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Kulturgespräch 11.6.2013 Schrankenloser Kulturimperialismus?

Jochen Greve über das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, bei dem auch die Kultur nicht ausgenommen werden soll

Ist Kultur eine Ware? Diese Woche beginnen die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und den USA über ein Freihandelsabkommen. EU-Kommissar Karel De Gucht prophezeit ein neues Wirtschaftswachstum und einen ungeahnten Job-Boom. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite könnte das Freihandelsabkommen bedeuten, dass Kultur zu einem reinen Wirtschaftsgut würde. Das heißt, nur was sich finanziell lohnt, hat auch Bestand. Dagegen wehren sich Künstler, Kulturorganisationen, Rundfunkräte. Ihr Appell: Die Kultur soll nicht auf den Verhandlungstisch. Sie muss eine Ausnahme bleiben, damit Qualität und Kulturvielfalt erhalten bleiben.

Der berühmte Schriftzug "Hollywood" in in den Hollywood Hills

Der berühmte Schriftzug "Hollywood" in in den Hollywood Hills

Über den Kampf gegen einen schrankenlosen Kulturimperialismus spreche ich mich mit dem Drehbuchautor Jochen Greve. Herr Greve, das EU-Parlament hat bereits angekündigt, die Kultur stärken und für ihren Schutz kämpfen zu wollen. Warum haben Sie dennoch Bedenken?

Kultur ist ja etwas Ungewöhnliches, etwas Seltsames. Sie hat einen Doppelcharakter. Kultur ist einerseits ein Wirtschaftsgut, denn ich lebe ja als Autor von meiner Arbeit, auf der anderen Seite ist meine Arbeit eben auch Kultur. Wir haben mit Amerika – und das ist das Problem –, einen sehr starken Kulturexporteur, in Form von Hollywood, der Musikindustrie, aber auch in Form anderer kultureller Produkte. Um unsere Kultur zu erhalten, brauchen wir einen gewissen Schutz vor diesen Märkten. Hollywood, um es an meinem Bereich festzumachen, ist einfach zu groß und zu mächtig, als dass wir dagegen ohne bestimmte Förderungen ankommen könnten. Unsere europäischen Kulturräume sind zu klein. Selbst Deutschland ist zu klein, um alle Formen von Kultur refinanzieren zu können. Und deshalb brauchen wir Förderung. Unsere Sorge ist nun, dass so ein Abkommen dazu führt, dass jede Art von Förderung - von der Buchpreisbindung bis zur Filmförderung, von der Künstlersozialkasse bis zu den Verwertungsgesellschaften oder auch den Gebühren der Rundfunkanstalten - auf einmal zu einem Problem werden könnte. Das sähe dann so aus, dass die Amerikaner ihre Subventionen dagegen rechnen könnten, und wir auf einer Art Verschiebebahnhof landen würden, wo unsere Kultur gegen Agrarprodukte, Gen-Fleisch oder sonst etwas aus Amerika verrechnet würde. Dass heißt nicht, dass wir gegen Wettbewerb sind. Wir sind für Wettbewerb. Aber damit dieser Wettbewerb funktioniert, brauchen wir einen gewissen Schutz. Und dieser Schutz steht nun zur Disposition.

Sie sprechen die amerikanische Unterhaltungsindustrie, also Hollywood, an. Ist die nicht ohnehin in Europa schon längst „überpräsent“?

Beim Weltwirtschaftsabkommen vor 20 Jahren wurde hart darum gerungen, bei der Kultur eine Ausnahme zu machen. Die ist dann am Ende auch verabschiedet worden. Das heißt, Kultur wurde nicht als Wirtschaftsgut eingestuft. Das hatte zur Folge, dass man Kultur schützen konnte, und sie eben nicht wie Gen-Fleisch, Maschinenbau, Automobilbau oder was auch immer, Subventionskontrollen unterliegt. Diesen Schutz sehen wir in Gefahr, wenn das offen diskutiert wird. Und gerade unsere Regierung will keine kulturelle Ausnahme bei diesen Verhandlungen machen. Das verstehen wir nicht, denn Hollywood macht ja einen riesigen Gewinn hier. Überall in Europa kommen ungefähr 70 bis 80 Prozent der Kinoproduktionen aus Hollywood, der Rest kommt aus dem eigenen Land. Wieso müssen wir diesen Schutz aufheben? Um bestehen zu können, brauchen wir bestimmte Förderungen. Und diese Förderungen gibt es in allen Bereichen. Jede Buchhandlung an der Straßenecke verkauft ein Buch zum gleichen Preis wie Amazon. Das sind alles indirekte Förderungen.

Und die gewähren eine Vielfalt der Kultur, die uns sehr wichtig ist und die wir erhalten wollen. Käme es tatsächlich zu einem solchen Freihandelsabkommen im kulturellen Bereich, würde das auch zwangsläufig zu einer Lockerung des Verbraucher-, Jugend-, und Datenschutzes führen - und auch zu einer Lockerung des europäischen Urheberrechts. Wie groß schätzen Sie die negativen Auswirkungen ein, wenn es zu einer Harmonisierung des Urheberrechts zwischen Europa und den USA käme?

Ich denke, das geht gar nicht. Sie sagen so schön, Urheberrecht. Das ist ein Recht des Urhebers. In Amerika heißt das „Copyright“. Das ist das Recht auf Kopie. Daran sehen Sie schon den unterschiedlichen Ansatz der beiden Gesetze. Das lässt sich nicht so einfach harmonisieren. Wenn hier amerikanische Regeln eingeführt würden, wäre das genau zu prüfen. Und das ist auch unsere Sorge bei diesen Verhandlungen. Es sind hauptsächlich die Internetkonzerne, die dafür kämpfen, dass der Markt völlig geöffnet wird. Weil sie bereits erkannt haben – vielleicht mehr als wir  –,  dass ein Großteil der Kultur in Zukunft über das Internet laufen wird. Und da gibt es im Augenblick keinerlei Reglement. Auch ein Großteil des Fernsehens wird über das Internet laufen, die Filmauswertung wird über das Internet laufen. Und da wollen wir Instrumente haben, die man gegebenenfalls auch auf das Internet anwenden kann. Das heißt nicht, dass es dann reguliert wäre. Aber wenn man zum Beispiel über irgendeine Web-Plattform „Video on Demand“, also Filme ausleihen will, dann muss es irgendein Regularium geben, das unserer Gesetzgebung entspricht. Und wir haben die Sorge, dass wir für jedes neue Instrument, das wir vielleicht in 10 oder 20 Jahren brauchen, dann bei den Amerikanern um Erlaubnis fragen müssen, weil der Kulturbereich eben nicht prinzipiell geschützt ist, sondern nur bestimmte Bereiche. Wenn Sie bedenken, wie sich unsere Kultur-Rezeption in den letzten 20 Jahren verändert hat, dann sehen Sie, worin die Gefahr besteht. Wer will denn prognostizieren, wie wir in 20 Jahren Kultur produzieren und rezipieren?

Herr Greve, wo könnten denn bei aller Kritik, die wir jetzt aufgeführt haben, auch positive Aspekte eines solchen Handelsabkommens für europäische Kulturschaffende liegen? Sehen Sie auch Chancen?

Nein. Und wenn, dann nur darin, dass man tatsächlich über Regularien reden müsste, eben zum Beispiel im Internet. Alle anderen kulturellen Bereiche sind ja über viele Jahrzehnte hier in Europa organisiert worden. In jedem Land auf seine Art und Weise. Da sehe ich keinen Gewinn, der kommen könnte.

Ihr klarer Appell lautet also: Handelsabkommen ohne Kultur?

Ja. Genau wie bisher. Wenn ich das jetzt überspitzt sagen darf, sehe ich das auch als einen Affront gegen uns Kulturschaffende. Kultur ist für uns allgegenwärtig. Und das ist, glaube ich, der große Unterschied zwischen uns und den Amerikanern. Ich trete hier in München aus der Tür und sehe Häuser vom Mittelalter bis heute. Das ist ja auch eine Form in der Kultur. Wir haben selbstverständlich in jedem Ort Orchester, Bibliotheken und so weiter. Kultur ist so selbstverständlich, dass keiner glaubt, sie schützen zu müssen. Und das ist ein Problem. Wir sind eigentlich viel zu erfolgreich.

 

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Drehbuchautor Jochen Greve führte Ulla Zierau am 11.6.2013 um 7.45 Uhr.