Bitte warten...

Modelle einer "Willkommens-Architektur" Menschenwürdiges Wohnen für Flüchtlinge

Kulturgespräch am 10.8.2015 mit Jörg Friedrich

Jeden Tag machen sich Menschen auf den beschwerlichen Weg nach Europa und nach Deutschland, auf der Flucht vor Gewalt, Hunger und Verfolgung. Wem es gelingt, die streng gesicherten Außengrenzen der EU zu überwinden, landet meist in überfüllten Notunterkünften an der Peripherie der Städte, in Turnhallen ohne jede Privatheit, in stillgelegten öffentlichen Gebäuden oder in den bekannten Containerdörfern, eilig aufgestellt und nicht auf Dauer angelegt.
"Wir brauchen nicht nur eine Willkommens-Kultur, sondern auch eine Willkommens-Architektur", sagt der Architektur-Professor und Architekt Jörg Friedrich, der mit seinen Studenten in Hannover neue Wohnmodelle im Sinne einer solchen Willkommens-Architektur entwickelt hat. Diese Wohnmodelle sind jetzt als Buch mit dem Titel "Refugees Welcome" erschienen.

Um das Audio abspielen zu können, benötigen Sie Javascript. Bitte aktivieren Sie dies in Ihrem Browser.

Herr Friedrich, Sie sprechen im Buch von einer "Blechkisten-Architektur", die bei uns in Sachen Flüchtlingsunterkünfte vorherrscht. Was wollen Sie und Ihre Studenten dem entgegensetzen? Was muss eine flüchtlingsfreundliche Architektur in erster Linie erfüllen?

Das ist natürlich eine sehr komplexe, schwierige Frage. Was sie zuerst einmal erfüllen muss, das haben wir gemerkt, ist, dass Grundbedürfnisse, die zum Wohnen gehören, auch den Flüchtlingen angeboten werden. Diese Grundbedürfnisse sind beispielsweise das Recht auf Atmen, das Recht auf nicht Hören, was der Nachbar macht, das Recht auf Schutz, das Recht auf Wärme, das Recht, sich in Räumen bewegen zu können. Und das ist in einer Blechkisten-Container-Baustellen-Architektur und auch angesichts der psychischen Anspannung, in der sich diese Menschen befinden, nicht umsetzbar.

Sie haben gerade das Recht auf Atmen genannt. Pro Flüchtling sind heute in Deutschland zwischen viereinhalb und sieben Quadratmeter vorgesehen. Wie lässt sich da überhaupt ein Mindestmaß von Individualität und Privatheit herstellen?

Das ist unglaublich schwierig. In Hannover sollen 2015 2.500 Flüchtlinge untergebracht werden, was für uns eine große architektonische Herausforderung war, weil wir es uns als Ziel gesetzt haben, dass unsere Studenten und die Architekten diese Leute eben nicht in Containern, nicht in Kasernen, nicht in umgebauten Schulen unterbringen sollen. Die Lösungen, die wir ermittelt haben, waren sehr vielfältig, und darin liegt wahrscheinlich auch das Geheimnis. Wir müssen in der architektonischen und städtebaulichen Umsetzung weg von Einheitsmodellen hin zu differenzierten Mischmodellen. Und das bedeutet eben auch kleinere Quartiere und nicht Großsiedlungen oder Großcontainer-Siedlungen von 3.000, 4.000 oder 5.000 Leuten. Wir müssen in einem anderen Maßstab differenzieren und mischen.

Sie sprechen ja auch davon, zum Beispiel etwas auf Parkhäuser aufzusetzen oder Schrebergarten-Siedlungen zu nutzen.

Ja, es war sehr interessant, dass die junge Studentengeneration viel weniger Berührungsängste hat mit diesem Thema "Fremde kommen zu uns, und wir leben mit den Fremden zusammen". Vielleicht liegt das auch daran, dass sie viel oder mehr gereist sind als andere Generationen früher, dass sie sich selber auch in einer fast nomadischen Lebenssituationen befinden.

Das Ergebnis war, dass Lösungen entwickelt werden konnten, die wir uns selber als Architekten kaum getraut hätten zu denken. Sie haben das Beispiel Parkhäuser genannt. Die sind mitten in der Stadt, zentrumsnah, bestens angeschlossen an alle öffentlichen Verkehrsmittel, Schulen, Universitäten, Läden, Einkaufsbereiche. Über das Jahr sind sie zu 60 Prozent, das haben wir in Hannover festgestellt, ausgelastet, zu 40 Prozent sind sie frei. Diese 40 Prozent könnte man ohne weiteres versuchen, in den Obergeschossen als eine stetige Wohnsituation umzubauen. Und ich habe heute und das ist das für mich das schönste Erlebnis aus dieser Publikation und dieser Arbeit gewesen, einen Anruf eines Stadtrats aus Bremen bekommen, der genau dieses Modell in seinem Stadtrat vorstellen möchte.

Eine andere Idee lautet, Flüchtlinge in Schrebergarten-Siedlungen unterzubringen. Ist da der Widerstand nicht besonders groß?

Ja, wir haben dieses Projekt den sogenannten "Tabubruch" genannt. Viele betrachten Schrebergärten als die konservativsten und ausländerfeindlichsten Gegenden in deutschen Großstädten. Wir haben uns auf einen anderen Standpunkt gestellt und gesagt: Das sind Menschen, die sehr naturverbunden sind und sozusagen sehr stark mit einer Maximierung ihrer Gartenerträge gemeinschaftlich leben können. Warum sollen also nicht Menschen aus anderen Ländern, die auch sehr naturverbunden sind, wenn sie zu zehnt oder zu zwanzigst, also nicht in zu großen Gruppen, in diesen Schrebergärten eingesiedelt werden, dazu beitragen können, wie man verschiedene Gemüse anbaut, wie man Gärten betreibt und gleichzeitig auch noch dort wohnen. Allerdings müsste das Wohnen in Schrebergärten erlaubt sein.

Die europäische Stadt war städtebaulich mal ein sehr erfolgreiches Modell für die Integration der unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen, daran erinnern Sie auch in Ihrem Vorwort zum Buch. An welche Zeit bzw. welche Orte denken Sie da genau?

Also, das ist hochinteressant. Es gibt im 17. Jahrhundert in Schleswig-Holstein Siedlungen und Stadtgründungen, die völlig neu für Flüchtlinge erfunden worden sind. 1621 hat zum Beispiel Friedrich III. von Schleswig-Gottorf die Stadt Friedrichstadt neu planen lassen, für Flüchtlinge aus den Niederlanden. Das ist jetzt eine denkmalgeschützte Stadt für 20.000 Einwohner, die damals binnen zweier Jahre entstanden ist, in einer rasanten Geschwindigkeit. Wie haben die das gemacht? Indem sie die Flüchtlinge aus Holland, die Wasserbauer, also Spezialisten waren und das waren zum Teil sogar ihre eigenen Materialen mitgebracht haben, angeleitet, dort ihre eigene Stadt nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten in die Kanäle hineinzubauen. Und das ist jetzt ein Stück Architektur-Denkmal und Stadt-Denkmal, das, glaube ich, sogar zum UNESCO-Welterbe gehört. Oder nehmen wir Berlin: Der Gendarmenmarkt ist Flüchtlings-Architektur, Teil der Hugenotten Flüchtlingsumsiedlung. Das heißt, auch dort ist ein Stück charakteristischer Architektur mitten in der Stadt entstanden für Flüchtlinge.

Zeltstädte, Turnhallen oder Baracken, viele Flüchtlingsunterkünfte heute haben provisorischen Charakter, so als könnte man sie in ein paar Monaten wieder abbauen, wenn sich das Flüchtlingsthema erledigt hat. Aber das wird sich ja vermutlich nicht so schnell erledigen. Sind Ihre Wohnmodelle und die Ihrer Studenten auf eine längerfristige Nutzung angelegt?

Ja, wir können städtebaulich oder architektonisch nicht mehr mit dem Temporären das Flüchtlingsproblem lösen. Wir müssen uns für die nächsten Jahrzehnte auf über 300.000 bis 400.000 neue Menschen in Deutschland einstellen. Das ist die Größenordnung einer deutschen Großstadt. Die kann weder ungeplant noch temporär entwickelt werden. Was wir vorgeschlagen und was sicherlich Zukunft haben wird, ist, dass aus der Nutzung "Wohnung für Flüchtlinge" in einer anderen Zeit auch "Wohnen für Studenten" oder "Wohnen für andere" werden kann. Wir müssen uns diese Mischkonzepte, aber einer Verstetigung leisten. Und da danke ich Ihnen auch als Medienvertreterin, dass Sie eben auch diese Berichte in die Politik liefern. Wir müssen diese Ideen entwickeln, denn ein Politiker weiß, glaube ich, nicht, was der Unterschied ist zwischen temporär und Verstetigung, zwischen Stadtplanung und dem Hinsetzen von Zelten. Das ist ein großes Problem, und unsere architektonische und planerische Arbeit dient auch dazu, die Aufmerksamkeit auf Entwicklungsmöglichkeiten zu richten, die eine Verstetigung dieses Wohnproblems mit Mischnutzung für die Zukunft offerieren sollen.

Das SWR2 Kulturgespräch mit Jörg Friedrich, Dekan der Fakultät für Architektur und Landschaft an der Leibniz Universität Hannover, führte Anja Höfer am 10.8.2015 um 7.45 Uhr.

Weitere Themen in SWR2