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Private Utopia von Erró im Ludwig Museum Koblenz American Interior No. 6

Kultur Regional am 30.8.2016 von Marianne Lechner

Der isländische Maler Erró hatte 2011 eine große Ausstellung in der Frankfurter Schirn. Jetzt ist er wieder "in der Nähe" zu sehen: im Ludwig Museum in Koblenz. Das Museum besitzt ein Bild von Erró, das Sammler Peter Ludwig dem Maler abkaufte. Aus der Serie "American Interior" ist es die Nummer sechs. Um dieses Bild herum hat das Museum am Deutschen Eck seine Erró-Ausstellung konzipiert: Private Utopia. Marianne Lechner traf den Künstler bei der Eröffnung:

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Die Haare sind etwas schütter, aber immer noch dunkelblond. Mit seinen 84 Jahren wirkt Erró fit und aktiv. Er arbeitet jeden Tag, bereitet schon die nächste Ausstellung vor: 2017 in Paris. Dort lebt er seit bald 60 Jahren, begleitet in seinem großen Atelier das Weltgeschehen. Und entwirft malend seine eigenen Utopien. Daher der Ausstellungstitel: "Private Utopia". Die Serie "American Interior" entstand schon in den 1960ern, Bilder wie aus einem Einrichtungskatalog. Eine schöne heile Konsumwelt, wenn da nicht die Freiheitskämpfer wären, die schwer bewaffnet durchs Fenster gucken, der Guerillero mit der Bombe im Badezimmer oder die Hausfrau mit den Raketen-Lockenwicklern im Haar. Ganz schön viel Kritik an Amerika. Stimmt, sagt Erró, der erst in diesem Frühjahr mit einer großen Ausstellung in New York gefeiert wurde, aber:

"Mein Eindruck war, dass sie über viele Jahre die Weltpolizei sein wollten und das ist nicht wirklich das, was mir vorschwebt." Erró

Auf dem Bild Nummer sechs reckt der vietnamesische Revolutionsführer Ho Chi Minh in einem schicken Schlafzimmer die rechte Faust in die Höhe. Die kommunistischen Anführer haben Erró schon früh fasziniert. Fidel Castro, ganz besonders aber Mao Zedong. Erró fiel auf, dass Mao in seinem Leben nur eine einzige Auslandsreise unternommen hat, zu den Genossen nach Moskau. Deshalb widmete er ihm in den 1970ern eine ganze Serie mit Reisebildern, die Mao zum Beispiel auch auf dem Markusplatz in Venedig zeigen: Ein charismatisch wirkender junger Mann in langem Gewand, der offenbar übers Hochwasser gehen kann.

"Ich habe an die 160 Bilder gemalt, nicht über den langen Marsch, aber über eine lange Reise. Die sind jetzt in China alle verboten. Und wir haben sieben rote Bücher drucken lassen, genau wie die Mao-Bibel, über seine Reise um die Welt. Er fand Venedig toll und blieb länger dort, dann ging‘s weiter und am Ende landet er in Kalifornien und kriegt von Marilyn Monroe ein Eis spendiert." Erró

Politische Statements, witzig verpackte Gesellschaftskritik. Bilder aus dieser Serie, die jetzt auch das Ludwig Museum zeigt, wurden in Schulbüchern abgedruckt. Das breite Publikum verbindet mit dem Namen Erró, der auch noch klingt wie das französische Wort für Held, aber doch eher Gemälde und Collagen aus der Welt der Comics und meist weiblichen Superhelden. Riesige knallbunte Leinwände, wo sich das Tank Girl breitbeinig mit einer Dose Bier auf dem Sofa fläzt, davor Siegmund Freud mit einer Zigarre, in deren Rauch eine nackte Frau zu erkennen ist. Oder Wonder Woman: Amazone und zugleich Objekt männlicher Gewalt und Begierde. Manchmal martialisch, manchmal aber auch amüsant. Typisch Pop Art möchte man sagen, aber das weist Erró entschieden zurück. Für den jungen Künstler war in der Nachkriegszeit eben nicht New York, sondern Paris "the place to be". Deshalb sieht er sich eher in der Tradition der französischen Figuration Narrative, dem bildhaften Erzählen.

"Pop hat drei Buchstaben, Figurationen narrative hat 17. Ich finde Pop Art ästhetisch zwar sehr schön, aber auch sehr einfach: eine Hand, ein Gesicht, eine Orange oder was auch immer. Beim bildhaften Erzählen braucht man dagegen 17 Minuten, um das Bild zu erfassen, denn es ist sehr kompliziert und hat sehr viel mit dem zu tun, was in der Welt aktuell passiert." Erró

17 Minuten für ein Großformat, an dem Erró schon mal zehn Wochen arbeitet - das ist eigentlich nicht zu viel verlangt. Zu entdecken gibt es in diesen überbordenden Bildergeschichten mehr als genug.

Die Ausstellung Erró - Private Utopia ist im Ludwig Museum vom 28.08.-16.10.2016 in Koblenz zu sehen.

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