Meinung 21.2.2013

Allianz von Kirche und Staat!?

Christina Nagel über die zunehmende Intoleranz der russischen Gesellschaft, ein Jahr nach Pussy Riot

Christina Nagel

Machen wir uns nichts vor - auch bei uns in Deutschland hätte ein solcher Auftritt einen Skandal ausgelöst. Und er hätte wohl auch strafrechtliche Folgen gehabt.

Allerdings wäre bei uns niemand auf die Idee gekommen, die jungen Frauen wie Schwerverbrecherinnen zu behandeln. Die man in Handschellen und von geifernden Hunden bewacht dem Gericht vorführen muss. Und nach monatelanger Untersuchungshaft postwendend ins Straflager schickt. Hunderte Kilometer entfernt von ihren Kindern und Familien.

Warum nicht Sozialdienst? Oder ein Jahr Kirche putzen? Warum dieses unwürdige Justizspektakel? Das nur dazu führt, dass das Image Russlands im Westen weiteren Schaden nimmt und auch ein Jahr nach dem skandalösen Auftritt immer noch über Pussy Riot gesprochen wird.

Wer glaubt, dass der Kreml die Wirkung dieses Prozesses unterschätzt hat, ist meiner Ansicht nach auf dem Holzweg. Ich halte es für eine bewusste Entscheidung.

Dadurch, dass die schrille Aktion aufgeblasen und zu einem Angriff auf die Kirche, auf moralische Werte und gesellschaftliche Normen stilisiert wurde, hat es der Staat geschafft, eine breite Gesellschaftsschicht wieder hinter sich zu bringen. Statt über den politischen Charakter des Spektakels – die berechtigte Kritik der Frauen an der unheiligen Allianz aus Staat und Kirche – zu diskutieren, wurde öffentlich der Verfall der Sitten und Gebräuche gegeißelt und der Anfang vom Ende des starken, christlich geprägten Russlands heraufbeschworen.

Der Staat macht sich stereotype Denkweisen und Vorurteile, den tief verwurzelten Rassismus und Nationalismus im Volk zu nutze, um Kritiker kalt zu stellen. Zum Feind, der eint, eignen sich nicht nur Aktionskünstler, Gastarbeiter und Homosexuelle. Sondern auch böse Amerikaner und russische Nichtregierungsorganisationen, die vom Westen unterstützt werden und deshalb jetzt den wenig schmeichelhaften Titel „ausländische Agenten“ tragen müssen.

Unter dem Deckmäntelchen des Schutzes von Gläubigen – natürlich Christen!, von Minderjährigen und der Gesellschaft im allgemeinen hat die Regierung in den vergangenen zwölf Monaten eine ganze Reihe von schwammig formulierten Gesetzen verabschiedet, mit denen sich hervorragend gegen Systemkritiker vorgehen lässt. Protest wird so wieder zu einer Sache von wenigen Mutigen.

Ein ramponiertes Demokratie-Image dürfte aus Sicht des Kreml kein allzu hoher Preis dafür sein, die leidigen Massendemonstrationen in den Griff zu bekommen. Und den aufkommenden, kritischen Individualismus, die Forderungen nach Mitbestimmung und Liberalismus zu stoppen. Kritik aus dem Westen kommt schließlich so oder so.

Wichtiger war und ist es, das Volk wieder auf Linie zu bringen. Es zurück zu verwandeln in eine unpolitische, leicht zu lenkende Masse. Die sich im Zweifel schnell instrumentalisieren lässt im Kampf gegen all jene, die nach Kreml-Lesart nichts anderes wollen als das wieder erstarkte Russland zurück auf die Knie zu zwingen. Und das sind auch heute noch oder schon wieder – die Andersdenkenden und die anders Lebenden.

Stand: 21.02.2013, 08.33 Uhr