Kulturthema 19.2.2013

Fast wie bei Scientology

Herbert Spaich über Paul Thomas Andersons Film "The Master"

Herbert Spaich

In den Filmen des amerikanischen Regisseurs Paul Thomas Anderson kann es vorkommen, dass es Frösche regnet, in "Magnolia", oder sich ein junger Mann in der Porno Branche selbst verwirklicht, in "Boogie Nights". Seine Protagonisten sind häufig nicht ganz von dieser Welt oder sind aus ihrer Zeit gefallen. Formal fallen Andersons Films durch eine ungewöhnliche Farbdramaturgie und einen ausgeprägten individuellen Stil auf. Auch sein neuer Film "The Master", der unter anderem bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet und zweimal für den Oscar nominiert wurde. Diese Woche startet "The Master" in den deutschen Kinos.

Joaquin Phoenix als Freddie Quell und Philip Seymour Hoffman als Lancaster Dodd in einer Szene des Kinofilms "The Master"

Philip Seymour Hoffman als Lancaster Dodd in "The Master"

Kriegsheimkehrer

1946: der Krieg ist vorbei! Zu den Heimkehrern gehört auch Freddie Quill. Bei seinem Marine-Einsatz hat er nicht körperlich, aber seelisch umso mehr Schaden genommen. Er besäuft sich regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit. Deshalb weiß Freddie auch nicht mehr, wie er vom Pier in San Francisco an Bord der schicken Jacht gekommen ist. Es kann sein, das er benebelt auf der Suche nach einem neuen Job war. Vom Kaufhaus Fotografen bis zum Erntehelfer hat Freddie nämlich nach seiner Entlassung aus der Armee schon Diverses zum Broterwerb ausprobiert. Erfolglos. Jetzt steht er von dem Eigner der Jacht. Der heißt Lancester Dodd und scheint ein Menschenfreund zu sein.

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The Master

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Joaquin Phoenix als Freddie Quell

Joaquin Phoenix als Freddie Quell

Joaquin Phoenix als Freddie Quell und Philip Seymour Hoffman als Lancaster Dodd

Amy Adams als Peggy Dodd und Joaquin Phoenix als Freddie Quell

Joaquín Phoenix ist für seine Rolle als Freddie Quell in "The Master" in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" für den Oscar nominiert.

Philip Seymour Hoffman ist nach 2008 und 2009 erneut als bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert, diesmal für seine Rolle als Lancaster Dodd in "The Master".

Auf dem Weg zur eigenen Religion

Mr. Dodd stellt Freddie als "Mädchen für Alles" ein. Wie sich heraus stellt, ist Dodd ein reicher charismatischer Mann mit vielen Talenten. Da haben sich also zwei Seelenverwandte getroffen. Dazu muss man wissen, dass Lancester Dodd längst nicht mehr nur an irdischen Gütern interessiert ist, sondern dabei, eine eigene Kirche zu gründen. Leider geht es mit dem Verfassen des theoretischen Grundlagenwerks nicht so recht voran. Es soll der "Ursprung" heißen. Also dem Glück der Menschheit steht nichts mehr im Wege! Wunderbarer Weise erweist sich die Anwesenheit des verstörten Freddie als äußerst inspirierend für Lancester Dodd. Das ruft die Neider auf den Plan – insbesondere Dodds eifersüchtigen Sohn. Er wäre selbst gerne Vaters Muse.

Von der Wirklichkeit inspiriert

Dass P.T. Anderson zu "The Master" vom Scientology-Gründern L. Ron Hubbard inspiriert wurde, ist nicht zu übersehen. Er portraitiert Master Dodd als cleveren Rattenfänger, der ein Heer von Neurotikern für seine Zwecke instrumentalisiert. Raffiniert ködert er sie mit einem kleinen Zipfel der Macht. Doch das System ist endlich: selbst das totalitärste Regime hat seine schwachen Seiten. Und die interessieren P. T. Anderson bei "The Master" in erster Linie. Daraus entwickelt er einen in Form und Inhalt perfekten Film, der die gefährlichen Denkmuster der Scientologen nur anzudeuten braucht. Das reicht, um zu zeigen, wes Geistes Kind Demagogen wie Hubbard bzw. Lancaster Dodd sind. Den Film "The Master" kann man deshalb nur empfehlen!

Stand: 19.02.2013, 08.41 Uhr