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Kulturgespräch 27.12.2012  Zwölf dämonisch-magische Nächte

Prof. Werner Mezger über die sagenumwobenen "Raunächte" zwischen Weihnachten und Dreikönigstag

Die Zeit zwischen Weihnachten und dem Fest der Heiligen Dreikönige ist eine heilige und zugleich unheimliche Zeit. Es sind die 12 Rauhnächte. Eine Zeit voller Geheimnisse, Bräuche und Geschichten.

Herr Metzger, was bedeutet eigentlich die Bezeichnung rau?

Es geht hier in der Tat rau zu, so glaubte man zumindest. Denn diese 12 Tage und Nächte sind eben eine Zeit des Übergangs. Und solche Übergänge, die regen die Fantasie der Menschen ganz besonders an. Und deswegen glaubte man auch, dass in dieser Zeit die Geister eine besondere Aktivität entwickeln, dass sie durch die Luft fahren. Es war im

19. Jahrhundert sogar die Rede davon, dass da ein wildes Heer unterwegs sei -  dumpfe germanische Vorstellungen, die eigentlich mehr der Fantasie unserer Vorfahren entspringen als irgendeinem realen Kern haben.

Wieweit geht denn dieser Volksglauben zurück? Wo liegen da die Wurzeln?

Es ist sehr schwer zu sagen ,wo die Anfänge liegen. Sicherlich gab es schon im Mittelalter irgendwelche angsterzeugenden Vorstellungen. Aber der Volksglaube ist auch sehr nachgeformt worden, im sogenannten Mythologismus des 19. Jahrhunderts. Da war auch ein gewisses Forscherinteresse der frühen Volkskunde dabei, die versucht hat ,den verschiedenen Vorstellungen der Menschen einen germanischen Hintergrund zu unterlegen. Das hat letztlich auch eine politische Bedeutung gehabt, denn man wollte am „Nation Building“ mitwirken, eine deutsche Nation wieder schaffen, die ja zusammengebrochen war. Das alte Heilige Römische Reich existierte nicht mehr und man hat sich dann überlegt ,was man an neuen Rahmenbedingungen für einen neuen deutschen Nationalstaat schaffen könnte. Da waren die Brüder Grimm auch ganz besonders aktiv, die die Märchen und die Sprachbestände gesammelt haben.

Und so hat man eben auch versucht ,die Mythologie entsprechend zu untersuchen und zu untermauern. Und da hat sich dieser Glaube dann einfach auch noch ein bisschen stabilisiert.

Wie viel heidnische Traditionen stecken in den Gewohnheiten, in den Betrachtungen der rauen Nächte?

Das ist eine große Frage. Und wenn Sie mich fragen, dann antworte ich: relativ wenig.

Man muss einfach sehen, dass unsere Kultur seit 2000 Jahren durch und durch christlich überformt ist. Und richtig ist, dass das Christentum all das, was nicht ins kirchliche Konzept gepasst hat, als heidnisch betrachtet hat. Damit war aber nur gemeint unchristlich, außerchristlich.

Und die Forscher des 19. Jahrhunderts haben dieses heidnisch im Sinne von unchristlich und außerchristlich als vorchristlich gedeutet. Und damit kamen sie letztlich auf die Germanen.

Das ist im Nachhinein rein projiziert worden, also der Ursprung liegt gar nicht im Germanentum oder im Vorchristlichen?

Das sind spätere Projektionen der Forschung.

Wie konnte man sich denn, seit alters her, vor diesen Geistern und Dämonen, vor dem drohenden Unheil dieser Zeit schützen? Was für Riten gab's denn da?

Riten im eigentlichen Sinne gab es eigentlich keine. Aber es gab ganz bestimmte Verbote für Tätigkeiten, von denen man fürchtete, dass sie ein schlechtes Licht aufs neue Jahr werfen würden.

So war zum Beispiel untersagt,  Ackerarbeit zu betreiben. Vor allem aber durfte man in dieser Zeit nicht waschen, denn aufgehängte Wäsche, so hat man geglaubt, erinnere an Totenhemden und dann würde im folgenden Jahr jemand sterben.

Letztlich also viele auch angsterzeugende Vorstellungen.

Und was hat es mit der Zahl 12 auf sich?

Die Zahl 12 ist natürlich eine magische Zahl, denn die 12 Tage und Nächte, man nennt die Tage ja die Lostage und die Nächte die Rauhnächte, die sind gewissermaßen ein kleines Abbild des Jahres. Das Jahr hat 12 Monate und dann hat man gesagt, jeder Tag steht sozusagen sinnbildlich für einen Monat.

Man hat deswegen auch sehr viele Orakelbräuche entwickelt. Die bekannteste Vorstellung ist, was die Nächte betrifft, die Idee, dass das, was man in diesen Nächten träumt , wahr würde. Und was die Tage angeht, so hat man sehr genau das Wetter beobachtet und hat gesagt, wenn zum Beispiel der dritte Lostag ein Regentag ist, dann wird auch der dritte Monat im Jahr, der März also, verregnet.

Warum haben diese 12 Rauhnächte heute immer noch so einen magischen Zauber, so eine Faszination? Woran liegt das wohl?

Das liegt wahrscheinlich tief in unserer Seele verborgen. Denn immer, wenn wir Übergänge erleben, in eine neue Lebensphase oder in eine neue Jahresphase eintreten,  verbinden sich ja Fragen damit: Was wird kommen? Was wird werden? Es sind gewisse Unsicherheiten. Und das wird natürlich von allerlei Riten begleitet.

Es ist letztlich eine Mischung aus Hoffnungen einerseits und Ängsten andererseits, die sich da niederschlägt.

Herr Metzger, gibt's denn besondere Bräuche aus den alten Zeiten, aus diesen Traditionen der Rauhnächte, die uns heute noch etwas sagen, die wir heute noch bewahren?

Natürlich. Es war in ländlichen Gegenden üblich, und ist zum Teil auch heute noch üblich, dass man an Heiligabend oder auch an Dreikönig durch den Bauernhof geht und räuchert. Das sollte Glück bringen.

Es gab sogar auch allerlei merkwürdige Erzählungen, die Bauern waren in früheren Jahrhunderten überzeugt, dass in der Heiligen Nacht das Vieh reden könne.

Und so waren all diese Tage von Geheimnissen umgeben. Und diese Geheimnisse wurden dann gegen Ende dieser 12 Tage und Nächte auch ganz konkret, und das schlägt sich bis heute noch in Bräuchen nieder. Denn in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar, der letzten Rauhnacht also, der fürchterlichsten, wie man geglaubt hat, da sind die Perchten unterwegs. Diese Perchten, Dämonenfiguren, die schon furchterregend aussehen, die sind zum Teil noch heute im Alpenraum zu sehen. Ganz bedeutend etwa in Bad Gastein, wo der große Perchtenlauf stattfindet, aber auch im Pongau und im Pinzgau in Österreich gibt es da erstaunliche Dinge.

Das ist fast so ein bisschen wie Fasnacht im südwestdeutschen Raum.

Das SWR2 Kulturgespräch mit Prof. Werner Mezger, Geschäftsführer des Instituts für Volkskunde an der Universität Freiburg, über die sagenumwobenen Raunächte zwischen Weihnachten und Dreikönig, führte Ulla Zierau am 27.12.2012 um 7.45 Uhr

Letzte Änderung am: 27.12.2012, 12.11 Uhr

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