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SWR2 Buch der Woche am 24.05.2015 Ralf Konersmann: Die Unruhe der Welt

Burnout und Stress gelten als die Krankheiten einer Welt, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Der Autor ist Philosoph und untersucht, warum Medizin und Psychologie mit dem Problem so recht nicht fertig werden: weil es ein kulturelles Phänomen mit langer Geschichte ist. Er untersucht es gründlich und spricht den Einzelnen zwischen den Zeilen frei von der Schuld, so rastlos zu sein. Fänden ein paar Menschen die Muße, dieses in einfacher Sprache geschriebene Buch zu lesen, wäre vielleicht viel gewonnen!

Buchcover - Ralf Konersmann: Die Unruhe der Welt

Buch

Ralf Konersmann

Die Unruhe der Welt

Verlag:
S. Fischer Verlag
Länge:
464 Seiten
Preis:
24,99 Euro
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7:58 min

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Buch der Woche am 25.5.2015

Ralf Konersmann: Die Unruhe der Welt

Pascal Fischer

S. Fischer, 464 Seiten, 24,99 Euro

Es ist wirklich zum Zusammenklappen: Politiker mahnen zum Wandel; Sprichwörter warnen uns vorm "Moos ansetzen"; Forscher jagen gehetzt nach Entdeckungen; die Kunst will sich ständig selbst neu erfinden. Karrierecoaches schreien, Stillstand sei der Tod. Dann wieder beschwören Artikel die Gefahren von Stress und Burnout – und machen uns noch nervöser! Ralf Konersmann zeigt eindrucksvoll: Diese Unruhe durchdringt unsere Kultur und scheint nicht nur das despotische Werk von einzelnen politischen Herrschern oder Königen des Geistes.

"Das Gespenstische an diesem ganzen Themenfeld der Unruhe ist ja, dass nirgendwo […] nennenswert reflektiert worden ist, warum wir uns überhaupt auf diesen Lebensentwurf einlassen sollten. Es gibt keinen Verfassungstext, nicht mal eine ernstzunehmende Theorie, die dieses alles unterschreiben oder auch nur erklären würde... Und interessant an diesen Begriffen ist, besonders an den medizinisch-affinen, dass sie so jung sind. Also von Stress reden wir keine hundert Jahre. […] Und die ganz naive Frage, die ich mir gestellt habe, war eigentlich: Was war eigentlich vorher? Gab es vorher keinen Stress? Was haben die Leute eigentlich gesagt, wenn sie außerordentlichen Belastungen ausgesetzt waren und sich unbehaglich gefühlt haben?!"

Die Abendländer nahmen das früh als gottgegeben und unabänderbar hin, es wurde zu ihrem Charakter. Schon Alexander von Humboldt notierte in seinen Reisetagebüchern, im Vergleich zu den gleichmütigen Tropenbewohnern falle es auf, wie hastig jeder Europäer agiere. Weder also scheint unsere Getriebenheit allzu modern, noch plump genetisch, kombiniert Ralf Konersmann. Er findet den Ursprung in der Genesis: "Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein" - mit diesen Worten bestraft Jahwe Kain nach dem Brudermord.

"Ein Wesen, das ein unruhiges Herz hat, das ist eine Formulierung, die bei Augustinus schon auf den ersten Seiten seiner Bekenntnisse auftaucht. Und der Mensch ist aufgerufen - in der christlichen Perspektive - , sich als Sündenwesen zu begreifen, und das irdische Dasein zu nutzen, um sich zu bewähren, und dieses Sichbewähren ist ein Sichbewähren in einer Welt der Unruhe. Und das Versprechen ist, am Ende eine letzte Ruhe in der engeren Umgebung Gottes zu finden."

Der Autor Prof. Dr. Ralf Konersmann

Der Autor Prof. Dr. Ralf Konersmann

Aber Moment – das Abendland hatte doch in der antiken Lehre der Stoa ein Konkurrenzprodukt!? Eines, das den fernöstlichen Meditationslehren in puncto Schicksalsbewältigung in nichts nachstand, seltsamerweise aber vom westlichen New-Age-Boom ignoriert wurde. Doch so selbstbeherrscht der Stoiker im Feuer schmoren können mochte – auch er glaubte fest an den ewigen Wandel der Welt, musste ihn akzeptieren lernen. So behaupten also beide Säulen des Abendlandes, dass die Welt per se unruhig sei. Damit widerspricht Ralf Konersmann einem Beschleunigungstheoretiker wie dem Soziologen Hartmut Rosa, der meint, erst der weggefallene Jenseitsglaube habe uns moderne Menschen zu getriebenen, diesseitigen Erlebnissüchtigen und Arbeitsmaschinen gemacht. Auch den modernen Kapitalismus sieht Konersmann nicht als Hauptschuldigen. Nein: Ein idyllisches Abendland, in das dann die Unruhe einbricht, habe es nie gegeben. Das sei selbst ein Mythos, der Kainserzählung übrigens auffällig ähnlich.

"Auf der einen Seite ist das ein Sehnsuchtsbild, zu meinen, in irgendwelchen Zeiten habe der Mensch in einer Umwelt leben dürfen, in der er noch nicht so sehr gefordert war... Auf der anderen Seite ist das natürlich auch eine Schmährede, weil man die Vergangenheit als den Ort der Trägheit und der Lethargie von sich abgrenzen möchte und nun die eigene Dynamik und die eigene Aufbruchsbereitschaft feiern möchte... Das ist aber, glaube ich, eine Selbstlegitimierungserzählung der Neuzeit!"

Denn das ist der zweite, aufregende Clou des Buches: Nachzuzeichnen, wie aus dem Unruhefluch ein allseits begrüßter Segen wurde. Obwohl Ralf Konersmann die Unruhe zunächst als fast anonym wirksames Diskursphänomen beschreibt, zeichnet er dann doch die bahnbrechenden Positionen herausgehobener Genies in der Geschichte nach – spannend allzumal: Francis Bacon begreift – revolutionär - die Unruhe als Chance, an der Schöpfung mitzuwirken, um eine noch paradiesischere Welt zu kreieren. Dieser fixe Endpunkt, zunächst als diesseitige, doch fast himmlische Ruhe gedacht, wird sich in der Folge immer mehr verlieren und einem bloßen, fast blinden Voraneilen weichen: Entwicklung, Fortschritt, ständige Aufhebung lauten die Schlagworte von Hegel, Kant oder Schiller; letzterem gerät die Ruhe des Paradieses zur öden Langeweile, die den Menschen zur Sünde zwang, um zu einem Wesen voller Freiheit und Kultur zu werden. Immer allerdings scheint die Unruhe-Thematik implizit zu sein. Erst bei Marx wird sie explizit:

"Der hat sozusagen dieses Bild, diese Metapher der Veränderung scharf gestellt, und hat dann zum Beispiel sehr deutlich im kommunistischen Manifest eine ganze Reihe von Wörtern angeboten, die verdeutlichen sollen, was Veränderung eigentlich ist. Das geht dann los vom Bewegen, vom Wandel, das wird dann schon schärfer, wenn er von Umwälzen spricht und am Ende ist das ein Vernichten, ein Entweihen. Und da merkt man dann eben auch, dass wir es bei der Veränderung keineswegs mit einer Harmlosigkeit zu tun haben."

Eine klammheimliche ironische Freude beschert die Begriffsgeschichte uns hier: Jedem neoliberalem Reformstau-Stürmer sollte klar sein, dass er die Sprachbilder seiner Fortschrittstrunkenheit Marx verdankt. Und wir alle begreifen: Medizin und Psychologie liefern mit „Burnout“ und „Stress“ sehr junge Interpretationen des sehr alten Phänomens Unruhe. Die heutigen Gegengifte, die neumodisch-technischen Metaphern vom „Abschalten“, reichen an die älteren Bilder von Kains Verstoßung in die Rastlosigkeit nicht heran, weil wir selbst beim „Downshiften“ nach dem Hochschalten schielen, um uns weiterzubilden und weiterzuackern und uns weiter zu wandeln. Die geschichtlich tiefere Triebkraft bekommen biologistische Theorien somit nicht in den Blick, sie kurieren Symptome. Gewiss wollte Ralf Konersmann kein Selbsthilfebüchlein verfassen. Seltsamerweise erzeugt das Buch dann doch so etwas wie Erleichterung und Erlösung: Der Autor spricht den Einzelnen zwischen den Zeilen frei von der Schuld, so rastlos zu sein. Fänden ein paar Menschen die Muße, dieses in einfacher Sprache geschriebene Fachbuch zu lesen, wäre viel gewonnen!

"Das mag so wirken, und ich hätte nichts dagegen, zumal ich keine Anklageschrift verfassen wollte... Es ist ja schon so, dass sich hier eine ganze Kultur in einen Bildzusammenhang hineinbegeben hat, und der Einzelne völlig überfordert wäre, und man diese Schuldfrage, ganz abgesehen davon, dass ich davon grundsätzlich nichts halte, auch gar nicht adressieren könnte. Und ich sehe die Aufgabe der Philosophie auf diesem Feld, sich Rechenschaft abzulegen von dem, was alle sagen, was alle glauben, was selbst die Ungläubigen glauben."

Ralf Konersmanns Gegenkonzept bleibt jedoch ein wenig vage: Mit Hölderlins Weisung "So eile denn zufrieden!" möchte er die Unruhe der Welt anerkennen, ihr trotzdem Ruhe abtrotzen in einer permanenten, gelebten Sorge um das Selbst. Das mag verkennen, dass wir nicht nur in Sprachbildern, sondern in einem globalen Wettbewerb leben, den das Abendland der Welt aufgezwungen hat. Trotzdem bleibt dieses Werk ein schönes Beispiel dafür, wie der Philosoph sehr gewinnbringend uns den Blick öffnet für das größere Bild, das den Spezialwissenschaften entgeht.

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