Kulturthema 18.3.2013

Doppelpremiere mit Hindernissen

Lotte Thaler über die Eröffnung der 36. Händel-Festspiele Karlsruhe

Lotte Thaler

Oratorium "Der Sieg von Zeit und Wahrheit"

v.l. Sebastian Kohlhepp (Vergnügen), Stefanie Schaefer (Täuschung), Anna Patalong (Schönheit)

Es hätte eine besondere Premiere werden sollen, eine Doppelpremiere aus barockem und modernem Musiktheater. Aber die Götter haben anders entschieden und die Gewerkschaft VERDI nach Karlsruhe geschickt, um die Premiere zur Eröffnung der diesjährigen Händelfestspiele in Karlsruhe zu bestreiken. Statt der doppelten Premiere gab es also eine halbe: eine konzertante für das Oratorium "Der Sieg von Zeit und Wahrheit" von Händel und eine halbszenische für das Gegenstück des irischen Komponisten Gerald Barry, dem Einakter "Der Sieg von Schönheit und Täuschung".

Nun mag man einwenden, dass ein Oratorium ja nicht unbedingt inszeniert werden muss – ein allegorisches wie dieses zumal. Wahrheit, Täuschung, Vergnügen und Zeit streiten sich hier um die Schönheit. Und es gab auch in Karlsruhe schon genug Händel-Aufführungen, wo man dachte, wärst du doch konzertant geblieben. Aber in diesem Fall war das Bedauern über die notgedrungen reduzierte Premiere groß.

Was das fabelhafte Ensemble auf der Vorderbühne an Spielfreude und sängerischer Bravour entwickelte, schrie buchstäblich nach mehr. Der Leiter der Karlsruher Händelfestspiele, Bernd Feuchtner, bewies erneut seine glückliche Hand in der Sängerbesetzung. So stellte er auch dieses Jahr wieder ein Team aus durchweg jungen, unverbrauchten Stimmen zusammen, die sich vorzüglich ergänzten. Und da Händel ja eigentlich ein englischer Komponist ist, stammen nicht nur drei der fünf Sänger aus England, sondern auch das Regieteam von Sam Brown und der Dirigent des Abends, Richard Baker. Er leitete die Badische Staatskapelle souverän und inspiriert durch die beiden stilistisch so unterschiedlichen Stücke.

Der deutsche Tenor Sebastian Kohlhepp, in der Rolle des Vergnügens, machte seiner Rolle sowohl musikalisch als auch optisch Ehre. Alle fünf Protagonisten sind außerordentlich liebevoll gezeichnet: die Zeit von dem großartigen Bassisten Joshua Bloom im feinen Nadelstreifenanzug, die Wahrheit des komischen Countertenors William Purefoy im weißen Gewand der Unschuld. Bei den Frauen hat Stefanie Schaefer als Täuschung eine ausgesprochen komödiantische Ader, während Anna Patalonga als Schönheit anfangs gar nicht weiß, wohin sie ihr puppenhaftes Lächeln noch schicken soll. Dass diese selbstverliebte Schönheit allmählich in die Mühlen von Zeit, Wahrheit und Täuschung gerät, bis sie aller Eitelkeit abschwört, musste Händel natürlich tugendhaft auskomponieren. Schließlich schrieb er dieses Oratorium für einen Kardinal.

Doch da wir heute in unserem Schönheits- und Jugendwahn mit dem Büßergewand ein Problem haben, hat der Komponist Gerald Berry 1991 das Gegenstück zu Händels Oratorium geschrieben: "Der Sieg von Schönheit und Täuschung". Die allegorischen Figuren sind bei ihm dieselben, nur dass er sie anders besetzt. Bei Barry gibt es keine Frauenstimmen mehr, sondern zwei Countertenöre, jeweils einen Tenor, einen Bariton und einen Bass. Und im Orchestergraben sitzen jetzt statt zarter Oboen und klangsinnlicher Laute Hörner, Schlagzeug, Kontrafagott und Klavier. Damit evoziert Barry eine überwiegend motorische Musik, die in denkbar größtem Gegensatz zu Händels feiner Linienführung steht. Zu erkennen war die Zeit – wieder mit dem Bassisten Joshua Bloom – hier nicht mehr: an ihrer Position im Weltgefüge unterscheiden sich die beiden Stücke von Händel und Barry grundlegend. War die Zeit bei Händel noch die maßgebliche Institution für Schönheit und Verfall, so ist sie bei Barry selbst schon verfallen – sie steckt in einem sackartigen Kostüm, das sie bewegungsunfähig macht. Die philosophischen Implikationen bleiben allerdings unklar. Ob dies an der halbszenischen Aufführung oder am Stück selbst liegt, lässt sich nicht eindeutig sagen.

Einen kleinen Trost erhielt das Badische Staatstheater im Anschluss an die Aufführung: den Preis der Stiftung des Verbandes Deutscher Bühnen- und Medienverlage für seine vorbildliche Spielplangestaltung.

Händel-Festspiele Karlsruhe
15. Februar bis 3. März 2013

Händel-Festspiele Karlsruhe

Badisches Staatstheater

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Stand: 18.02.2013, 15.28 Uhr