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Das Fahrradmuseum in Gau-Algesheim zeigt die Geschichte des Drahtesels "Vom Knochenschüttler bis zum Safety-Rad"

Museumsführer am 20.7.2016 von Natali Kurth

Gau-Algesheim hat eine lange Fahrrad- und Radsporttradition. Schon im 19.Jahrhundert gab es hier einen Radsportverein. Gau-Algesheim gehört zur Region Rheinhessen in Rheinland-Pfalz. Rund 40 Radsportvereine gibt es in Rheinhessen vom Rennsport bis zum Radpolo. Da lag es nahe, das Fahrrad und seine Geschichte in einem Museum zu würdigen. Und so gründete man das Rheinhessische Fahrradmuseum, das seinen Platz im ehemaligen Kurmainzer Schloß Ardeck auf einem wunderschönen Stadtplatz gefunden hat. Der Aufbau der Museumsausstellung wurde wissenschaftlich von dem deutschen Sporthistoriker Prof. Dr. Egon Rösch begleitet.

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Was hat ein Vulkanausbruch eigentlich mit der Erfindung des Fahrrads zu tun? Erstaunlich viel! 1815 nämlich brach im heutigen Indonesien der Vulkan Tambora aus. Staub, Schwefel und Asche gerieten in großen Mengen in die Atmosphäre und verdunkelten den Himmel. Das Weltklima veränderte sich so extrem, dass es im Sommer schneite und sintflutartige Regenfälle zu Missernten führten. Pferde wurden in der Hungersnot geschlachtet und fehlten als Transportmittel. Diese Not machte erfinderisch.

"Und so hat man schlicht und einfach überlegt, was machen wir jetzt - keine Ochsen, keine Pferde und dann kam eben aus unserer Region hier der Anton Burg und Karl Drais auf die Idee: Wir schneiden eine Kutsche in der Mitte durch und haben solche Räder, wie sie hier sehen, landwirtschaftlich geprägt, vorne und hinten schneiden sie durch und verbinden die beiden Räder und bewegen uns mit den Füßen fort. Und so kam eben das Laufrad." Hermann Lutz

Die Alternative zum Reitpferd hatte also Reifen und wurde Draisine genannt. Natürlich steht auch eine Draisine in der historischen Abteilung des Museums. Daneben eine sogenannte Michauline, ein Hochrad, benannt nach seinem Erfinder dem Franzosen Pierre Michaux. Durch die ungleiche Rad-Größe war der Fahrkomfort niedrig und die Unfallgefahr groß, daher bezeichnete man das Gerät auch als "Knochenschüttler".

Fahrradmuseum Gau-Algesheim, Schloss Ardeck

Fahrradmuseum Gau-Algesheim, Schloss Ardeck

Viel sicherer war das sogenannte Safety-Rad.

"Das wurde in England entwickelt. 1890 da hatte man das Rad so wie es heute ist. Natürlich nicht in dieser Perfektion. Da Dunlop noch keinen Luftreifen erfunden, es gab keinen Freilauf, aber zumindest, es ist das Muster, so wie wir es heute haben. Gleich große Räder, Kettenantrieb und das war sehr teuer." Hermann Lutz

Tafeln mit Erklärtexten und zahlreiche Festschriften sowie Bilder aus Fahrradarchiven dokumentieren anschaulich die Historie der Exponate. Kuriositäten im nächsten Raum – wie das sogenannte Bicerton Portable, benannt nach Harry Bickerton

"Das ist entstanden, weil jemand als Schotte zu viel Whisky trank und den Führerschein verlor. Er war Chefkonstrukteur bei Rollce Royce und hat dies in Auftrag gegeben, weil er immer mobil sein musste. Stellen sie sich vor, sie kommen in eine Gaststätte und haben diese Tasche dabei und sagen, kann ich mein Fahrrad mal an die Garderobe hängen. Da werden sie sicher gefragt, haben sie schon was getrunken." Hermann Lutz

Daneben bunt angemalt ein Einkaufsrad der Künstlerin Liesel Metten, ein Originaldruck von Henri Toulouse Lautrec zu einem Fahrradrennen in Paris im Original, außerdem: ein kinetisches Fahrradobjekt und künstlerisch gestaltete Blechdosen für das Bier-Limogetränk "Radler". Eine recht bunte, aber unterhaltsame Mischung,
Ergänzt um den Schwerpunkt: Das Fahrrad im Alltag. Highlight hier sind nicht so sehr Räder vieler Marken und Größen, sondern eine Sammlung aufwendig gearbeiteter Metallplaketten, bemalt, verschnörkelt, gestanzt.

"Hier sehen wir Steuerkopfschilder, die jeder Hersteller zur Identifizierung seines Rades vorne befestigt hat. Da hat man sehr viel Wert drauf gelegt. Das war das Fahrrad und die Marke. NSU, Opel. Wenn wir uns umdrehen, dann sehen sie dieses Schild direkt am Rad." Ernst Emil Busch, Museumsdirektor

Die Sonderausstellung "Rheinhessen-Höhen" im Rahmen von 200 Jahre Rheinhessen schließlich soll Radlern neue Anreize liefern: Fotografien zeigen Weinbergstürme, Bergkapelle und Aussichtsplätze, die alle mit dem Fahrrad erreichbar sind. Es gibt tatsächlich mehr als 70. Ein besonderer Tipp ist das Zotzenheimer Horn.

"Das ist im Volksmund der 40 Dörferblick. Von dieser Stelle können sie bei schönem Wetter 40 Dörfer in Rheinhessen erkennen. Und das ist mit einer der schönsten Ausblicke. Da werden Sie erkennen, wenn es 'mal einen Garten Eden gab, dann muss er so ausgesehen haben wie Rheinhessen." Ernst Emil Busch

Das rheinhessische Fahrradmuseum in Gau-Algesheim macht Lust auf ausgedehnte Touren in der Region und überzeugt mit anschaulicher Dokumentation und sorgfältig auswählten Exponaten. Die wissenschaftliche Begleitung des Museums hebt es von anderen Heimatmuseen deutlich ab.



Info: Geöffnet ist das Fahrradmuseum immer an Sonn- und Feiertagen von Ostersonntag bis zum 2. Sonntag im Oktober von 14-18 Uhr und nach Vereinbarung: Tel. 06725/992143 (Touristinfo)

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