Bitte warten...

SWR2 Buch der Woche am 20.1.2014 Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

"Von Juli seines zweiten Jahres an der Universität bis zum Januar des folgenden Jahres dachte Tsukuri Tazaki an nichts anderes als an den Tod".

Warum Tsukuri Tazaki das tut und wie er aus der Situation herausfindet, davon erzählt Haruki Murakami in seinem neuen Roman. Unsere Rezensentin Sabine Grimkowski meint dazu: "Er kann es immer noch! Romane schreiben, die diesen Sog ausüben, die einen in die Murakami-Welt hineinziehen und die man bis zur letzten Seite nicht aus der Hand legt."

HARUKI MURAKAMI, japanischer Schriftsteller

Buch

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

Haruki Murakami. Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Verlag:
Dumont
Länge:
318 Seiten
Preis:
22,99 Euro

Die Todessehnsucht des Herr Tazaki hat ihren Grund. Tsukuru Tazaki bildete während seiner Oberschulzeit mit vier Klassenkameraden, zwei Jungen und zwei Mädchen, eine verschworene Gemeinschaft. Für alle fünf war diese Freundesgruppe das Lebenszentrum. Jeder von ihnen hatte das Gefühl, die anderen vier zu brauchen und von ihnen gebraucht zu werden, sie vertrauten einander, sprachen über alle Probleme und fühlten sich in der Gruppe aufgehoben. Auch nach dem Schulabschluss, als alle schon studierten, blieb die Gemeinschaft bestehen. Dann ereignete sich das das Unvorstellbare, das Tsukuru Tazaki in einen Abgrund stürzte. Von einem Tag auf den anderen verstießen ihn die Freunde, verweigerten den Umgang mit ihm, ließen sich verleugnen, mit dem Hinweis, er wisse schon, warum.

Tsukuru wusste es nicht. Er führte den Bruch schließlich darauf zurück, dass er der "Farblose" der Gruppe war. Die anderen vier hatten Namen, in denen eine Farbe vorkam: rot, blau, weiß und schwarz. Nur der Name Tazaki beinhaltete keine Farbe, sondern bedeutete "etwas machen" oder "bauen". Tsukuru Tazaki hielt sich fortan für einen Langweiler, einen Mann ohne Eigenschaften, einen mittelmäßigen, farb- und leidenschaftslosen Zeitgenossen. Nachdem er die Todessehnsucht und den Wunsch, sich umzubringen, nach einem halben Jahr überwunden hatte, gelang es ihm, wieder ins Leben zurückzukehren. Er beendete sein Ingenieurstudium und erhielt in Tokio sofort in eine Stelle in dem Bereich, den er sich gewünscht hatte: Bahnhofsbau. Bahnhöfe waren das einzige, was Tsukuru Tazaki wirklich interessierte.

Mit dieser Rückblende beginnt der Roman. Jetzt ist Tsukuru 36 Jahre alt und er hat gerade die zwei Jahre ältere Sara kennen gelernt. Zu ihr fasst er so viel Vertrauen, dass er ihr seine Geschichte erzählt. Sara ist klug und einfühlsam und weiß, dass Tsukuru sein Trauma bearbeiten, also klären muss, was damals passiert ist und was sich in seiner verletzten Seele abgespielt hat. Wie so oft bei Murakami ist es eine Frau, die den Helden auf den Weg zu sich selbst bringt. Sara schickt ihn zu den ehemaligen Freunden nach Nagoya. Bis er herausgefunden hat, was mit ihm los ist, entzieht sie sich ihm.

"'Ich möchte momentan nicht mit dir in deine Wohnung gehen.'
'Das heißt, wir schlafen nicht miteinander?'
'Das heißt es', sagte sie ehrlich.
'Weil ich ein seelisches Problem habe?'
'Ja. Und seine Wurzeln reichen wahrscheinlich tiefer, als du denkst. Aber ich bin überzeugt, dass du dieses Problem lösen kannst, wenn du nur willst. …'
'Und dazu muss ich mich noch einmal mit den vieren treffen und mit ihnen reden. Das willst du mir doch sagen?'
Sie nickte. 'Und du wirst deiner Vergangenheit nicht als naiver, verletzlicher Junge, sondern als unabhängiger, berufstätiger Mann entgegentreten. Nicht sehen, was du sehen willst, sondern sehen, was du sehen musst. Wenn du das nicht tust, wirst du diese Last dein ganzes Leben lang mit dir rumschleppen.'" (Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki)

In allen seinen Romanen schickt Haruki Murakami seine Helden auf eine Reise. Meistens geraten sie auf merkwürdige Weise – durch einen Brunnen, mit einem Fahrstuhl, über eine Autobahntreppe – in Parallelwelten, in denen andere Gesetze und Regeln herrschen und wundersame Wesen leben. Meistens müssen sie Abenteuer bestehen und kehren dann, reicher an Erfahrungen und Erkenntnissen, in die reale Welt zurück. Dieses Changieren zwischen den Welten ist das besondere Merkmal der Literatur von Haruki Murakami. In diesem Buch ist das anders.

Tsukuru Tazaki ist zwar ein typischer Murakami-Held – Mitte dreißig, Single, Großstadtbewohner – aber er bleibt in der Wirklichkeit. Seine Reise führt ihn zurück nach Nagoya, wo er zwei der Freunde wiedersieht, und nach Finnland, wo eine der Schulkameradinnen inzwischen wohnt. Er trifft keine außerirdischen Gestalten, die ihm den Weg weisen, er schafft es aus eigener Kraft und eigenem Antrieb, und erfährt schließlich die tragischen Hintergründe seines Ausschlusses aus der Fünfer-Gemeinschaft. Die sollen an dieser Stelle nicht verraten werden. Am Ende jedenfalls kann Tsukuru verstehen und verzeihen, und das führt dazu, dass sein Schmerz sich löst und er bereit ist für eine neue Liebe.

"Es gab kein Zurück. Bei diesem Gedanken erhob sich irgendwo die Traurigkeit und überflutete ihn lautlos wie Wasser. Es war eine transparente, gestaltlose Traurigkeit, seine eigene Traurigkeit, die jedoch zugleich unerreichbar fern war. Ein bohrender Schmerz in seiner Brust nahm ihm den Atem. … Er musste eine ganze Weile tief ein- und ausatmen, um sich zu beruhigen. Plötzlich merkte er, dass sich unweit seines Herzens etwas Kaltes, Hartes befand – etwas wie ein Klumpen hart gefrorener Erde, der über die Jahre nie geschmolzen war. Er war es, der den Schmerz in seiner Brust und seine Atemnot hervorrief. Bisher hatte er nicht gewusst, dass er so etwas in sich trug." (Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki)

Haruki Murakami konzentriert sich in diesem Roman mehr als sonst auf Vorgänge, die sich im Innnern der Figur abspielen. Von "Erinnerung" und "Verdrängung" ist die Rede, und man denkt unwillkürlich an Freudsche Psychoanalyse und moderne Traumatheorie, ohne dass diese Begriffe genannt würden. Der Held hat in der Vergangenheit traumatische Verletzungen erlebt und geht, nachdem er sie lange verdrängt hat, den Ursachen nach. Murakami hat mit den "Pilgerjahren des farblosen Herrn Tazaki" einen Schritt in Richtung psychologischer Roman gemacht. Auf rational nicht erklärbare Phänomene, wie sie bisher in den Parallelwelten vorkamen, verzichtet er dennoch nicht. Aber er packt sie in Träume oder Geschichten – wie die von dem Jazzpianisten, der in einer Art Teufelspakt sein Leben für die Fähigkeit gibt, die Farbe eines jeden Menschen zu erkennen – und bleibt damit in der Logik der realen Welt.

Das Buch ist gespickt mit Anspielungen auf Fragen der Philosophie – Freiheit des Denkens, freier Wille, Metaphysik –, und Bezügen auf Literatur, Film und Musik. Beispielsweise der Titel "Pilgerjahre" verweist auf die Klavierkompositionen "Années de pèlerinage" von Franz Liszt, der sich wiederum auf Goethes Entwicklungsroman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" beruft, dessen Titelheld seine Persönlichkeit auf einer Reise ausbildet.

All das kann der Leser entdecken, muss er aber nicht. Es bleibt genug Murakamihaftes, das auch dieses mit knapp über 300 Seiten eher schmale Buch zu einem Suchtmittel macht. Die Zutaten: ein Held auf der Suche, eine sich anbahnende Liebe, ein Verrat, ein Geheimnis, erotische Träume, die es in sich haben, und unvergleichliche Beschreibungen der Stadt Tokio mit ihren Restaurants, Bars und U-Bahnen. Zum Schönsten gehören die Szenen, in denen Tsukuru Tazaki auf dem Bahnhof Shinjuku auf einer Bank sitzt, Züge und Menschen beobachtet und sich seine Gedanken über Gott und die Welt macht. Murakami at his best.

Weitere Themen in SWR2