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Westjordanland Leben retten in der Oase

Globales Tagebuch am 2.1.2017 von Peter Kapern

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Dr. George Juha geht der Ruf voraus, einer der besten Kinderärzte im gesamten Westjordanland zu sein. Doch in diesem Fall war auch er machtlos:

Der Patient ist gerade gestorben, berichtet er, als wir die Intensivstation der Caritas-Kinderklinik in Bethlehem betreten. Ein Säugling, nur wenige Tage alt, mit einer schweren Missbildung.

Die Eltern, junge Palästinenser, wickeln den Leichnam des Kindes in eine bunte Decke und tragen in nach Hause. Zur Beerdigung. Auch wenn diesem Kind nicht zu helfen war: Die Kinderklinik in Bethlehem ist ein Hoffnungsspender für die Menschen im Westjordanland. Fast 40.000 Kinder wurden hier im vergangenen Jahr behandelt. Das Krankenhaus liegt im Norden der Stadt, gleich neben der von Israel errichteten grauen Schutzmauer mit ihren düsteren Wachtürmen. Das Klinikgelände gleicht mitten in dieser Tristesse einer Oase:

"Das ist etwas, das wir auch viel von den Eltern hören. Sie kommen in das Krankenhaus mit einem kranken Kind. Und es ist dann nicht die Frage: Wie denkst Du politisch? Wie denkst Du religiös? Sondern Du kannst hier sein. Und wir bemühen uns, einen geschützten Raum zu geben. Denn wenn Du aus dem Krankenhaus rausgehst, du hast 10 Meter zur Mauer, du hast auf der anderen Seite direkt eine große Siedlung. Das nimmt den Menschen oft die Luft zum Atmen." Livia Leykauf-Rota

… sagt Livia Leykauf-Rota, die Sprecherin der Klinik. Das Krankenhaus wurde 1952 gegründet, vom Schweizer Pater Ernst Schnydrig, der im Auftrag der Caritas das Westjordanland bereiste. Er hatte mit angesehen, wie ein Vater sein totes Kind direkt neben einem Zelt beerdigte. In einem Flüchtlingslager, in dem er seit dem israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 lebte. So groß wie damals ist das Elend im Westjordanland längst nicht mehr. Trotzdem leiden die meisten Kinder, die hier behandelt werden, unter sogenannten Armutskrankheiten.

"Die Kinder werden schlecht ernährt, werden sehr einseitig ernährt. Viel ist auch, dass die Häuser sehr arm sind und schlecht isoliert. Wir haben auch viele Nomadenfamilien, die im Zelt leben. Da gibt es immer Kinder, die sich mit schlechtem Wasser infizieren, die sich erkälten, weil es wahnsinnig kalt ist. Und diese Armutskrankheiten haben auch viel damit zu tun, dass das Wissen fehlt, wie du Kinder vor einer Krankheit schützen kannst." Livia Leykauf-Rota

Die Kinderklinik ist ein christliches Krankenhaus. In einer Region, in der die Christen nur eine Minderheit sind. Die meisten Patienten sind Muslime, die über den Besuch der Klinik häufig erstmals in Kontakt mit Christen kommen:

"Das hören wir oft von Eltern: Am Anfang hatten wir ein bisschen Sorge: Wie wird mit uns Umgegangen? Sind die nett zu uns? Weil viele kommen aus Dörfern, in denen sie noch nie Christen begegnet sind. Und dann kommen sie hierher und merken: Die sind genauso wie wir. Und das ist für uns wichtig, weil darüber Verständigung geschieht." Livia Leykauf-Rota

Noch einmal zurück auf die Intensivstation. Hinter einer Glasscheibe liegt ein winziges Kind in einem Brutkasten, der kleine Körper ist vor lauter Schläuchen und Kabeln kaum zu sehen. Es ist ein Mädchen. Sie heißt Nour und wurde am 30. November im Gazastreifen geboren.

Sie hatte Luft im Brustkorb, erzählt Dr. Juha, was eine Entzündung zur Folge hatte. Dort, im Gazastreifen, hätte niemand dem Mädchen helfen können. Hier, in der gut ausgestatteten Klinik, hat der Arzt das Leben des Kindes retten können.

Nour ist jetzt seit einer Woche hier, und es geht ihr schon viel besser, sagt Dr. Juha zum Abschied. Eigentlich sei Nour schon so gut wie gesund.

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