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Opernfestspiele Heidenheim Im Gefühlsrausch - "La Bohème"

Kultur Regional am 7.7.2016 von Ines Stricker

In den 1960er Jahren fanden in Heidenheim in der schönen Schlossruine Hellenstein aus dem 12. Jahrhundert Serenaden statt, später Opern, Gala-Abende und Konzerte.
Seit vor einigen Jahren Marcus Bosch die Künstlerische Leitung übernommen hat - er ist gebürtiger Heidenheimer und Generalmusikdirektor am Staatstheater Nürnberg - machen die Opernfestspiele Heidenheim überregional von sich reden. Dieses Jahr steht das Festspielprogramm unter dem Motto "Gefühlsrausch". Und als szenisches Hauptwerk hat Marcus Bosch "La Bohème" ins Programm aufgenommen und anspruchsvoll besetzt.

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Eine Winteroper im Sommer

Der Himmel ist blau, und durch die Ruine des Rittersaals auf Burg Hellenstein weht an diesem Probenabend laue Luft. Aber die Bühne vorne ist weiß verhängt, denn "La Bohème", Puccinis Oper um Leben, Lieben und Sterben in der Pariser Künstlerszene Ende des 19. Jahrhunderts, spielt im Winter.

"Es ist klar, warum die Oper hier nicht gespielt wurde: eine szenische Lösung zu finden für ein Stück, das im Winter spielt und an Weihnachten bei einem Sommer-Open Air zu spielen, das ist sicher eine Herausforderung. Aber in einem Opernfestival, was sich ja verschreiben muss, auch populäre Dinge auf die Bühne zu bringen, darf eine ‚Bohème‘ nicht fehlen, und ich freue mich, dass jetzt im 52. Jahr Opernfestspiele Heidenheim zum ersten Mal eine "Bohème" auf der Bühne steht." Marcus Bosch, Künstlerischer Leiter und Dirigent bei den Opernfestspiele Heidenheim

Eine Künstler-WG in der heutigen Zeit

Aber bei aller Popularität wollen er und Regisseurin Petra Luisa Meyer die schön traurige Liebesgeschichte des armen Dichters Rodolfo und der Näherin Mimi nicht sentimental werden lassen. Bosch hat ein junges internationales Ensemble auf die Schwäbische Alb geholt, das "La Bohème" in der heutigen Zeit verkörpert: Rodolfo schreibt in der Künstler-WG seine Texte auf dem Laptop, sein Malerfreund Marcello dreht Videos, wenn er nicht gerade mit seiner Freundin Musetta streitet, und der Musiker Schaunard balgt sich mit dem Philosophen Colline beim Eishockey.

"Das sind junge Menschen, die in Armut leben, die in einem Gefühlsrausch stecken, und all das will man, glaube ich, als Zuseher und als Zuhörer mitbekommen und wahrhaftig bekommen. Ich glaube, das können die Sänger auch umsetzen, sie sind als Typen so verschieden, dass man ihnen so eine WG auch abnimmt." Marcus Bosch

Mehr als Melodienseligkeit

Und auch Puccinis emotional packende und unmittelbar berührende Musik ist nicht nur auf satten Stimmschmelz ausgerichtet, meint Marcus Bosch. Sie zeigt in ihrer Instrumentierung und Dynamik für die damalige Zeit moderne Züge, die er mit den Stuttgarter Philharmonikern als Festspielorchester herausheben will.

"Puccini ist mehr als Melodienseligkeit. Für mich ist die ‚Bohème‘ ein sehr impressionistisches Stück, durchs Auffächern von Farben, durch Auffächern von diesen vielen verschiedenen Dynamikbezeichnungen, die Puccini schreibt und die ja sehr plastisch vom fünffachen Pianissimo bis zum dreifachen Fortissimo geht." Marcus Bosch

Über intensive musikalische Ausdeutung und die schnörkellose Inszenierung von "La Bohème" will Marcus Bosch außerdem einen aktuellen Bezug erreichen: Denn auch heute noch, meint er, existiere die falsche Vorstellung vom armen, aber glücklichen freiberuflichen Künstler: "Ich erlebe es immer wieder, wenn wir Veranstaltungen haben, dass ich höre: ‚Naja, die Sänger singen doch gerne, also werden sie’s auch umsonst machen‘, so ungefähr."

Porträt vom künstlerischen Direktor der Opernfestspiele Heidenheim Marcus Bosch:

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5:14 min | Do, 7.7.2016 | 15:05 Uhr | SWR2 Cluster | SWR2

Mehr Info

Marcus Bosch – künstlerischer Direktor der Opernfestspiele Heidenheim

Dirigent seit Kindergartentagen

Thomas Senne

Der umtriebige Dirigent Marcus Bosch kehrte 2009 in seine Geburtsstadt Heidenheim zurück, um dort die künstlerische Leitung der Opernfestspiele Heidenheim zu übernehmen. Schon als Vierjähriger dirigierte er das erste Mal im Kindergarten. Thomas Senne mit einem Portrait des Dirigenten.

Opernfestspiele Heidenheim
"La Bohème"
Premiere: 8.7.2016, weitere Aufführungen: 8.,9., 15.,16., 22.,23.,29. und 30. Juli 2016 sowie am 3. und 5. August 2016

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