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Was Länder Lesen: England "The Long Weekend": Das englische Landleben zwischen den Weltkriegen

Kulturthema am 30.8.2016 von Stefanie Pieper

Die britische Fernsehserie "Downton Abbey" hat auch in Deutschland das Interesse am englischen Landleben zwischen den beiden Weltkriegen geweckt: Wie hat sich damals die Oberklasse vergnügt, welche Sorgen hatte sie, und wie mussten die Bediensteten schuften? In Großbritannien ist in diesem Sommer ein neues Sachbuch erschienen, dass sich den herrschaftlichen Häusern auf dem Land widmet – und dem, was dort insbesondere an den Wochenenden so passiert ist: "The Long Weekend: Life in the English Country House between the Wars".

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Vielleicht erschieße ich Marlborough einfach

Gewiss keine schlechte Art, ein Sommer-Wochenende auf dem Land zu verbringen: Frühstücken bis um halb zwölf, danach eine Partie Golf spielen oder durch den Park spazieren, mit dem Afternoon Tea den kleinen Hunger zwischendurch stillen und am Abend schließlich – nach einem ausgiebigen Bad – zum festlichen Dinner schreiten. Seine Schilderungen des englischen Landlebens zwischen den Weltkriegen garniert Autor Adrian Tinniswood mit zahlreichen Anekdoten – wie dieser über die zweite Ehefrau des neunten Herzogs von Marlborough:

"Beim Abendessen zog sie plötzlich einen Revolver hervor, und als einer der Gäste nervös fragte, was sie damit wolle, antwortete sie: 'Oh, ich weiß nicht, vielleicht erschieße ich Marlborough einfach'." Buchauszug

Tinniswood verbindet Architektur- und Sozialgeschichte

Da überrascht es nicht, dass das Paar später getrennte Wege geht. Tinniswood hat für "The Long Weekend" Briefe, Memoiren und Tagebücher studiert und natürlich unzählige britische Herrenhäuser besucht. Er verwebt geschickt Architektur- mit Sozialgeschichte.

Der Mann mit der Taschenlampe war ein Einbrecher

Zunächst wirft der Erste Weltkrieg noch seinen langen Schatten, später aber finden auch fern der Hauptstadt wieder opulente Partys statt. Und politisch Konservative werden zu gesellschaftlich Liberalen, denn homosexuelle und außereheliche Begegnungen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Beim Ausflug aufs Land gilt das Motto: "Don’t ask, don’t tell." - nichts fragen, nichts sagen:

"Eines Nachts traf ein Kindermädchen auf einen jungen Mann, der mit einer Taschenlampe den Flur entlang schlich. Sie nahm an, dass er zum Vergnügen in einem anderen Schlafzimmer war - und sprach ihn deshalb nicht an. Tatsächlich war er ein Einbrecher, der eine Perlenkette im Wert von 4.000 Pfund mitgehen ließ." Buchauszug

Der Adelstitel wird vererbt, das Vermögen ist schon weg

Scheidungen sind geradezu en vogue, schreibt Tinniswood, selbst in adeligen Kreisen. Und unter betuchten englischen Ehefrauen kursiert in den 20er Jahren der geflügelte Spruch: „Entweder Deine Ehe ist glücklich, oder Du wendest Dich der Inneneinrichtung zu.“ So wie die Gattin eines Grafen, die zuvor in Hollywood ihr Geld verdient und die ihren Innenarchitekten verzweifeln lässt:

"Sie war eine gewöhnliche Frau ohne Hirn, die keine Ahnung hatte, was das Haus eines Engländers darstellen sollte." Buchauszug

Kabel verlegen mit Kaninchen und Frettchen

Der älteste Sohn erbt vom Vater zwar den Titel, aber selten das nötige Kleingeld, um den Landsitz zu erhalten, geschweige denn zu modernisieren. Also angelt sich so mancher aus der englischen Oberklasse eine reiche Amerikanerin. Die will natürlich Badezimmer mit fließend Warmwasser haben und den Anschluss ans Stromnetz. Um dabei jedoch nicht das Dekor zu zerstören, hat ein Handwerker die clevere Idee, Elektroleitungen unsichtbar zu verlegen:

"Sie hoben die Dielen an einem Ende des Zimmers an und warfen in den Hohlraum darunter ein totes Kaninchen. Dann hoben sie Dielen am anderen Ende des Zimmers an und ließen unten drunter ein Frettchen frei. Dem hatten sie zuvor ein Stromkabel um den Hals gebunden. Das Frettchen lief zum Kaninchen – und hey, schon war das Kabel verlegt." Buchauszug

Mit dem Zweiten Weltkrieg beginnt eine dunkle Ära

Das Buch des Historikers Tinniswood endet mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Eine neue, dunkle Ära bricht an, in der viele Herrenhäuser zu Kinderheimen und Lazaretten umfunktioniert werden. Ihre Sehnsucht nach dem vermeintlich unbeschwerten Leben auf dem Land aber haben sich viele - auch weniger vermögende - Engländer bis heute bewahrt: "Countryfile" ist eine der populärsten Fernsehsendungen, der Landhaus-Look bleibt beliebt, und Gummistiefel sowie Wachsjacke gehören zur Grundausstattung.