Kulturgespräch 7.2.2013

Neuer Mut, neue Hoffnung, neuer Humor

Dieter Kosslick über das Programm der 63. Berlinale

Auf der 63. Berlinale konkurrieren bis zum 17. Februar 19 Filme um den Goldenen Bären. Seit Dieter Kosslick die Berlinale leitet, versteht sie sich als explizit politisches Filmfestival. Dass die Politisierung des Umfelds nichts zu wünschen übrig lässt, konnte man unlängst bei der Weckle-Affäre erleben. Wolfang Thierse hatte sich darüber beklagt, dass Schrippen am Prenzlauer Berg als Weckle angeboten werden, und deshalb ist mittlerweile selbst der Brötchenkauf in der Hauptstadt zum Politikum geworden.

Der rote Teppich wird vor dem Berlinale-Palast in Berlin verlegt

Vor dem Berlinale-Palast in Berlin wird der rote Teppich verlegt.

Herr Kosslick, Sie sind ein Fan von Backwaren. Was sagen Sie denn jetzt als Schwabe, wenn Sie in Berlin Brötchen kaufen wollen?

(lacht) Naja, wir haben jetzt einen Kompromiss gefunden, wir sind ja schließlich in Berlin. Jetzt gibt es das Schripple, und jetzt können die Schwaben und die Ossis alle wieder gemeinsam in die Bäckerei gehen.

Ich glaube, wir haben jetzt Oberwasser, und die ganze Berlinale ist ja ohnehin auch schwabendurchdrungen.

Also Schluss mit dem Schwabenmobbing.

Wenn Sie meinen.

Die Berlinale versteht sich als politisches Festival, und dennoch eröffnen Sie dieses Jahr mit einem Kung-Fu-Film von Wong Kar-Wai dem diesjährigen Jurypräsidenten. "The Grandmaster" heißt sein Werk.

Warum ist das, Ihrer Meinung nach, ein guter und ein passender Eröffnungsfilm?

Es ist erst mal ein typischer Wong Kar-Wai Film, und ich finde, das ist einer der größten Filmemacher, die wir auf der Welt haben, für zeitgenössisches Arthauskino, aber natürlich auch Kommerzkino.

Es ist eine Geschichte der großen Meister, nicht nur des Kung Fu, sondern überhaupt der Martial-Arts. Und es ist auch eine Frau dabei, die Tochter eines Martial-Arts-Meisters. Alles spielt auf der Folie – wie man heute immer so schön sagt –, auf dem Hintergrund der chinesischen Geschichte.

Also: das ist ein Eröffnungsfilm, wie man ihn sich wünscht.

Wenn man sich das Programm genauer anschaut, stellt man fest, dass Osteuropa ganz stark vertreten ist, auf der diesjährigen Berlinale. Welches sind die Themen, die die osteuropäischen Filmemacher beschäftigen?

Sie stehen jetzt an einem Punkt, 20 Jahre nach Zusammenbruch ihrer Systeme. Es bilden sich jetzt neue Systeme heraus. Man sieht zum Beispiel am russischen Film, wie jetzt die Kolchosarbeiter ihr Land privatisiert bekommen. Wir sehen in einem rumänischen Film, wie bei einem Autounfall der Schuldige gedeckt werden soll, und um ihn zu decken wird die gesamte Nomenklatur, die es vor 20, 30 Jahren gab, wieder aktiviert. Man sieht also noch einmal, wie das alte System gearbeitet hat.

Soll heißen: die Leute schwimmen sich frei.

Eine polnische Regisseurin hat einen Film gemacht über Homosexualität in der katholischen Kirche und im Kloster. Natürlich ein brisantes Ding in Polen, wie Sie sich vorstellen können.

Aber wie gesagt, diese jungen Leute schwimmen sich frei. Die haben nichts mehr zu tun mit dem alten System. Und sie betrachten das kritischer, muss ich mal sagen, als wir unglaubliche Vorgänge in der DDR betrachten – zum Beispiel Heimkinder. Diese Debatte ist ja bei uns überhaupt noch nie richtig aufgelöst worden.

Ich muss schon sagen, die sind ganz schön mutig, diese Leute.

Schließlich haben Sie auch noch den iranischen Regisseur Jafar Panahi mit einem Film eingeladen. Panahi hat ja im Iran Berufsverbot.

Was waren die Gründe für Ihre Wahl?

Erstmal ist es doch interessant, dass da jemand so lange Berufsverbot hatte, obwohl er schon lange bei der Berlinale war. Und wir haben uns immer für ihn engagiert. Dass er überhaupt die Möglichkeit bekommt, einen Film zu drehen – und zwar einen Spielfilm von 90 Minuten.

Das Zweite ist, dass dieser Spielfilm die Berlinale erreicht und es bis in den Wettbewerb geschafft hat. Das ist schon ein bemerkenswerter Vorgang.

Und wir finden natürlich nicht nur den Film gut, sondern wollen auch unsere Solidarität für die unterdrückten Künstler in der Welt ausdrücken, nicht nur im Iran und nicht nur Jafar Panahi – das ist, glaube ich, auch jedem klar.

Aber natürlich besteht daraus nicht die ganze Berlinale. Da gibt es auch was zu lachen, so ist es ja nicht.

Ja, da ist noch mehr. Wir haben jetzt erst mal das internationale Spektrum ein bisschen abgedeckt.

Inhaltlich ist das Thema "die Frau". Auch als Filmemacherin spielt sie offenbar eine herausgehobene Rolle bei dieser 63. Berlinale. "Mit Frauengeschichten lasse sich treffend von den Totalschäden in moralisch verrotteten Gesellschaften erzählen", haben Sie gesagt. Wie ist das gemeint?

Zunächst einmal geht es um etwas anderes als die sogenannten "Frauengeschichten". Zumindest haben wir andere Frauengeschichten. Wir erzählen von Frauen, die in abgeschlossenen Systemen leben, im Kloster oder in schwierigen Familienzusammenhängen. Wir erzählen aber auch von Frauen, die sich wehren und die rausgehen. Ein Film handelt von einer chilenischen Frau, die noch einmal die Liebe finden will, in eine Diskothek geht – und das geht irgendwie schief. Trotzdem findet sie dann zurück ins Leben und bekommt neue Hoffnung.

Und wir schließen übrigens auch mit einem "Frauenfilm" ab – mit Catherine Deneuve in der Hauptrolle. Eine wunderbare Geschichte von einer Frau, die auch mit über 50 noch einmal etwas Neues machen will. Sie geht Zigaretten holen – und den Rest sehen wir dann...

Es sind alles Filme mit Humor und Hoffnung.

Und, ja, auf dieser Berlinale sind drei Regisseurinnen im Wettbewerb, auch ein deutscher Wettbewerbsbeitrag ist dabei, von Pia Marais.

Die Berlinale legt immer viel Wert auf eine gute Mischung aus Hollywoodproduktion und unabhängigen Filmen.

Wo steht der unabhängige Film heute? Gibt es da noch immer genügend Mittel für eine Atmosphäre, in der sich unabhängige Kreativität entwickeln kann?

Es muss offensichtlich genügend Mittel geben, denn es gibt so viele Independentfilme wie noch nie zuvor – und zwar nicht nur in Amerika, von denen wir ja auch einige spielen, sondern auch in allen anderen Ländern.

Ich glaube, dass das einmal damit zusammenhängt, dass es in einigen Ländern tatsächlich auch Filmförderung und finanzielle Unterstützung für Filme gibt. Es hängt aber auch damit zusammen, dass diese jungen Leute ja ganz anders geübt sind, mit Digitaltechnologie umzugehen. Und das ist natürlich leichteres Gepäck. Das heißt nicht, dass die Filme irgendwie verwackelt sind, dass es nicht richtig aussieht auf der Leinwand, aber die frei zugängliche Technik macht die Leute offensichtlich auch freier und unabhängiger – und damit auch unabhängiger vom großen Geld.


Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Leiter der Berlinale, Dieter Kosslick, führte Doris Maull am 7.2.2013 um 7.45 Uhr.

Stand: 07.02.2013, 13.10 Uhr