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Zum Internationalen Frauentag Sollten wir für die Emanzipation der Mutter kämpfen?

Kulturgespräch am 8.3.2016 mit der Schriftstellerin Alina Bronsky

Es ist der 8. März 2016 und damit "Internationaler Frauentag" beziehungsweise, wie er ganz feierlich und offiziell heißt, "Der Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden". In Deutschland allerdings ist eine der umstrittensten Frauenrollen nach wie vor ausgerechnet ihre vielleicht ursprünglichste, nämlich die der Mutter. Endlose Grabenkämpfe werden ausgefochten um Helikopter-, Raben- oder Latte-Macchiato-Mütter, Buchtitel wie "Die Mutterglück-Lüge. Regretting Motherhood - Warum ich lieber Vater geworden wäre" erreichen maximale Aufmerksamkeit. Pünktlich zum "Internationalen Frauentag" erscheint ein Buch, das die deutsche Mütterdebatte einmal mehr zum Brodeln bringen dürfte, Titel: "Die Abschaffung der Mutter. Kontrolliert, manipuliert und abkassiert – Warum es so nicht weitergehen darf". Geschrieben haben es zwei Frauen und Mütter, Denise Wilk und Alina Bronsky.

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Frau Bronsky, Ihr Buchtitel, "Die Abschaffung der Mutter", erinnert ja vermutlich nicht umsonst an einen anderen deutschen Polemik-Bestseller, nur dass es bei Ihnen eben nicht um Deutschland geht, sondern um die Mutter. Wie kommen Sie zu dem Eindruck, dass Mütter abgeschafft werden, ist das Thema Mutter nicht gerade im Gegenteil allgegenwärtig?

Da muss ich natürlich gleich zu dem, was Sie zum Titel gesagt haben, Stellung nehmen. Sie sind die Erste, die diese Verbindung feststellt, und die müssen wir als Autorinnen natürlich sofort von uns weisen. Das Wort Abschaffung ist ja nicht patentiert, durch keinen anderen Autor, das ist ein normales deutsches Wort. Und natürlich ist unser Titel zugespitzt.

Auch wenn das eine überspitzte Formulierung ist, wie kommen Sie dazu zu sagen, dass Mütter abgeschafft werden?

Wir haben schon seit einigen Jahren beobachtet, dass sich bestimmte Entwicklungen zugespitzt haben, und zwar gehen die in die Richtung, dass Mütter heutzutage als unwichtig gelten, als jemand, der leicht zu ersetzen ist, als jemand, der grundsätzlich erst mal inkompetent ist. Und das alles führte in die Richtung, dass man sagen kann: Okay, die Mutter ist letztendlich nur eine von vielen Bezugspersonen, und vielleicht auch nicht die beste, und insofern ist es auch gar nicht so schlimm, wenn einfach jemand anderes kommt und an ihrer Stelle da ist. Und das alles haben wir unter diesem, zugegeben, recht provokanten Titel zusammengefasst.

Entweder Beruf oder Kinder, das war ja in Deutschland lange die gängige Alternative für Frauen, weshalb dann auch im Vergleich, etwa zu Frankreich, vor allem gut ausgebildete Frauen in Deutschland oft keine oder wenige Kinder bekamen. Das hat sich aber doch in den letzten Jahren deutlich gebessert, etwa durch mehr Betreuungsangebote, Elternzeit, auch für Väter, und so weiter. Ist es nicht so, dass Frauen heute sehr viel mehr Möglichkeiten haben, Mutter zu sein und eben nicht abgeschafft werden?

Wir haben überhaupt nichts gegen Angebote, im Gegenteil, wir begrüßen Angebote, auch an Kinderbetreuung.

Was wir aber beobachten, ist, dass das frühere Herrschaftssystem, das Sie ja ansprechen und das sozusagen die Mutter ein bisschen an Heim und Familie gekettet hat und ihr keine Möglichkeiten gab, ein außerhäusliches Leben zu führen, jetzt gerade ersetzt wird durch ein anderes, in dem die Mutter sich unter Druck fühlt, schon mit einem sehr kleinen Kind, also oft wirklich noch mit einem Säugling von wenigen Monaten, ihre Berufstätigkeit möglichst früh und möglichst lange wieder aufzunehmen. Das heißt, ein altes System, das Frauen unter Druck gesetzt hat, wird nach und nach durch ein neues ersetzt, das Frauen jetzt auf andere Weise unter Druck setzt.

Und Ihr Beispiel mit Frankreich, das ist ja mittlerweile doch schon ein bisschen veraltet, das ist ja dieses Idealbild Frankreichs, das wir alle unter die Nase gerieben bekommen haben: Die Französinnen, die geben ihre Kinder so gerne ab, die fangen früh wieder an zu arbeiten. Inzwischen weiß man ja, das stimmt auch nicht.

Gut, dennoch ist in Frankreich, das weiß ich zufällig aus eigener Erfahrung, weil ich da lebe, auch mit Kind, der Umgang mit Mutter-Kind-Fragen sehr viel entspannter und unideologischer als in Deutschland. Ich habe da zum Beispiel mehrere Freundinnen, die sich gegen Stillen entschieden haben, einfach weil sie keine Lust drauf haben, weil sie das nicht sexy finden, was weiß ich oder weil sie sich das nächtliche Aufstehen mit dem Vater teilen wollen. In Deutschland würde eine Frau, die nicht stillt, obwohl sie könnte, schräg angeguckt werden, oder? Ich will damit nur sagen, sozialen Druck auf Mütter gibt es in Deutschland doch von allen Seiten, nicht nur von der, die Sie in Ihrem Buch beschreiben.

Natürlich gibt es sozialen Druck von allen Seiten.

In unserem Buch widmen wir uns nun vor allem Frauen, die zum Beispiel stillen möchten, die vielleicht auch etwas länger stillen möchten, und die sich mindestens genauso unter Druck fühlen. Es ist noch nie eine Frau aus einem Cafe geflogen, weil sie ihrem Kind die Flasche gegeben hat, aber wir sind immer wieder mit sehr unschönen Fällen konfrontiert, wo Mütter, die ihr Kind versorgen, die es diskret an der Brust versorgen, plötzlich als jemand dastehen, der eine obszöne Handlung in der Öffentlichkeit vornimmt.

Nun schreiben Sie in Ihrem Buch: "Die Behauptung, dass Familie und Karriere bei ausreichender Disziplin grundsätzlich vereinbar seien, gehört entlarvt, sie ist eine Lüge." Setzen Sie mit Ihrem Buch, wenn Sie solche Sätze schreiben, nicht wiederum selbst Frauen unter Druck, die zwar Kinder haben, sich aber trotzdem nicht allein über ihr Muttersein definieren wollen?

Allein schon damit, wie Sie die Frage formulieren, "allein über das Muttersein definieren", steht man sozusagen sofort in einer Ecke, in der Mutterecke, als jemand, der gerne Mutter ist und praktisch nichts anderes kann und nichts anderes im Kopf hat.

Na ja, wenn Sie sagen, dass Familie und Karriere nicht vereinbar sind, dass das eine Lüge ist, dann sagen Sie das doch.

Nein, was wir in unserem Buch machen, ist, uns gegen diese Behauptung, das beides, Kinder und Karriere uneingeschränkt zusammen geht, zu wehren. Wir sagen, dass es sozusagen ohne Abstriche an einem dieser wichtigen Themenbereiche nicht geht und dass das Frauen unter einen so enormen Druck setzt, dass Frauen einfach an der Erschöpfungsgrenze leben und das Gefühl haben, gescheitert zu sein, wenn sie nicht beides wuppen. Und das auszusprechen, dass das wirklich ganz schön heftig ist, Familie zu leben, gerade mit kleinen Kindern, und im Beruf total durchzustarten, allein das ist schon eine große Befreiung.

Jetzt haben wir viel über Mütter gesprochen, über die Väter noch gar nicht. Die bekommen in Ihrem Buch ein ganzes Kapitel und erscheinen, ehrlich gesagt, ja auch so ein bisschen wie eine Bedrohung für Mütter. "Der Vater als bessere Mutter", so haben Sie dieses Kapitel überschrieben. Was ist denn dagegen einzuwenden, gegen Väter, die bessere Mütter zu sein versuchen, was immer das heißen mag?

Weil das ein Konkurrenzdenken wachkitzelt und stärkt, das völlig unnötig ist. Wir lieben die Väter unserer Kinder und finden es großartig, wenn ein Kind einen tollen, liebevollen Vater hat. Nur muss der Vater sich dafür nicht ständig mit der Mutter messen.

Der soll arbeiten gehen?

Wenn das Paar sich sozusagen entschließt, dass der Vater eher arbeiten geht und die Mutter eher zuhause ist, dann haben wir, also weder wir als Autorinnen noch jemand anders, daran etwas auszusetzen; das ist eine persönliche Entscheidung des Paares. Wie die Eltern ihre Elternschaft regeln, ist keine Aufgabe, die öffentlich zu regulieren ist.

"Kinder haben ist kein Ausnahmezustand, sondern Normalität", schreiben Sie am Ende Ihres Buchs. Aber genau deshalb, Frau Bronsky, kommt mir Ihr Buchtitel, "Die Abschaffung der Mutter", ehrlich gesagt, so absurd vor. Was, wenn Sie es vielleicht zum Schluss noch mal kurz und pointiert sagen würden, wollen Sie mit dieser Übertreibung, mit dieser Überspitzung erreichen? Wollen Sie den alten deutschen Muttermythos wiederbeleben, oder was ist Ihr Anliegen?

Ich weiß überhaupt nicht, was der alte deutsche Muttermythos ist. Nein, wir wollen einfach eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen. Wir wollen für die Frauen sprechen, die das Gefühl haben, sie werden von den aktuellen Normen, die sich verändern, nicht mehr vertreten, dass die ihnen nicht mehr zugute kommen.

Das SWR2 Kulturgespräch mit der Schriftstellerin Alina Bronsky führte Kathrin Hondl am 8.3.2016 um 7.45 Uhr.

Cover des Buchs "Die Abschaffung der Mutter" von Alina Bronsky und Denise Wilk

Buch

Denise Wilk und Alina Bronsky

Die Abschaffung der Mutter. Kontrolliert, manipuliert und abkassiert – Warum es so nicht weitergehen darf.

Verlag:
DVA
Produktion:
2016
Genre:
Sachbuch
Preis:
17,99 Euro

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