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Migrationsromane bei der Leipziger Buchmesse Kluge Witze über ernste Fragen

Kulturthema am 16.3.2016 von Carsten Otte

Am 17.3. beginnt die Leipziger Buchmesse, bei der zahlreiche Bücher vorgestellt werden, in denen Schriftsteller von Migration und Integration erzählen. Einer dieser Autoren ist Abbas Khider, der mit 19 Jahren wegen politischer Aktivitäten in seinem Heimatland Irak verhaftet wurde. Kurz nach der Entlassung 1996 floh er aus dem Irak und hielt sich in verschiedenen Ländern als "illegaler Flüchtling" auf. Darüber hat er dann auch in seinen Romanen geschrieben. Worüber denn sonst, sagt Khider, der seit 2000 in Deutschland lebt, in München und Potsdam Literatur und Philosophie studierte und sich heute nicht länger als Fremder, sondern als Teil Deutschlands versteht.

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Abbas Khider beschreibt den Überlebenskampf als Flüchtling

"Am Anfang hatte ich Angst, dass man mich falsch versteht, Angst, dass man sagt, der Mann kommt hierher, und jetzt kritisiert er uns. Mit diesem Problem am Anfang konnte ich umgehen, indem ich daran gedacht habe: nein, ich bin ein Teil der deutschen Gesellschaft geworden, und ich darf auch kritisch sein. Selbstkritik ist erlaubt, weil ich ein Teil davon bin. Abbas Khider

Khiders aktueller Roman "Ohrfeige" handelt von dem Flüchtling Karim Mensy, der ein letztes Mal die Ausländerbehörde besucht, um der zuständigen Sachbearbeiterin seine Lebensgeschichte zu erzählen. Und die hört sich an wie so viele Fluchtdramen, die sich in diesen Tagen an Europas Außengrenzen abspielen. Da geht es um korrupte Schlepper, um lebensbedrohliche Szenen auf der Flucht, um unverständliche Formulare und überfüllte Asylunterkünfte. Abbas Khider beschreibt diesen Überlebenskampf in "Ohrfeige" mit deutlichen Worten. 

"Manche von uns verkauften ihre Ärsche und Schwänze, um sich ein paar Kröten dazuzuverdienen. Andere wurden zu Dieben oder Drogendealern. Der Rest von uns wie ich mussten mit 80 Mark monatlich auskommen." Aus: Abbas Khider: "Ohrfeige." Hanser Verlag 2016.

ABBAS KHIDER: Ohrfeige

Buch

Abbas Khider

Ohrfeige

Verlag:
Hanser Verlag
Preis:
19,90 Euro
Bestellnummer:
ISBN: 978-3-446-25054-3

Nach der Flucht heißt es, den Mut in der Migrationsmaschine nicht zu verlieren, mit der Angst klar zu kommen, die alle Flüchtlinge begleitet, doch noch abgeschoben zu werden.

Nach der Migration kommt die Integration

Wenn vieles geschafft ist, wenn der Aufenthaltsstatus geklärt, Arbeit und Wohnung gefunden sind, beginnen neue Herausforderungen, stellen sich neue Fragen: Wie finde ich mich ein in die deutsche Gesellschaft? Was gebe ich auf, was bleibt von der Heimat? Etwas bürokratisch formuliert: Nach der Migration kommt die Integration bzw. das Festhalten und Abarbeiten an den kulturellen Differenzen. Davon handelt der unterhaltsam leichtfüßige Roman "Wieso Heimat, ich wohne zur Miete" von Selim Özdogan, der sich auch mit der Frage beschäftigt, wie unterschiedlich zum Beispiel Humor in Deutschland und in der Türkei funktioniert.

"Deutsche Satire empfinde ich immer als etwas sehr Frontales, da wird draufgehauen. Und türkische Satire, aufgrund der kulturellen Gegebenheiten, aber auch aufgrund der politischen Gegebenheiten, die es in diesem Land gab und gibt, muss ein bisschen subtiler arbeiten, muss ein bisschen mehr hinten rum arbeiten, und nicht ganz so offensichtlich mit dem Finger auf jemanden zeigen und sagen: Da haben wir den Schuldigen. Über den machen wir uns jetzt lustig." Selim Özdogan

Selim Özdogan: Mit gemischten Heimatgefühlen aufgewachsen

Selim Özdogan wurde als Sohn türkischer Eltern 1971 in Köln geboren. Eine traumatische Fluchtgeschichte wie Abbas Khider hat er nicht erlebt. Aber er ist in Deutschland mit gemischten Heimatgefühlen aufgewachsen. So wie sein Romanheld Krishna Mustafa, der nach Istanbul fährt, um dort den Vater wiederzusehen und das Land seiner Vorfahren besser kennenzulernen.     

"Vergessen wir mal, dass du gebetet hast", sagt Isa zu mir, "aber sagst du immer, du kannst aber gut Türkisch, wenn du jemanden kennenlernst?" "Ja." "Warum?" "Weil man das so macht." "Nein, das macht man nicht so." "Laura hat auch immer behauptet, man würde keine Komplimente über die Sprachkenntnisse machen, aber ich glaube das nicht. Wenn die Leute mich kennenlernen, sagen sie doch auch immer, du kannst aber gut Türkisch." "Ja, das sagen sie, weil du es eben nicht richtig gut kannst." "Aha. Und in Deutschland sagen sie immer, du kannst aber gut Deutsch." "Ja, weil du es wahrscheinlich richtig gut kannst." "Hier sagen sie es, weil ich es nicht kann, und dort, weil ich es kann? Das soll ich dir jetzt glauben?" Aus: Selim Özdogan: "Wieso Heimat, ich wohne zur Miete." Haymon Verlag 2016.

Buchcover "Wieso Heimat, ich wohne zur Miete" von Selim Özdogan

Buch

Selim Özdogan

Wieso Heimat, ich wohne zur Miete

Verlag:
Haymon Verlag
Produktion:
2016
Bestellnummer:
ISBN-10: 3709972388

Hoffnung auf ein Leben, über das sich zu erzählen lohnt

Selim Özdogan ist mit "Wieso Heimat, ich wohne zur Miete" ein Roman gelungen, der die Fragen nach Identität und kultureller Differenz ernst nimmt, indem er darüber kluge Witze macht. Insofern ist Özdogans Buch die Fortsetzung von Khiders Flüchtlingsroman, nur mit etwas anderen stilistischen Mitteln. Beide Bücher zeigen exemplarisch, dass Migration und Integration nicht nur mit Leid, sondern auch mit der Hoffnung auf ein Leben verbunden sind, über das sich in Romanen zu erzählen lohnt.    

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