Kulturgespräch 28.1.2013

Tarzan am Main

Autor Wilhelm Genazino über sein neues Buch

Als er am 22. Januar seinen 70. Geburtstag feierte, da erinnerten sie alle an den Büchner-Preis, mit dem er geehrt worden war, an den Kleist-Preis und an all die anderen Ehrungen, die er für seine Prosa erhalten hat. Die tragen Titel wie "Abschaffel" und "Die Liebesblödigkeit", man rühmte seine Essays, seinen verhalten resignativen Grundton. Und was machte Wilhelm Genazino? Er erinnerte sich auch. Diese Erinnerungen kommen heute in den Buchhandel, unter dem Titel "Tarzan am Main". Genazino erinnert sich da etwa an den zehnjährigen Wilhelm, der 1953 einen Krieg herankommen und der sich dann als Tarzan in einem tropischen Dschungel überleben sah – und der dann doch nur im urbanen Dschungel von Frankfurt hängen blieb. Diese Stadt skizziert er mal abgeklärt trauernd, mal analytisch, mal liebevoll.

Herr Genazino, was hält Sie eigentlich noch in dieser wahrhaft fürchterlich ambivalenten Stadt?

Die höhere Gleichgültigkeit, der es am Ende egal ist, ob ich jetzt in Köln älter werde oder in Hamburg oder in Frankfurt.

Sie hätten auch in Heidelberg alt werden können. Da haben Sie immerhin sechs Jahre gelebt und sind dann doch wieder nach Frankfurt zurückgekehrt.

Das stimmt, das wäre natürlich auch gegangen. Aber Heidelberg war mir unterm Strich dann doch zu klein und auch zu pfälzisch. Ich komme ja aus dem pfälzischen Raum und der Dialekt, der in dieser Gegend gesprochen wird, den kann ich nicht alle Tage ertragen. Dann habe ich doch das Hessische vorgezogen, was zwar auch nicht viel besser ist, aber es ist nicht so breit und behäbig.

Man muss zum Verständnis sagen, dass Sie gebürtiger Mannheimer sind. Mit Ihren Texten knüpfen Sie an die Großstadtbeschreibungen an, die ja weit zurück reichen. Da muss man nicht mal an so große Ebenen wie an Döblins "Berlin Alexanderplatz" denken. Es ist eher diese Flaneurspose eines Walter Benjamin, der die Stadt als Angestelltenwelt dechiffriert hat, da knüpfen Sie ja auch an.

Ja, ich fühle mich dieser Tradition nicht verpflichtet, aber schon nahe. Nicht nur Benjamin, sondern Kracauer vor allen Dingen oder natürlich auch dem Adorno, der Minima Moralia, Prosa im Übergang. Das ist mal eine wissenschaftliche Sottise, aber dann ist es auch wieder eine Prosabeschreibung, die auch in einem Roman ihren Platz hätte finden können.

Zur Form muss man vielleicht sagen, dass das im Grunde hintereinander gesetzte Skizzen oder Novellen sind, die sich zu einem Puzzle zusammenfügen. Reflektionen über das alte Deutschland, über das frühere Westdeutschland. Dafür steht, denke ich, stellvertretend dieses Frankfurt.

Ja, kann man so sehen. Stimmt. Ich habe immer das leichte Gefühl, dass Frankfurt ein bisschen beleidigt ist, weil es nicht die Rolle hat spielen dürfen, für die es eigentlich vorgesehen war. In den 50er Jahren sollte Frankfurt ja mal kurz die deutsche Hauptstadt werden. Das ist ein Fakt, dem man hier in der Stadt immer noch nachtrauert und für den man sich eigentlich richtig gewappnet gefühlt hat. Ich persönlich habe nichts dagegen, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist, denn ich glaube, in einer deutschen Hauptstadt würde ich es nicht aushalten können.

Das heißt, Berlin ist für Wilhelm Genazino kein mögliches Tableau?

Nicht mehr. Wenn ich jetzt noch mal 25 wäre oder 30, dann wäre das sicher eine Option. Aber jetzt natürlich nicht mehr, oder sagen wir, seit ungefähr 20 Jahren nicht mehr. Ich sehe nicht den urbanen Vorteil, den Berlin haben sollte gegenüber einer Stadt wie Frankfurt oder auch einer Stadt wie Köln. Köln finde ich erheblich lebendiger als Berlin. Das hängt natürlich auch an diesem Rheinischen, das dort gesprochen wird. Frankfurt würde ich dafür nicht qualifiziert sehen, weil es sich schon wieder an der Grenze zur Pfalz bewegt - dieses Behäbige und dieses Breite aber auch dieses Flotte zwischendurch. Man sieht das, wenn hier Markt war und die Marktstände abgebaut werden und diese hessischen Menschen, die Bauern so sehr schnell und zuweilen frivol miteinander reden, dann denke ich: Ja, es hätte vielleicht doch zur Hauptstadt gereicht.

Vielleicht. Sie beschreiben ja nicht nur diese Stadt und bewegen sich da schon fast auf dem Terrain eines Architekturkritikers, sondern auch die Menschen und die Nicht-Stadtmenschen, die Pendler, die Skurrilen, die Künstler, die Penner. Da entsteht, je länger man Ihnen zuhört, das Bild einer zutiefst mittelmäßigen und eher der Vergangenheit zugewandten Stadt.

Ja, das halte ich für eine zutreffende Beschreibung. Das ist so. Und die Mittelmäßigkeit kommt natürlich auch durch den weiten Einzugsbereich. Die Menschen, die kommen ja zum Teil bis aus Würzburg hierher zum Arbeiten und fahren oft am selben Tag wieder zurück. Verheiratet sind sie dann in Aschaffenburg oder auch in Heidelberg oder Heilbronn und so weiter, weil sie mit diesem merkwürdigen Frankfurter eigentlich nichts zu tun haben wollen. Die schätzen natürlich auch ihr Häuschen, die Verwandtschaft, die will sowieso nicht nach Frankfurt. Da wird halt Geld verdient.

Und der Intellektuelle Wilhelm Genazino mittendrin. Mit großem Unwohlsein?

Ja. Aber ich meine, das ist bei mir ein Unwohlsein, das ich auch in anderen Städten hätte. Das begleitet mich mein Leben lang. Das Passungsverhältnis zwischen mir und der Welt lässt eben zu wünschen übrig. Das ist wohl etwas, was ich mit mir selber abzurechnen habe, und das ich nicht irgendeiner Stadt oder irgendeiner Landschaft oder einer Gegend vorhalten kann.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Autor Wilhelm Genazino führte Reinhard Hübsch am 28.01.2012 um 7.45 Uhr.


Schriftsteller Wilhelm Genazino und sein neues Buch "Tarzan am Main"

Buch

Wilhelm Genazino

Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands

Verlag:
Hanser Verlag
Preis:
16,90 €

Stand: 28.01.2013, 11.09 Uhr