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SWR2 Buch der Woche am 02.03.2015 Helle Helle: Färseninsel

Aus dem Dänischen von Flora Fink

Eine Frau steckt in einer tiefen Krise. Sie verlässt ihren Mann und will sich auf eine dänische Insel zurückziehen. Doch dort fährt wetterbedingt keine Fähre, und so nehmen John und Putte die Gestrandete herzlich auf. In großer Schlichtheit schildert die dänische Autorin Helle Helle in "Färseninsel" das Zusammenleben der drei. Ein unpompöser Roman mit großer Nachwirkung.

Buchcover - Helle Helle: Färseninsel

Buch

Helle Helle

Färseninsel. Aus dem Dänischen von Flora Fink

Verlag:
Dörlemann-Verlag
Länge:
224 Seiten
Preis:
19,90 Euro
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5:30 min

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Helle Helle: Färseninsel

Irgang, Margrit

Aus dem Dänischen von Flora Fink <br />Dörlemann-Verlag <br />19,90 Euro <br />Rezension von Margrit Irgang

Helle Helle, geboren 1965, ist eine der bekanntesten Autorinnen Dänemarks. Sie studierte Literaturwissenschaft, besuchte eine Schriftstellerschule und arbeitete fünf Jahre für den dänischen Rundfunk. Ihre Werke sind in vierzehn Sprachen übersetzt und werden regelmäßig mit Literaturpreisen ausgezeichnet; seit 2011 erhält sie sogar ein lebenslanges Künstlereinkommen des Dänischen Kunstfonds. Ihr Stil zeichnet sich durch große Lakonie aus, ihre knappen Dialoge sind hintergründig und oft voller Humor.

Eine Frau sucht einen guten Ort zum Weinen, steigt in der Stadt in den nächstbesten Bus und in einem Nest im dänischen Seeland wieder aus. Sie würde gern auf die Insel fahren, die man von der Küste aus sieht, aber es gibt keine Fähre. Jetzt sitzt sie an der Bushaltestelle; der Bus fährt nur einmal am Tag und ist weg, und über dem Meer braut sich ein Sturm zusammen. Ein junges Paar, John und Putte, lädt sie ein, die Nacht in ihrem kleinen Haus zu verbringen. Die Frau geht mit. Die beiden stellen keine Fragen nach dem Woher und Wohin und nehmen die Fremde mit Selbstverständlichkeit in ihren Alltag auf. Sie essen miteinander zu Abend und sehen fern, und dann wird der Fremden auf dem Sofa ein Bett bereitet.

Wer ist diese Frau, die im Roman als Ich-Erzählerin auftritt? Anfangs wissen wir nicht viel mehr von ihr als John und Putte. Wir kennen nicht einmal ihren Namen (und werden ihn auch bis zum Schluss nicht erfahren). Als eine Vorstellung bei der neugierigen Nachbarin nicht zu vermeiden ist, tauft Putte die Fremde kurzerhand "Bente". Immerhin erzählt sie uns, dass sie Schriftstellerin ist und ihre Arbeit und ihre Ehe in einer Krise sind. Zu Hause hat sie monatelang auf dem Sofa gelegen, das Fenster mit einer grauen Wolldecke verhängt, und sich von Rumkugeln und Cocktailwürstchen aus der Dose ernährt. John und Putte dagegen pflegen liebevoll ihr bescheidenes Mobiliar und kochen mit Sorgfalt. Dann taucht Puttes Bruder Ibber auf, ebenso herzlich wie die beiden und ausgesprochen attraktiv. Bente hört auf zu weinen.

Puttes Onkel liegt gerade im Krankenhaus, deshalb betreuen John und Putte dessen zwei Jagdhunde im nahegelegenen Zwinger. Zeit dafür haben sie reichlich, sie halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Das Geld reicht gerade für Lebensmittel, Zigaretten und die Briketts für den Kamin. Ein Auto brauchen sie nicht, sie fahren Rad. Die Schlichtheit, in der sie leben, scheint ihnen nicht das Geringste auszumachen, im Gegenteil: Diese Menschen sind von einer herzerwärmenden Lebensfreude. Sie lachen gern und viel, spielen, wenn sie nicht schlafen können, nachts das Kartenspiel Uno und jeden Mittwoch eine Runde "Mensch ärgere dich nicht" - der Verlierer muss den Putzdienst übernehmen.

Das Faszinierende an diesem Roman ist, dass uns die Ich-Erzählerin trotz der ungewöhnlichen Situation, in die sie geraten ist, nichts über ihre Gefühle mitteilt; immerhin wirkt sie nicht unglücklich. Sie beobachtet dagegen höchst genau die Menschen, mit denen sie zu tun hat, und so sind im Grunde John, Putte und Ibber die Hauptfiguren in diesem Buch. Helle Helle arbeitet gern mit knappen Dialogen, die sich um Alltagsdinge drehen. Einmal sind Briketts angeliefert worden, als Bente alleine im Haus war, und sie sagt zu Ibber am Telefon: "Gerade sind Briketts angekommen." Er: "Wie viele?" Sie: "Vier Paletten." Er: "Dann haben sie den großen Rabatt bekommen. Du kannst sie einfach stehenlassen." Diese Menschen führen ein bodenständiges Leben ohne Designerschick, und sie sind offenbar körperliche Arbeit gewohnt.

Dann aber beginnen sich unmerklich die Kräfteverhältnisse zu verschieben. Als John einen Unfall hat und ins Krankenhaus muss, verlassen sich alle auf Bente. Die vertauscht die Schweinslederhandschuhe mit Thermohandschuhen und die hochhackigen Stiefel mit Gummistiefeln. Zu Hause hat sie manchmal den ganzen Abwasch in den Müll geworfen, weil sie sich nicht zum Spülen aufraffen konnte; jetzt kümmert sie sich um die Hunde und scheint die Verantwortung, in der sie sich unversehens wiederfindet, gut zu meistern. Von der Färseninsel ist nicht mehr die Rede, und Bente lässt Tag für Tag den einzigen Bus abfahren, ohne einzusteigen. Und auf einmal ist es Putte, die weint, ist es Ibber, der die Fremde nicht mehr gehenlassen will, und als auch noch der Onkel aus der Klinik entlassen wird und Bente seinen eigenen Plan unterbreitet, fragt sich die Leserin, wer hier eigentlich wen nötiger braucht und warum.

Die Autorin Helle Helle

Die Autorin Helle Helle

Die Autorin Helle Helle gilt in ihrer Heimat Dänemark als Kritikerin des Wohlfahrtsstaates, aber man darf diesen Roman nicht als eine Feier des einfachen Lebens lesen. Helle Helle erzählt vielmehr von Menschen, die sich ihre Herzensweite und Güte trotz tiefer Verletzungen bewahrt haben. Je mehr wir aus der Vergangenheit von John, Putte und Ibber erfahren, umso hintergründiger wirken diese scheinbar banalen Alltagsdialoge um das Einkaufen, Kochen und Hundefüttern. Sie zeigen vielmehr eine zärtliche Behutsamkeit im Umgang miteinander und eine mühsam hergestellte Normalität, die manchmal lebensrettend sein kann. Inzwischen haben wir erfahren, warum Bente eine Woche zuvor weinend in den Bus gestiegen und abgehauen ist. Im Vergleich zum Schicksal von John, Putte und Ibber wirkt Bentes neurotische Empfindlichkeit wie ein Luxusproblem. Wird diese Frau sich wirklich des Vertrauens würdig erweisen, das ihre Gastgeber in sie setzen?

Helle Helle hat einen wunderbaren Roman geschrieben, der gleichzeitig komisch und traurig ist und ganz viel Wärme ausstrahlt. Und Flora Fink hat für ihre Übersetzung eine bemerkenswerte Sprache gefunden, die knapp ist, ohne spröde zu sein und allen Zwischentönen Raum gibt.

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