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Der 62jährige Yi Munyol ist einer der wichtigsten Autoren Südkoreas. Nun ist mit "Der Dichter" ein weiterer Roman von ihm auf Deutsch erhältlich. Ein Meisterwerk, meint Katharina Borchardt.
Besprechung von Katharina Borchardt
Korea im Jahre 1811: Der Großvater des kleinen Kim Byong‐yon – ein angesehener Richter – schließt sich einem Aufstand gegen den König an. Die Rebellion wird niedergeschlagen und der Großvater getötet. Doch damit nicht genug:
Wenn jemand ein Aufständischer wird, zieht dessen Bestrafung die Vernichtung der Familie für wenigstens drei Generationen nach sich, und das schloss sie mit ein. (S. 18)
Sie – das sind Kim Byong‐yons Eltern, sein Bruder und er selbst. Weil der Großvatergegen die konfuzianische Grundregel der absoluten Loyalität gegenüber dem König verstoßen hat, wird Byong‐yons Familie aus Seoul verjagt. Der Vater stirbt recht bald,und die Mutter richtet all ihre Hoffnung auf den fleißigen Byong‐yon.
In dem verbissenen Versuch, seine ursprüngliche gesellschaftliche Stellung zurückzugewinnen, klammerte er sich ans Lernen als das einzige Mittel. Jedes Sehnen muss einfach noch stärker und leidenschaftlicher sein, wenn ihm der Gegenstand einmal gegeben und dann genommen worden ist, als wenn es sich auf etwas gänzlich Neues richtet. (S. 62 f.)
Dies schreibt der Erzähler, der immer noch etwas mehr weiß als die Legenden, von denen es zahlreiche gibt. Denn den später so bekannten Dichter Kim Byong‐yon hat es tatsächlich gegeben: Mit 19 schreibt er ein flammendes Gedicht gegen seinen Großvater. Doch als er damit einen Lyrikwettbewerb gewinnt, schleicht er beschämt von dannen. Der innere Konflikt zerreißt ihn schier: Der Konfuzianismus schreibt die Treue dem König gegenüber vor, aber ebenso die Demut gegenüber den Vorfahren. Wenn sich nun aber ein Vorfahre gegenüber dem König schuldig gemacht hat –welche Regel ist dann verpflichtender?
In den Staatsdienst wird Byong‐yon nicht mehr aufgenommen. Er verlässt seine Familie und zieht über dreißig Jahre lang als wandernder Poet durch Korea. Auf dieser Wanderschaft lernt er unterschiedliche Menschen kennen, und er durchlebt mehrere einander diametral entgegengesetzte Schaffensphasen. Anfangs schreibt er noch ganz in dem gelehrten Stil, der auch – nach chinesischem Vorbild – bei der Beamtenprüfung abgefragt wird. Jahre später erfindet er derbe Verse und arriviert damit in Schenken und auf Marktplätzen. In einer späteren Phase werden seine Gedichte vorübergehend still und meditativ. Doch dann gerät er in eine Gruppe von Aufständischen und schreibt auf einmal politische Lieder, die das Volk aufpeitschen und die reichen Leute erschrecken. Bis in sein 50. Lebensjahr bleibt er ein wilder Bursche, ein bekennender Außenseiter. Der Autor Yi Munyol ist in Korea für eine ähnliche Haltung bekannt.
„Ich konnte das Innenleben von Kim Byong‐yon gut beschreiben, denn auch ich habe die Bestrafung meiner ganzen Sippe erlebt. Dabei wird nicht nur der Delinquent bestraft, sondern auch seine Familie, seine Frau und sogar seine Kinder.“
Während des Koreakriegs schloss sich Yi Munyols Vater den nordkoreanischenTruppen an – die Familie wurde später natürlich nicht mehr direkt bestraft, doch den politischen Makel wurde sie nicht mehr los. Yis Schulbesuch, seine Karriere – alles litt schwer unter dem „Vergehen“ seines Vaters. Die Parallelen sind frappierend, schließlich hat sich auch Kim Byong‐yons Großvater Aufständischen mit quasisozialistischen Visionen aus der Pjöngjanger Gegend angeschlossen. Trotzdem betont Yi Munyol:
„Kim Byong‐yon war ein Außenseiter, weil sein Großvater den König verraten hatte. Um ihn zu beschreiben, waren meine eigenen Erlebnisse sehr hilfreich, aber ich habe mich trotzdem nicht ganz und gar mit ihm identifiziert.“
Von Yi Munyol sind bereits mehrere große Romane ins Deutsche übersetzt worden. Mit „Der Dichter“ kommt nun ein klassischer Entwicklungsroman hinzu, der nur als ein Meisterwerk bezeichnet werden kann. Trotz der deutlich ordnenden Hand des Erzählers zeigt sich Yi Munyol wieder als erzählerischer Extremist: Er erspart seinem Kim Byong‐yon nichts: keine Qual, keinen Exzess, keine schmerzhafte intellektuelle Debatte. Aber am Ende gewährt er ihm eine Erlösung, die die Intensität dieses Romans noch potenziert:
"Er zog weiter. Auf diesen stillen Pfaden an den Hügeln entlang, und keine Menschenseele weit und breit, kam er leichten Schrittes rasch voran. Dabei schüttelte er den Staub der Weltdebatten über Recht und Unrecht ab. Wie eine Wolke, eine Brise, eine Wildblume, ein Vogel. (S. 256)
Der Roman „Der Dichter“ von Yi Munyol wurde von Kim Sun Young und Friedhelm Bertulies meisterhaft aus dem Koreanischen übersetzt.
Katharina Borchardt
Letzte Änderung am: 06.04.2011, 11.36 Uhr