Bitte warten...

"Deutschen Historikertag" in Hamburg zum Thema "Glaubensfragen" Religion als Treibstoff?

Kulturthema am 22.9.2016 von Rainer Volk

Als Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts haben wir lange in der Gewissheit gelebt, dass der Einfluss von Religion und Glauben ein Phänomen der Vergangenheit sei. Dass das ein "Irrglaube" war, mussten wir seit dem Erstarken des islamistischen Terrors mühsam wieder lernen und wundern uns zum Teil noch immer darüber.

Auch die Historiker haben die Fahne der säkularisierten Welt vielleicht zu lange zu selbstgewiss hochgehalten. Dass zeigt sich im Schwerpunkt-Thema "Glaubensfragen" des "Deutschen Historikertags" in Hamburg, der mit etwa dreieinhalbtausend Teilnehmern der größte geisteswissenschaftliche Kongress in Europa ist.

Um das Audio abspielen zu können, benötigen Sie Javascript. Bitte aktivieren Sie dies in Ihrem Browser.

Die Anhänger Immanuel Kants wird es freuen. Was der Philosoph in seiner "Kritik der reinen Vernunft" wie in einer Hierarchie ordnete – als intellektuelles Aufwärts von Meinen über Glauben zu Wissen –, haben die Historiker als Triebkraft der Geschichte entdeckt – oder besser: wieder entdeckt. Viele der gut 100 Debatten-Foren und Diskussionen in Hamburg konzentrieren sich auf Aspekte des Glaubens. Obwohl der Beginn des Luther-Jahres bevorsteht, beteuert einer der Organisatoren des Kongresses, der Neuzeit-Historiker Markus Friedrich:

"Das ist uns sehr wichtig, dass wir den Blick eben deutlich über die religiöse Dimension von Glauben öffnen wollen, dass wir Glauben als ganz breites Phänomen behandeln. Das ist, denke ich, eine der zentralen Aussagen des Historikertags: Glauben ist auch, aber nicht nur, religiöse Form der Welterschließung." Markus Friedrich

So widmete sich eine der Veranstaltungen gestern dem Glaubensaspekt bei Rechtsfragen; eine weitere der Glaubwürdigkeit der Historiker. Das Thema wird also semantisch aufgefächert.

"Denken sie an solche Dinge wie den ökonomischen Glauben. Vertrauen spielt ja eine ganz entscheidende Rolle in allen möglichen wirtschaftlichen Aktivitäten. Entsprechend gibt es also Panels, die sich mit dem Glauben in Wirtschaftsfragen auseinandersetzen. Es wird auch Veranstaltungen geben, die die Beziehung von Glauben und Naturwissenschaften thematisieren. Denken sie an die aktuellen Auseinandersetzungen in den USA über den Klimawandel, wo das ja wirklich eine politische Glaubensfrage geworden ist." Markus Friedrich

Wer in Hamburg die Monstranz einer säkularisierten Welt ins Feld führt, hat offensichtlich einen schweren Stand. Sicher: Dass Politik, Staat und Gesellschaft weltlicher geworden sind, lässt sich nicht leugnen. Aber: Sind Nation und Politik nicht auch Ersatzreligionen? Beispiel: das faschistische Italien und der Nationalsozialismus, die ihren öffentlichen Pomp oft bei der Kirchenliturgie abkupferten. Martin Baumeister, Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom, gab in seinem Vortrag zu bedenken: Das Ganze als Konfrontation zu sehen zwischen Staat und Vatikan – wie das Kirchenhistoriker oft tun – sei zu einfach.

"Mit der Ersatzreligion kommt man nicht so richtig weiter. Das betrifft auch das Verhalten der Kirche selber – in dem Fall der katholischen Kirche –, die der neuen nationalen und politischen Sprache sehr weit entgegen kommt. Und vor allem partizipiert man an auch – etwa im italienischen Fall – am faschistischen Märtyrerkult. Das trifft nicht den Nationalsozialismus." Martin Baumeister

Angesichts der Bedrohung der westlichen säkularisierten Welt durch religiöse Fanatiker scheint der "Glaubensfragen"-Faden dieses Historikertags geradezu brennend aktuell. Aber wirklich in die Gegenwart schauen in Hamburg nur wenige Veranstaltungen – unter anderem eine Diskussion über die Macht der Populisten unter der Überschrift "Von Haider bis Brexit". Was an das Bonmot des verstorbenen Fachkollegen Hans-Ulrich Wehler erinnert, Historiker seien rückwärtsgewandte Propheten.

In Punkto Selbstkritik geht Mit-Organisator Markus Friedrich nicht ganz so weit. Allerdings gibt er zu: Der fast ein halbes Jahrhundert von seiner Zunft beschworene Mega-Trend einer Welt ohne Gott, Religion und Glaube sei wohl eine Fehl-Diagnose gewesen.

"Ich denke, dass wir uns sozusagen von dieser klaren Überzeugung politisch und als Historiker verabschiedet haben, in einer säkularen Welt zu leben. Ich glaube, wir haben nie in einer säkularen Welt gelebt und können auch nicht in einer säkularen Welt leben. Weil es in gewissem Sinne zur menschlichen Grundausstattung – fast – gehört, dass wir Dinge unhinterfragt und unkritisch für wahrhaben wollen und müssen." Markus Friedrich

Geradezu zerknirscht hieß es zum Ende einer Fach-Debatte: eventuell müsse man dem Thema "Glauben" in der Forschung künftig ähnlich viel Beachtung beimessen wie den Themen Arbeit, Sprache und Herrschaft.

Weitere Themen in SWR2