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ARD-Doku "Nervöse Republik" von Stefan Lamby Mediale Stimmungsmache

Kulturthema am 19.4.2017 von Karsten Umlauf

Der preisgekrönte Filmemacher Stefan Lamby hat für seinen Film "Nervöse Republik - Ein Jahr Deutschland" ein Jahr lang Politiker und Journalisten begleitet. Zwischen Terroranschlägen und AfD-Wahlerfolgen besucht er PEGIDA-Demos, spricht mit Thomas de Maiziere, Heiko Maas oder Frauke Petry. Er zeigt eine politische Landschaft, in der Volk und Volksvertreter offensichtlich besser über- als miteinander reden können, meint Medienkritiker Karsten Umlauf. Auch mit dem Besuch in den Redaktionsbüros von Spiegel und BILD sucht der Film den Blick hinter die Kulissen. Er ist dabei informativ und unterhaltsam, bleibt aber bei der Erklärung des Politikbetriebs in der Filterblase der öffentlichen Meinung stecken.

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"Hau ab" und "Volksverräter" wird auf der Straße skandiert und der, dem diese Pöbeleien gelten, ist der oberste Hüter von Recht und Gesetzen: Justizminister Heiko Maas.

Pegida und AfD sind zwei der Protagonisten, die im vergangenen Jahr die "nervöse Republik" Deutschland bestimmt haben. Filmemacher Stefan Lamby ist unter anderem bei Parteitagen und Demonstrationen dabei und zeigt eine politische Landschaft, in der Volk und Volksvertreter offensichtlich besser über- als miteinander reden können. Schadenfreude, Hass und Beleidigungen werden an Stelle von sachlicher Auseinandersetzung gepflegt.

Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Bundestag, wird am 28. Mai 2016 von einem Aktivisten aus Protest gegen Wagenknechts Flüchtlingspolitik mit einer Torte angegriffen.

Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Bundestag, wird am 28. Mai 2016 von einem Aktivisten aus Protest gegen Wagenknechts Flüchtlingspolitik mit einer Torte angegriffen.

Ständige Reibung trägt nicht zur politischen Klarheit bei

AfD-Politiker bedienen Ressentiments und die Provokationen werden von Medienvertretern gerne aufgegriffen. Eine Spur des Films folgt dem Engagement von Journalisten in den Redaktionsbüros von Spiegel und BILD: wann wird ein Ereignis zu einer Eilmeldung, wie wird eine Debatte abgebildet oder Positionen vielleicht sogar aktiv bekämpft? Gerade die Auseinandersetzung mit der AfD zeigt, dass eine Atmosphäre ständiger Reibung nicht unbedingt zu politischer Klarheit beiträgt, aber unter Umständen beiden Seiten nutzt.

Ohne eigenen kommentierenden Text, rückt Stefan Lamby dem politischen Betrieb in Berlin buchstäblich auf die Pelle: er fährt mit den SPD-und CDU Generalsekretären im Aufzug oder schaut mit ihnen Wahlprognosen im Fernsehen. Er sitzt mit Innenminister Thomas de Maiziere im Büro und mit Frauke Petry im Dienstwagen und bekommt sogar von ihr Antworten, die reflektiert und nicht nach ständigem Angriffsmodus klingen.

Frauke Petry, AfD-Parteivorsitzende, nach einer AfD Veranstaltung.

Frauke Petry, AfD-Parteivorsitzende, nach einer AfD Veranstaltung.

Die Dokumentation verkürzt den Politikbetrieb auf Fragen der Informationsstrategie

Wie und womit erreicht man die Leute? Die Frage treibt Politiker und Medienschaffende gleichermaßen um. Das Vertrauen in alles, was etabliert erscheint, ist nachhaltig gestört, Informationen sollen möglichst ungefiltert fließen, werden aber natürlich gleich in den passenden sozialen Netzen eingefangen und kanalisiert. Stefan Lamby hat dazu einige erhellende Interviews geführt, der Film sucht den Blick hinter die Kulissen und findet ihn, zum Teil auf sogar unterhaltsame Weise.

Berichte über die hysterische Hauptstadtpresse oder die strategische Verteilung von Informationen hat man allerdings auch vorher schon einige gesehen. Dass Terroranschläge und Flüchtlingskrise oder das Spiel auf der populistischen Klaviatur von Brexit bis Trump das Klima auch hierzulande unsicherer und nervöser gemacht haben, ist ebenfalls keine taufrische Erkenntnis. So schwächelt der Film mit zunehmender Dauer an seinem eigenen Thema: er verkürzt den Politikbetrieb und die Krise der Parteien und Medien im Grunde auf Fragen der Informationsstrategie. Und erliegt dabei der Gefahr, die Welt aus der Filterblase der öffentlichen Meinung heraus erklären zu wollen.

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