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Kulturthema 8.2.2013  Kung-Fu als Lebensphilosophie

Herbert Spaich über den Berlinale-Eröffnungsfilm "The Grandmaster" von Wong Kar-Wai

Der chinesische Regisseur Wong Kar Wai

Zwei Meister im chinesischen Kampfsport Kung Fu treffen sich zu einem Vergleichskampf in Foshan im Süden Chinas. Master Gong (Wang Quingxiang) ist mit Tochter (Ziyi Zhang) aus dem Norden angereist. Als Großmeister soll er bei diesem Event feierlich in den Ruhestand verabschiedet werden. Er begegnet dem örtlichen Champion Ip Man (Tony Leung).

Der wesentliche jüngere Ip Man hat sich seinen Ruf als exzellenter Kämpfer dadurch erworben, das er eine in Vergessenheit geratene Kung Fu-Variation "Wing Chun"! oder "Wing Tsun" neu belebt hat. Im Gegensatz zum traditionellen Kung Fu ist die Besonderheit daran, die rein defensive Führung des Kampfes: d. h. die Gewalt des Angreifers wird abgeleitet bzw. ins Leere oder gegen ihn selbst umgeleitet, was ziemlich schmerzhafte Folgen hat.

"The Grandmaster" beginnt 1935 und zeichnet die reale Biographie von Yip Kai Man nach, der als Erfinder des modernen Wing Chun und als Lehrmeister des Kung Fu-Stars Bruce Lee in die Geschichte eingegangen ist. Auch in Deutschland gibt es Wing Chun-Schulen, abgekürzt "WT", inzwischen selbst auf den Dörfern.

Wong Kar-Wai wäre nicht Wong Kar-Wai und einer der kreativsten Filmemacher der Gegenwart, hätte er sich auf der bloße Nacherzählen der durchaus bewegten Biographie des Ip Man beschränkt. Er hat vielmehr die Philosophie des Wing Chun, Gewalt nicht mit Gegengewalt, sondern durch Unterlaufen der Gewalt zu beantworten, in den Kontext der Geschichte Chinas im 20.  Jahrhundert gestellt.

Natürlich verzichtete der Regisseur dabei nicht auf virtuos choreographierte Kampfsequenzen. Sie werden aber in dem für Wong Kar-Wai typischen Stil abstrahiert und in den Hintergrund gerückt.

Wesentlich ist ihm das letztliche Scheitern seines Helden an einer gewalttätigen Welt voller Krieg und Verrat, mit bedingter Hoffnung auf bessere Zeiten. Wong Kar-Wai hat seinen Film als aufregendes Fixierspiel mit der Frage angelegt, ob das Defensive im Sport wie im Leben eine Chance hat oder nur – wie Brecht sagt – Gewalt hilft wo Gewalt herrscht.

Einen besseren Film zum Auftakt der 63. Internationalen Berliner Filmfestspiele konnte es nicht geben. "The Grandmaster" kommt im Frühsommer in die Kinos!

Herbert Spaich

Letzte Änderung am: 08.02.2013, 09.15 Uhr

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