darstellt, sondern beschwört und vor dem inneren Auge des Lesers eine ins Phantasmagorische gesteigerte Wirklichkeit erstehen lässt. In dieser Hinsicht, als Prosadichter, ist er eigentlich nur vergleichbar mit James Joyce. Alle anderen sind realistische Erzähler."
Hans-Dieter Gelfert: "Seine Modernität liegt darin, dass er Gesellschaft ganz anders darstellt als seine Zeitgenossen wie William Mackpeace Thackeray, Anthony Trollope, George Eliot. Die haben Gesellschaft als System von Interaktion dargestellt, als verstehbare, kritisierbare Gesellschaft. Aber bei Dickens ist Gesellschaft ein anonymes Labyrinth, dem die Menschen ausgeliefert sind, von dem sie sich emanzipieren müssen. Und diese Emanzipationsleistung, die alle seine Hauptfiguren leisten müssen, bringt ihn in die Nähe von Ibsen. Aber die Anonymität des Kontextes in dem sie sich befinden, die rückt ihn noch näher an Kafka, mit dem er in Amerika und England häufig in einem Atemzug genannt wird."
Hans-Dieter Gelfert: "Wer den letzten Roman „Unser Gemeinsamer Freund“ gelesen hat, der kann Dickens unmöglich als saturierten Viktorianer bezeichnen. In diesem Roman stehen zentral riesige Müllberge, die Reichturm repräsentieren. Einen ererbten Reichtum. Der Roman beginnt mit einer Szene, wo in der schmutzigen, schlammigen Themse nach Leichen gefischt wird. In diesem Roman sind nahezu sämtliche Hauptfiguren dadurch verbunden, dass sie einander beobachten, entweder in freundlich beschützender oder in feindlicher Hinsicht. Das geht zum Schluss bis hin zum Mord. Ein ständiges Belauern, Verfolgen in einer völlig anonymiserten Umgebung. Der Roman ist schon mal als Dickens Wasteland bezeichnet worden, als Vorläufer von T.S. Eliots Werk, das geht vielleicht ein bisschen zu weit, aber hier einen saturierten Viktorianer zu sehen, das halte ich für unangemessen."
Die Zitate sind Ausschnitte aus der Sendung SWR2 Forum vom 25.1.2012.
Internetfassung: Gabriele Heuer
Letzte Änderung am: 03.02.2012, 16.45 Uhr