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Was Länder lesen: Peru Cinco Esquinas von Mario Vargas Llosa

Kulturthema am 31.8.2016 von Ivo Marusczyk

In seinem neuen Roman "Cinco Esquinas" rechnet Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa mit der Fujimori-Diktatur der späten 90er Jahre ab – und mit dem Boulevard-Journalismus. Der Roman schildert das Klima der Angst, das Fujimoris Geheimdienst in Peru geschaffen hatte - auch mit Hilfe willfähriger Sensationsreporter. Das Buch könnte zum Ausgang der Präsidentenwahl beigetragen haben - schließlich fehlten Fujimoris Tochter Keiko nur 40.000 Stimmen zum Wahlsieg. "Cinco esquinas" wurde in ganz Lateinamerika beachtet und soll im Herbst unter dem Titel "Die Enthüllung" auf Deutsch erscheinen.

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"Ich hatte schon lange die Idee mit mir herumgetragen, ein Buch zu schreiben, das irgendwie die traurigen und dramatischen Erfahrungen der Peruaner in den letzten Jahren der Fujimori-Diktatur aufgreift." Vargas Llosa

Das Ergebnis dieser Überlegungen gibt es seit März schwarz auf weiß. Genau zu seinem 80. Geburtstag hat Mario Vargas Llosa seine Abrechnung mit den Methoden Fujimoris veröffentlicht. "Cinco esquinas" heißt der neue Roman des Literaturnobelpreisträgers im Original, wörtlich "fünf Ecken" - nach einem Stadtviertel von Lima, das früher die beste Adresse der Stadt war, aber mittlerweile völlig heruntergekommen ist.

Diktator Fujimori hat die Sensationspresse für seine Zwecke benutzt

"Ich wollte eine Geschichte über eine besondere Eigenart der Diktatur von Fujimori und seinem Geheimdienstchef Montesinos schreiben - nämlich dass sie die Sensationspresse eingespannt haben, um ihre Kritiker einzuschüchtern und sie zum Schweigen zu bringen." Vargas Llosa

Vargas Llosa schildert in "Cinco Esquinas" das Klima der Angst, der Überwachung, der dauernden Bespitzelung, und der Unsicherheit, wie er es in den späten 90er Jahren erlebte. Fujimori und sein Geheimdienstchef griffen zu immer radikaleren Methoden, um den Bürgerkrieg gegen die Rebellen des "Leuchtenden Pfades" letztlich mit purer Gewalt zu ersticken. Im Mittelpunkt des Romans steht ein erfolgreicher Ingenieur, den der Chef eines Sensationsblattes mit Fotos erpresst, die ihn in einer delikaten Situation zeigen sollen.

Ein Roman über den Einfluss der Politik auf das Privatleben der Menschen

Die untergehende Diktatur sorgt für ein Klima extremer Anspannung. Eine Diktatur die sich auflöst, die ganz offensichtlich schon in den letzten Atemzügen liegt, erschafft ein Klima der Unsicherheit und Instabilität, in dem es zu unvorhersehbaren Begegnungen kommt. Dabei behauptet der Autor allerdings, "Cinco Esquinas" sei überhaupt kein politischer Roman:

"Es ist eher ein Roman über die Gesellschaft, über den Einfluss der Politik auf das Privatleben der Menschen." Vargas Llosa

Vargas Llosa kandidierte 1990 für das Präsidentenamt – und unterlag Fujimori

Wobei man sich nicht vorstellen kann, dass ausgerechnet Vargas Llosa ein unpolitisches Buch schreibt. Schließlich war er selbst der Gegenkandidat, der im Jahr 1990 in der Stichwahl um das Präsidentenamt in Peru Alberto Fujimori unterlag. Und jetzt, in diesem Jahr bezog der Schriftsteller öffentlich immer wieder Stellung gegen Fujimoris Tochter Keiko, die vor dieser Präsidentschaftswahl alle Umfragen anführte. Er mischte sich lebhaft in den Wahlkampf ein.

"Keiko Fujimori ist Fujimori - alles, wofür er stand, lebt weiter in der Kandidatur von Keiko. Wenn sie gewinnt, das wäre ein später Triumph für eines der korruptesten und blutigsten Regime, die Peru in seiner Geschichte erlebt hat." Vargas Llosa

Und Vargas Llosa warf den Peruanern vor, sie hätten das alles schon vergessen. Was Keiko Fujimori so nicht stehen lassen wollte.

"Ich bedaure, dass Herr Vargas Llosa sich wieder - wie immer - einmal von seiner Leidenschaft hinreißen lässt. Dabei sind seit seiner Niederlage von 1990 doch schon 25 Jahre vergangen." Keiko Fujimori

Der Roman erschien mitten im Wahlkampf

"Cinco esquinas" erschien also in Peru mitten im Wahlkampf, mitten in einer aufgeheizten politischen Debatte. Und der Roman über die Methoden des Fujimorismus wurde in ganz Lateinamerika viel beachtet, viel diskutiert und - viel gelesen. Und falls Vargas Llosa mit seinem Roman nur einige zum Nachdenken gebracht hat, dann könnte das Buch sogar dazu beigetragen haben, die Wahl zu entscheiden. Denn das Ergebnis fiel unglaublich knapp aus.

Mit gerade einmal 50,12 Prozent der gültigen Stimmen setzte sich Pedro Pablo Kuczynski um Haaresbreite gegen Keiko Fujimori durch. Ein später Triumph für Vargas Llosa. Deutsche Leser können den Roman auch bald lesen. "Cinco esquinas" erscheint im Oktober unter dem deutschen Titel "Die Enthüllung“.

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