Kulturthema 10.1.2013

Weg mit den Negern!

Walter Filz über die Diskussion um politisch korrekte Sprache in Kinderbüchern

Weg mit den Negern! Das ist gut für die Kinder. Aber: noch viel besser ist es natürlich für die Eltern. Denn die müssen ihren Kindern nun nichts mehr erklären, müssen beim Vorlesen keine komplikatorischen Einschübe machen, warum in dieser so schönen Geschichte ein so hässliches Wort steht. Müssen nicht überwachen, ob, wann und unter welchen Umständen ihre Kinder bei selbständiger Lektüre auf derartige Wörter stoßen. Müssen sich um nichts mehr kümmern. Denn die Verlage tun es. Wieder von einer pädagogischen Mühe entlastet. Weg mit den Negern! Weg mit der Scheiße! Hieß es früher – als die Pädagogik anderen Sauberkeitskriterien folgte. Da galt es, Kinder möglichst lange vor dem Fäkalvulgärwort zu schützen, weil mit seiner Verwendung der Absturz ins Asoziale, Kriminelle, Schimpflich-Schädlich-Frevelhafte gefürchtet wurde.

Aber es half nichts. Irgendwann nahm selbst der bravste Sprössling in den Mund, was andere angeblich nicht in die Hand nehmen. Und dann war die familiäre Aufregung gewaltig. Wo hast du das Wort denn auf einmal her? Irgendwo bleiben die Wörter nämlich immer. Wenn sie nicht mehr in Büchern stehen, leben sie auf der Straße weiter. Und auf der Straße gibt’s kein Lektorat. Da sind die Wörter völlig unbeaufsichtigt – und was sie dann anstellen… Naja, es ist dasselbe wie mit den Kindern, die mit einem sauberen Buch zuhause auf jeden Fall geringeren Risiken ausgesetzt sind. Ansteckungsrisiken. Denn das ist ja die Kernbefürchtung, dass falsche Wörter die Viren sind, die zur geistigen Infektionen führen.

Aber: wie weit sollen die vorbeugenden Hygiene-Maßnahmen gehen? Reicht es, wenn die Neger weg sind? Sind nicht auch Bezeichnungen wie Zwerg oder Hexe Keimträger schlimmer Vorstellungen und Vorurteile? Sollten Kinderbücher nicht ganz und gar klinisch rein sein? Es gibt Eltern, die ihre Kinder vor jedem Dreck bewahren wollen, sie nicht ohne schutzanzugartige Kleidung und Fass-das-bloß-nicht-an-Mahnungen aus dem Haus lassen und im Haus alles mit Sagrotan abwischen. Hundertprozentigen Schutz bietet das nicht. Im Gegenteil: es schwächt eher die eigenen Abwehrkräfte.

Ähnlich verhält es sich mit desinfizierter Literatur. Eine akute Ansteckungsgefahr mag gebannt sein. Aber es kommt auch nicht zur Ausbildung selbständiger Fähigkeiten. Urteilsfähigkeit zum Beispiel kann durch Lesen gefördert werden, sofern ein Buch sie herausfordert und Eltern nicht zu träge sind, mit dieser Herausforderung umzugehen.

Stand: 10.01.2013, 15.23 Uhr