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Tröglitzer Ex-Bürgermeister warnt in Buch Das gefährliche Schweigen

Kulturthema am 23.9.2016 von Jürgen Heilig

Vor anderthalb Jahren sorgte sein Rücktritt für Schlagzeilen. Selbst die internationale Presse berichtete darüber, dass ein kleiner ehrenamtlicher Ortsbürgermeister aus der sachsen-anhaltischen Provinz, von Beruf Trauerredner, sein Amt niedergelegt hatte. Der Grund: Ein NPD-Aktivist hatte zu einer Protestkundgebung vor seinem Privathaus aufgerufen, um auf ihn die Wut der Ortsbewohner wegen der geplanten Aufnahme von Flüchtlingen zu lenken. Markus Nierth wiederum sah sich in dieser Situation vom Landkreis und der Landesregierung allein gelassen und trat zurück. Jetzt hat er zusammen mit der Journalistin Juliane Streich ein dieser Tage erscheinendes Buch verfasst: "Brandgefährlich. Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht".

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Tröglitz, ein Dorf südlich von Leipzig, 1937 gegründet als Arbeitersiedlung für einen Rüstungsbetrieb. Hier schuftete der spätere Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz als Zwangsarbeiter für die Nazis. Zu DDR-Zeiten gab das Chemiewerk 4.000 Menschen Lohn und Brot. Heute leben in dem Dorf noch 2.800, jeder Dritte wählt die AfD. Die dörfliche Selbstständigkeit haben sie schon lange eingebüßt. Die Arbeitsplätze auch.

"Also deswegen auch ein Brennpunkt, wo man nachvollziehen kann, dass die Menschen gebrochen sind, niedergeschlagen oder auch kämpfen…"

….sagt Markus Nierth, der fünfeinhalb Jahre ehrenamtlicher Ortsbürgermeister von Tröglitz war. Bis zu seinem Rücktritt im März letzten Jahres, als er erleben musste, dass der Staat, den er vertrat, ihn nicht vor seinen eigenen Nachbarn schützen konnte. Nicht vor den Fäkalien, die sie ihm auf die Straße schütteten. Nicht vor dem Hass bei Facebook und auch nicht vor Morddrohungen. Und das allein deshalb, weil er für die Menschen vor Ort der einzige und greifbarste Repräsentant dieses Staates war, der noch dazu für Humanität im Umgang mit Flüchtlingen plädierte.

"Es ist eine kleine Mehrheit aufgestanden, die sogenannten Wutbürger, die andere herangezogen haben und die das Dorfklima bestimmt haben. Die mutige Mitte hat sich nicht getraut, war auch nicht fähig, klar zu sagen, wir sind das Volk." Markus Nierth

In seinem Buch rekapituliert Nierth nun die Ereignisse. Man möchte es jedem Kommunal- und Landespolitiker als Pflichtlektüre empfehlen. Klar analysiert der Autor die Fehler, die zu der Eskalation in seinem Dorf beitrugen. Auch seine eigenen. Es sind Fehler, die, seitdem die Flüchtlingszahlen stetig anstiegen, lange vor dem heißen Sommer 2015, überall im Land gemacht wurden: Da meinten Bürgermeister, Landräte und Minister, dass es doch am besten wäre, die betroffenen Anwohner lieber vor vollendete Tatsachen zu stellen, statt rechtzeitig das Gespräch zu suchen. Genauso wie das die Behörden untereinander taten.

Nierth beschreibt anschaulich, wie solch fehlende Kommunikation Rechtsextremisten überhaupt den Handlungsspielraum eröffnete, sich als "Kümmerer" für die Menschen mit ihren Alltagssorgen zu gerieren. Das allein ist auch kein Ostproblem, nur fällt es zuweilen hier auf besonders fruchtbaren Boden. Nicht nur wegen des Gefühls, "abgehängt" zu sein. Die Stadtzentren sind zwar vielfach schmuck restauriert, aber wehe, man verirrt sich an einen Kleinstadtbahnhof. Auch demokratische Usancen, wie etwa selbst die Anmeldung einer Demonstration, sind vielen suspekt. Ein fruchtbarer Boden für Rechtspopulisten und -extremisten unterschiedlicher Couleur. Wer Markus Nierths Buch liest, kann durchaus auch auf die Idee kommen, dass nicht nur Polizisten, sondern auch Mitarbeiter von Behörden manch stille Sympathien für sie empfinden. Oder wie lässt sich erklären, dass ein Landratsamt es zulässt, dass ein von einem bekennenden NPD-Aktivisten angemeldeter Aufmarsch von Dorfbewohnern ausgerechnet vor dem Privathaus des Ortsbürgermeisters enden soll?

"Die Mehrheit, ob sie auf unserer Seite steht, ist eigentlich nicht das Relevante. Was mir viel wichtiger ist: Wo steht die Mehrheit im Land? Entscheidet sie sich, das Land zu retten oder zu jammern?" Markus Nierth

Die "Mitte", das ist aber nicht nur die "Mittelschicht", das sind ebenso die Behörden, die Parteien, die Vereine, die Verbände, die Eliten und – ja auch – "die" Medien. Wenn sie mit Häme das "Nazi-Dorf Tröglitz" geißeln, dann fördert das eher Abwehrreaktionen. Nierths Buch ruft uns in Erinnerung, wie wichtig es für eine Gesellschaft ist, ohne abschätzige Arroganz an die eigenen Ränder zu schauen, nicht in die schmucken Innenstädte, sondern in einen dörflichen Mikrokosmos wie Tröglitz – oder in das "Unterleuten" einer Juli Zeh. Kurs halten an den Werten einer demokratischen Gesellschaft, das wird der "Mitte" aber auch dann leichter fallen, wenn der Steuermann – oder die Steuerfrau – sich nicht beirren lässt.

"Das kann doch nicht sein, dass ein Kapitän auf die 20 Prozent meuternde Menge hinten hört und das Schiff nach rechts steuert oder schwanken lässt. Er muss Kurs halten. Auch Politiker sind Vorbilder. Und die Bevölkerung, die Passagiere, merken ganz genau, was authentisch ist, und wollen, dass der Kapitän eine ruhige Hand hat." Markus Nierth


Markus Nierth / Juliane Streich: "Brandgefährlich. Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht. Erfahrungen eines zurückgetretenen Ortsbürgermeisters" erscheint im September im Christoph Links Verlag und kostet 18 Euro.

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