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In die Sumpflandschaften von Florida führt "Swamplandia", der neue Roman von Karen Russell. Swamp heißt Sumpf auf Deutsch. Ein spannendes, flirrendes Stück Literatur ist der begabten, jungen Autorin da gelungen, findet Claudia Fuchs.
Besprechung von Claudia Fuchs
Wer einen 500‐Seiten‐Roman mit düsteren Verheißungen beginnt, der hat seine Leser gepackt.
... – Mom war tot, und ich dachte, schlimmer könne es nicht mehr kommen. Damals ahnte ich nicht, dass eine Tragödie eine weitere hervorbringen kann, und noch eine, und noch eine – bis ein Unheil nach dem nächsten munter aus dem Todesloch geflattert kommt wie Fledermäuse aus einer Höhle. Swamplandia, S. 16
Es ist die dreizehnjährige Ava Bigtree, die uns ihre Geschichte erzählt, ein frühreifes, verlorenes Inselkind aus den sumpfigen Everglades von Florida. Solche Mädchenstimmen kennen wir von der Südstaatenautorin Carson McCullers, aber so klar hat man sie lange nicht mehr gehört.
Karen Russell, 1981 in Miami geboren und selbst im tropischen Marschland der Everglades aufgewachsen, nimmt uns mit auf eine furiose Fantasiereise in Floridas Sümpfe, in National‐ und Freizeitparks, deren bedrückende Magie den Atem stocken lässt.
Die weiße Bigtree‐Familie hat sich selbst einen mythischen Indianer‐ Stammbaum ersonnen, um den abgetakelten Familienpark Swamplandia, der auf einer Insel liegt, besser an die Touristen vom Festland zu verkaufen. Nach dem frühen Tod der Mutter, dem Star der Alligatorringer‐Show, bleiben ein überforderter Vater und drei verwirrte Teenager zurück. Kiwi, der 17jährige Sohn, flieht bildungshungrig aufs Festland und jobbt im neuen Konkurrenzpark, seine 16jährige Schwester Ossie verschwindet in spiritistischen Traumwelten, der demente Großvater wird in ein schwimmendes Seniorenheim entsorgt.
Als der Vater eine fragwürdige Geschäftsreise antritt, muss Ava sich alleine um die 98 Alligatoren auf der Insel kümmern. Ratlos bricht die junge Alligatorringerin in die stickigen Mangrovensümpfe auf, besorgt um ihre verschwundene Schwester und ihre eigene Zukunft. An ihrer Seite ist der rätselhafte "Vogelmann", ein Herumtreiber im Vogelfedermantel, ihr Führer in ein dämmriges Zwischenreich. Dies ist eine Geschichte über Wahrheit und Lüge, über Hoffnung und Scheitern und über die schäbigen Ränder des "sunny state" Florida. Es ist auch ein Appell, den überwältigenden Naturreichtum am Golf von Mexiko zu schützen.
Sieben Uhr: Wir trieben auf einem von Eichen und Goldpflaumen gesäumten Strom dahin. Die Schmetterlinge, die wie blasse Dreiecke durch die Luft sausten, waren so schön, dass ich daraus den Schluss zog, wir müssten noch weit von der Unterwelt entfernt sein. Die Sonne versank schräg hinter den Bäumen, was aussah, als stiege ein rundgesichtiger Mann bedächtig eine Leiter hinunter. Zwei Weichschildkröten auf einem Stein reckten uns die schwarz‐karamell‐braunen Hälse entgegen. Swamplandia, S.281
Karen Russell ist eine sprachmächtige Erzählerin, die immer den richtigen Ton trifft. Ihre exotischen Tier‐ und Pflanzenwelten ähneln magischen Räumen mit schwankendem Boden. Neben Avas wundersamer Reise ins subtropische Herz der Finsternis erleben wir ihren älteren Bruder Kiwi in einer billigen Freizeithölle schuften wie einen Drittwelt‐Tagelöhner. Auf seiner abgelegenen Heimatinsel hat er den Anschluss an die amerikanische Jugendkultur verpasst.
Jenseits des Gewirrs von Entwässerungskanälen ... befand sich der ... Parkplatz ..., wo Kiwi Bigtree ... saß und mit der gezierten Faszination eines Anthropologen seinen neuen Freund Vijay beobachtete, der eine Bong stopfte und rauchte. "Bong" gehörte zu einer Liste von 23 neuen Festland‐Vokabeln, die Kiwi ... diese Woche gelernt hatte. "Alter, willste auch nen Zug?", fragte Vijay mit verklärtem Blick. "Willste mal hitten?" Kiwi schüttelte den Kopf. ... "Komm schon, ... schwing deinen Arsch hier rüber und hilf mir durchschießen! Ehrlich, Alter, das ist voll der Abtörner, wenn du nur zuguckst." Swamplandia, S. 107/108
Meist bewegt sich die Übersetzerin Simone Jakob sicher zwischen den wechselnden Sprachebenen. Aber: Statt "Cerealienschüssel" müsste es "Müslischale" heißen und der "Bolo‐Tie" ist eine "Cowboykrawatte".
Schon seit ihrem Kurzgeschichtenband "Schlafanstalt für Traumgestörte" zählt Karen Russell zu den besten jungen Schriftstellern der USA. Jetzt hat sie mit ihrem ersten Roman eine realistische "gothic novel", einen Roman mit fantastisch‐unheimlichen Elementen, geschrieben.
Darin verpackt: Zwei "coming of age" Geschichten, eine Naturgeschichte der Everglades und eine Reportage über die "working poor". Die Spannung hält bis zur letzten Seite, und bis dahin will man sowieso nur noch auf einem Propellerboot in den Sümpfen der Florida Keys verschwinden.
Claudia Fuchs
Letzte Änderung am: 20.07.2011, 09.37 Uhr