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Kulturzerstörung in Timbuktu vor dem Internationalen Strafgerichtshof Prozessauftakt in Den Haag

Kulturthema am 22.8.2016 von Kerstin Schweighöfer

2012 zogen Dschihadisten mit Spitzhacken, Stahlstangen und Vorschlaghämmern durch Timbuktu und zerstörten Mausoleen und eine Moschee, insgesamt zehn der bedeutendsten Weltkulturerbestätten.

Ab dem 22. August 2016 steht einer der mutmaßlichen Täter vor dem Internationalen Strafgerichtshof in den Haag: Ahmad al Mahdi hatte sein Schuldeingeständnis im Vorfeld bereis angekündigt. Zugleich ist dies das erste Verfahren, das wegen der Zerstörung eines Weltkulturerbes stattfindet.

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Am 26. September 2015 war Ahmad Al Mahdi nach Den Haag überstellt worden. Vier Tage später erschien er erstmals vor den Richtern des Internationalen Strafgerichtshofs, kurz ICC genannt: Weißes Hemd, dunkler Anzug, Krawatte, unscheinbare Brille, schwarzer Lockenkopf. Der einstige Chef der sogenannten "Moralpolizei" von Timbuktu gab sich höflich und respektvoll. Gefasst hörte er sich die Anklagepunkte an.

Timbuktu gilt als sagenhafter, rätselhafter Sehnsuchtsort. Paul Auster hat einen Roman nach ihr benannt, in dem Timbuktu für das Paradies steht, zumindest stellt der Erzähler, ein Schriftsteller auf seinem Sterbebett, sich die Oasenstadt am Südrand der Sahara als Paradies vor. Im 15. und 16. Jahrhundert war Timbuktu ein intellektuelles Zentrum der Islamischen Welt mit der großen Sidi-Yahia-Moschee und der berühmten Bibliothek. Bis zur Zerstörung der Stadt im Jahr 2012 durch die Dschihadisten reisten viele Sahara-Touristen in die Stadt.

Al Mahdi hatte sich den radikalen Islamisten angeschlossen, die Timbuktu 2012 erobert und besetzt hatten. Als Leiter der "Moralpolizei" soll er für die Zerstörung von neun Mausoleen sowie einer Moschee verantwortlich sein, zehn Bauwerke, die zum Weltkulturerbe zählten. Er habe diese Zerstörungen geplant, vorbereitet, angeordnet und dabei immer wieder selbst zu Spitzhacke, Hammer, Axt oder Schaufel gegriffen, um sich aktiv an den Verwüstungen zu beteiligen.

Djingareyber-Moschee in Timbuktu

Djingareyber-Moschee in Timbuktu. Islamisten zerstörten 2012 Gräber der größten Moschee Malis.

Zerstörung von Weltkulturerbe erstmals als Kriegsverbrechen geahndet

Bislang drehte sich in den Haager Prozessen alles um Totschlag und Mord, um Folter, Vergewaltigung oder das Rekrutieren von Kindersoldaten. Nun wird das Zerstören des kulturellen Erbes eines Volkes erstmals als Kriegsverbrechen geahndet. Höchste Zeit, freut sich Programmkoordinatorin Deborah Stolk vom CER, dem Cultural Emergency Response in Amsterdam, einer Art Rotes Kreuz für bedrohte Kultur, denn, so Stolk, Kulturzerstörung sei Teil einer Kriegsstrategie, um die Identität des Gegners auszulöschen.

Kulturzerstörung vor dem Weltstrafgericht: Interview mit Michael Müller-Karpe, Archäologe am Römisch-Germanischen Zentralmuseum

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8:17 min | Mo, 22.8.2016 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

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Kulturzerstörung vor dem Weltstrafgericht

Kultur kaputt, Seele kaputt

Hondl, Kathrin

Interview mit Michael Müller-Karpe, Archäologe am Römisch-Germanischen Zentralmuseum

Sobald bei Kriegen oder nach Naturkatastrophen Kulturerbe verloren zu gehen droht, schaltet der CER sein weltweites Netzwerk an Experten ein. Diese leisten vor Ort erste Hilfe, sprich: Sie versuchen Museen oder Archive zu evakuieren oder die Lage buchstäblich zu stabilisieren, indem sie nach Bombardierungen Monumente mit Stützbalken vor dem Einstürzen bewahren. In Timbuktu hat der CER zumindest dafür sorgen können, dass die fast 300.000 historischen Handschriften aus der Stadt geschmuggelt werden konnten. Die Rettungsaktion wurde von Amsterdam aus initiiert und koordiniert. "Eine Nation kann nur dann überleben, wenn ihre Kultur überlebt", lautet das Motto des CER.

Gerettete Manuskripte aus Timbuktu warten auf Restaurierung

Gerettete Manuskripte aus Timbuktu warten auf Restaurierung

Schuldeingeständnis angekündigt

Der Prozess gegen den ehemaligen "Moralpolizei"-Chef Al Mahdi könnte schon nach einer Woche abgeschlossen werden. Denn als erster Angeklagter des ICC hat Al Mahdi angekündigt, seine Schuld einzugestehen.

Ob es zu ähnlichen Prozessen kommt, um die Zerstörung von Kulturerbe in Palmyra oder Aleppo, im Irak oder dem Jemen zu ahnden, ist vom UN-Sicherheitsrat abhängig, denn der ICC ist ein Vertragsstaatengericht und weder Syrien noch der Jemen oder der Irak gehören zu den Vertragsstaaten. In solchen Fällen kann die Anklagebehörde erst dann anfangen zu ermitteln, wenn der Sicherheitsrat sie dazu auffordert.

Verbrechen mit dem Ziel, die Wurzeln eines Volkes zu vernichten

Die Höchststrafe, die der ICC verhängen kann, sind 30 Jahre. Er kann einen Angeklagten auch lediglich zu einer Geldbuße verurteilen. Für die ICC-Chefanklägerin Fatou Bensouda ist der Prozess gegen Al Mahdi in jedem Falle von großer Bedeutung: "Es geht hier nicht nur um Steine und Mauern. Es geht um Gebäude, die historisch und religiös bedeutend sind und darüber hinaus die Identität eines Volkes bestimmen. Es geht um Verbrechen mit dem Ziel, die Wurzeln eines Volkes zu vernichten. Mit der Moschee und den Mausoleen wurde auch die Würde der Menschen in Nord-Mali zerstört. Sie verdienen Gerechtigkeit. Solche Verbrechen dürfen nicht länger ungestraft bleiben." Fatou Bensouda

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