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Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begann der Gerichtsschreiber Friedrich Kellner ein Tagebuch zu führen. In fast 700 Eintragungen analysierte Kellner die Zeitungsartikel seiner Zeit. Nun ist sein Tagebuch in zwei Bänden erschienen. Ein außerordentliches Zeitdokument!
Besprechung von Stephan Reinhard
Friedrich Kellner, Leiter der Geschäftsstelle des Amtsgerichtes in der nordhessischen Kleinstadt Laubach, war 54 Jahre alt, als er im August 1939 dieses Tagebuch zu führen begann, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieg. Der gelernte Gerichtsschreiber zweifelte nicht daran, dass Hitler diesen Krieg von Anfang an gewollt hatte und Deutschland damit in eine Katastrophe führen würde. Kellner, überzeugter Sozialdemokrat, war enttäuscht darüber, dass sich seine Landsleute so willig zu Sprachrohren der NS-Ideologie hatten machen lassen, nicht zuletzt der in Laubach über ihm wohnende Präsident des Amtsgerichtes. Die Gehirnwäsche der Nazis hatte gewirkt: "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne", stellte er fest.
Um den "Nachkommen" aber "ein wahres Bild der Wirklichkeit zu übermitteln", dokumentierte Kellner die Ereignisse der Kriegsjahre. Er schnitt Hunderte von Artikeln aus – Reden und Meldungen aus NS-Zeitungen wie "Völkischer Beoachter", "Hamburger Fremdenblatt", aus Wochenzeitungen wie "Das Reich" und "Das Schwarze Korps". Er klebte sie in sein Tagebuch und kommentierte.
Kellner, der Hitlers "Mein Kampf" genau studiert hatte und immer wieder daraus zitiert, hatte erkannt, dass Hitler darin "seine intimsten Gedanken ganz offen zum Ausdruck gebracht" hatte; dass er zum Beispiel die Demokratie, deren geistige Architektur sich der Aufklärung verdankt, als undeutsch verachtete und stattdessen auf Rassismus und Nationalismus setzte. Die angeblich überlegene germanische Rasse erklärte er für befugt, Juden und sogenannten "slawischen Untermenschen" Lebensraum und Leben zu nehmen. Das bedeutete eine von ethnischer Arroganz getragene Gewaltpolitik, also Krieg. Dem entsprach die jahrelange Militarisierung Deutschlands in jeder Hinsicht. Vollzogen vor allem mit Hilfe der Propaganda, der, so Hitler, "tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe".
Während Kellner anhand der Zeitungsausschnitte den Kriegsverlauf darstellt, analysiert und dechiffriert er ihre Propagandasprache. Dass Hitler und die Wehrmacht zum Beispiel andere Länder bombardieren, sie überfallen und Millionen Menschen töten, glorifizieren die gleichgeschalteten Medien als "Heldentaten". Verteidigen sich die Besetzten, sind es "feige" Partisanen; und bombardieren britische Bomber im Gegenzug deutsche Städte, sind es "Mordbestien". "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem anderen zu" – als moralischen Kompass zitiert Kellner immer wieder solche Sprichwörter.
Von der Tötung der Juden erfährt er erstmals Ende Oktober 1941, und am 16. September 1942 notiert er, dass die Juden seines Bezirks deportiert wurden. "Von gut unterrichteter Seite hörte ich, dass sämtliche Juden nach Polen gebracht und dort von SS- Formationen ermordet würden." Für Kellner ist klar: "Solche Schandtaten werden nie aus dem Buche der Menschheit getilgt werden können. Unsere Mörderregierung hat den Namen "Deutschland" für alle Zeiten besudelt." Nur die militärische Niederlage, weiß er, kann die Deutschen wieder zur Vernunft bringen.
Erstaunlich, wie genau und detailliert Kellner die Frontverläufe sowie die jeweiligen militärischen Kräfteverhältnisse anhand der offiziellen Berichte einzuschätzen weiß. Kellner, der "Meckerer und Miesmacher", wie er sich ironisch selbst nennt, ist mutig. Er hört "Feindsender", informiert Mitarbeiter und Bekannte und verteilt in Warteräumen und Zügen Flugblätter, die angloamerikanische Flugzeuge abgeworfen haben. Er übersteht "gefährliche Augenblicke" und, juristisch versiert, hält er Bürgermeister und Ortsgruppenleiter in Schach, indem er ihnen Vergehen wie Steuerbetrug vorhält.
Diese Tagebücher, die Kellner im Geheimfach seines Wohnzimmerschrankes versteckte und die sein Enkel aus dem Nachlass zugänglich macht, sind ein zeitgeschichtliches Dokument. Sie zeigen, was ein politisch Interessierter selbst in abgelegener Provinz vom wirklichen Kriegsverlauf und den Verbrechen der Nazis erfahren konnte.
Stephan Reinhard
Letzte Änderung am: 05.09.2011, 10.26 Uhr