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Charles Dickens zum 200. Geburtstag "Jede neue Generation sollte Dickens lesen."

Die Übersetzerin Melanie Walz über die "Faszination Dickens".

Er gilt als der größte Schriftsteller Englands nach William Shakespeare und wurde zu seiner Zeit gefeiert wie ein Popstar: Charles Dickens. Die von ihm erfundenen Gestalten Oliver Twist, David Copperfield und Onkel Scrooge sind auch heute noch in aller Welt bekannt - der Geizhals Scrooge aus der Geschichte "Ein Weihnachtslied" war sogar das Vorbild für Disneys populäre Comicfigur Dagobert Duck. Am 7. Februar feiert die Literaturwelt den 200. Geburtstag des britischen Schriftstellers.

Verschiedene Bücher und Biographien des britischen Schriftstellers Charles Dickens liegen auf einem Verkaufstisch in einer Buchhandlung

Melanie Walz ist eine große Kennerin und passionierte Dickens-Leserin. Jüngst wurde sie hochgelobt wegen ihrer neuen Übersetzung von Dickens‘ Roman "Große Erwartungen". Ulla Zierau hat mit ihr gesprochen.

Frau Walz, stecken Sie uns mit Ihrer Leidenschaft für den Erzähler Dickens an! Warum sollen wir seine Romane heute noch lesen?

Ich glaube, jede neue Generation sollte Dickens lesen und wiederentdecken, weil er zu den ganz großen Schriftstellern gehört, die einfach nie veralten können.

Und was fasziniert Sie am meisten an Dickens?

Ich glaube, diese überbordende Fülle an Einfällen. Er ist ein metaphernreicher und bilderseliger Autor, der mit Sprache so viel gestalten kann, dass man einfach ins Staunen kommt.

Charles Dickens wurde am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth geboren. Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen. Dickens brachte sich selbst Lesen und Schreiben bei. Mit 20 Jahren erwog er kurz, Schauspieler zu werden, doch dann machte er als Gerichtsreporter und Journalist Karriere. 1836 wurde er mit dem Fortsetzungsroman "Die Pickwickier" berühmt. Bis zu seinem Tod 1870 war Dickens ein angesehener Autor und schrieb zahlreiche Romane, darunter die beliebten Bücher "Oliver Twist" und "David Copperfield".

Dickens soll einmal gesagt haben: "Gibt es schließlich eine bessere Form, mit dem Leben fertigzuwerden, als mit Liebe und Humor?" Sind seine Bücher neben all dem Elend, das uns darin auch begegnet, humorvoll?

Sie sind sehr humorvoll. Es gibt, glaube ich, nur zwei Ausnahmen. Das sind "A Tale of Two Cities" – ein Roman über die Französische Revolution – und "Hard Times" – "Harte Zeiten". Da gibt es zwar auch wunderschöne Bilder, aber die unterscheiden sich im Ton sehr von seinen anderen Büchern.

Wie äußert sich dieser Humor?

Im Einfallsreichtum. Den Humor kann man in den Personenbeschreibungen sehen. Bei ihm zeichnen sich die Personen ja immer durch skurrile Eigenarten aus. Nicht durch ein Innenleben, das im inneren Monolog oder auf ähnliche Weise vorgeführt wird, sondern durch Äußerlichkeiten. Dickens ist in der Lage, ein Zimmer so zu beschreiben, dass das für seinen Bewohner charakteristisch ausfällt. Es ist fast ein bisschen wie bei Andersen, wenn der die Gegenstände mit Leben erfüllt.

Es gibt einen wunderbaren Einstieg in den frühen Roman "Martin Chuzzlewit". Da beschreibt er, wie der hochgeachtete Bürger Mr. Pecksniff, der natürlich in Wirklichkeit ein fieser Heuchler ist, vom Wind gebeutelt, geknufft und gepufft wird, weil der Wind ihn durchschaut hat. Das ist irre komisch.

Ist das typisch britischer Humor?

Könnte man sagen, ja. Ich glaube, da gibt es heute noch eine lebendige Tradition von Schriftstellern, die davon sehr stark zehren.

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Kulturgespräch, Modern, sozialkritisch, humorvoll

Die Literatur von Charles Dickens, Ulla Zierau im Gespräch mit Melanie Walz, der Dickens Übersetzerin in SWR2 am Morgen vom 06.02.2012

6:33 min

Vor 30 Jahren haben Sie Dickens schon mal übersetzt. Im vergangenen Herbst ist Ihre neue Übersetzung von "Große Erwartungen" herausgekommen. Wie war für Sie diese Wiederbegegnung mit Dickens nach so vielen Jahren? Haben Sie ihn neu entdeckt?

Übersetzend ja. Lesend ist die Beziehung ja nie abgerissen. Aber ich habe beim Übersetzen von "Große Erwartungen" festgestellt, wie unglaublich poetisch seine Sprache ist und wie sehr, sehr sorgfältig das Buch konstruiert ist. Das war mir gar nicht mehr so präsent.

Warum haben Sie sich gerade für den Roman "Große Erwartungen" entschieden, der ja hier in Deutschland eher wenig bekannt ist?

Es ist reizvoll, einen weniger bekannten Roman zu nehmen als "Oliver Twist" oder "David Copperfield". Die Überlegung war auch, dass er nicht zu lang sein sollte. Denn die ganz großen Romane wie "Little Dorrit" oder "Bleak House" sind ja wahnsinnig umfangreich. Da braucht der Leser gerne schon mal ein Personenverzeichnis, damit er sich nicht verliert. Und er sollte möglichst modern sein. Wir haben uns für einen Roman entschieden, der in unsere Zeit passt, der für heutige Leser leicht zugänglich ist. Für Leute, die Dickens über seinen Namen hinaus nicht gut kennen, ist "Große Erwartungen" ein guter Einstieg.

Ist Dickens ein moderner Schriftsteller?

Ich würde sagen ja, durchaus. Wenn man vom Frühwerk absieht, das noch sehr dem 18. Jahrhundert verhaftet ist, ist in den mittleren und späten Romanen eigentlich viel 20. Jahrhundert literarisch vorweggenommen.

Ist Dickens also sogar ein Avantgardist im Sinne Kafkas, wie es in einer Kritik aus der aktuellen „Zeit“ heißt?

Es ist sicher kein Zufall, dass Kafka einer der ganz großen Dickens-Bewunderer ist und der Ansicht war, mit seinem Roman „Der Verschollene“, den er nicht mehr vollenden konnte, einen Dickens-Roman zu schreiben. Auch Robert Walser ist ja ein großer Dickens-Verehrer; und Adorno.

Nehmen wir mal an, es gäbe ein fiktives Treffen mit Dickens. Was würden Sie ihn bei einem Abendessen gern fragen?

Wie fast jeder Dickens-Liebhaber würde ich ihn wahrscheinlich fragen, wie er sich vorgestellt hat, dass der letzte, unvollendete Roman weitergehen soll. Ich glaube, es ist nicht die Frage, wer der Mörder ist, aber wie die Handlung hätte weitergehen sollen.

Welcher Roman ist das?

"Das Geheimnis des Edwin Drood".

Was empfehlen Sie uns als Dickens-Anfänger oder Wiedereinsteiger? Einmal "Große Erwartungen" in Ihrer neuen Übersetzung. Was noch?

Als Einstieg für Leute, die keine Zeit haben oder die sich erst mal vorsichtig herantasten wollen, sind beim Beck-Verlag vor einer Woche späte journalistische Feuilletons von Dickens erschienen. Etwa sieben Texte, 120 Seiten Umfang. Da kann man den späten Dickens sehr schön kennenlernen. Diese Feuilletons, die wir da ausgewählt haben, sind zur gleichen Zeit entstanden wie "Große Erwartungen". Da kann man den Stilisten Dickens in seiner ganzen Bandbreite, aber in der „nutshell“ genießen.

Und das macht Lust auf mehr?

Unbedingt!

Vielen Dank, Melanie Walz.

Buch

Titel der Reihe:
Charles Dickens: Große Erwartungen
Autor:
Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz.
Verlag:
Carl Hanser Verlag
Länge:
832 Seiten
Preis:
34,90 Euro
Bestellnummer:
ISBN-10 3446237607

Der Roman steht auf Platz 3 der Bestenliste im Februar:

Das Gespräch in SWR2 am Morgen führte Ulla Zierau. Internetfassung: Candy Sauer und Gabriele Heuer

Letzte Änderung am: 30.01.2012, 17.00 Uhr

Charles Dickens zum 200. Geburtstag

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Großer Literat und Sozialreformer - Die Briten feiern Charles Dickens

Von Barbara Wesel. SWR2 Journal am 7.2.2012

3:45 min

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