Kulturgespräch 22.2.2013

"Zivilcourage ist sehr wichtig"

Hildegard Hamm-Brücher über das Leben Münchner Studenten während der NS-Zeit

Am 22.2.1943 – vor 70 Jahren – wurden in München die drei Studenten Sophie und Hans Scholl und Christoph Probst hingerichtet. Zusammen mit ihren Kommilitonen Willi Graf und Alexander Schmorell und dem Universitätsprofessor Kurt Huber bildeten sie die Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose", die unter anderem an der Münchner Ludwig-Maximilians-Uni (LMU) Flugblätter gegen die Nazis verteilten. Zu dieser Zeit studierte auch Hildegard Hamm-Brücher Chemie an der LMU.


Frau Hamm-Brücher, Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Nun, ich habe es sehr schwer gehabt, weil meine Familie und ich, mit den Nürnberger Gesetzen und den Rassegesetzen belastet waren. Aber der Leiter des chemischen Instituts, Prof. Wieland, hat mich aufgenommen. Und dann war ich sehr glücklich und sehr fleißig, denn ich wollte natürlich fertig werden und nicht irgendwie in Schwierigkeiten kommen. Aber es ist insofern eine Kriegszeit gewesen, als das Jahr hatte eben drei Semester und es keine Semesterferien gab, und man unheimlich viel von Montag bis Samstagabend Laborarbeit machen musste. Also es war ein sehr viel strafferes und reglementierteres Studium als heute.

An der LMU gab es damals ja gegensätzliche Strömungen, einmal wurde dort der nationalsozialistische Studentenbund gegründet, es gab viele Professoren, die Nationalsozialisten waren. Aber auf der anderen Seite auch die Oppositionellen und Widerstandskämpfer wie die "Weiße Rose". Konnte man denn diese gegensätzlichen Spannungen wahrnehmen? Waren die spürbar?

Ja, es war spürbar. Aber man musste eben äußerst vorsichtig sein, mit irgendwelchen politischen Äußerungen, weil man natürlich gefährdet war und seinen Uni-Platz verloren hätte. Und dann nachher vielleicht auch Schlimmeres. Also, die Spannung hat man gespürt, aber sie sind nicht verbalisiert worden.

Haben Sie Hans und Sophie Scholl gekannt?

Ja, ich habe sie gekannt. Wir haben uns immer mal gesehen, zum Beispiel beim Bach-Chor oder bei Konzerten. Aber ich habe ja schon gesagt wie wir schuften mussten. Und ich konnte außerhalb meines Chemiestudiums, eine Vorlesung habe ich gehört, aber sonst konnte ich mich überhaupt nicht auch auf einem anderen Gebiet kundig machen.

Durch Bücher und Filme wurden die Kämpfer der "Weißen Rose" ja oft zu Helden stilisiert. Wie würden Sie die Mitglieder charakterisieren? Waren es Helden oder waren es ganz normale Menschen mit Zivilcourage?

Das waren ganz gescheite junge Menschen. Lustig konnten sie sein und wahnsinnig ernst, sehr gescheit, sehr gebildet. Aber wie ernst sie waren, das hat man ja dann gemerkt, als der Kern der Gruppe, vier Leute, nachts heimlich diese Flugblätter geschrieben haben. Das hat keiner gewusst, außer den vier, die gesagt haben: Jetzt müssen wir aktiv werden, wir können nicht einfach nur Flugblätter schreiben.

Hat man denn damals an der Universität über diese Flugblattaktionen gesprochen?

Nein, überhaupt nicht. Da gibt es ja den Fall vom Willi Graf, der hat mit seiner Schwester zusammen gewohnt und war auch Mitglied der "Weißen Rose". Und seine Schwester Anneliese, die hat - und das war ihr Glück - überhaupt nichts gewusst, die eigene Schwester. Man hat darüber überhaupt nicht gesprochen. Und man konnte ja nur mit ganz raffinierten Methoden die Flugblätter dann möglichst verstreut in Briefkästen stecken.

Also das war eine ganz primitive Art eigentlich, zu kämpfen, aber was anderes gab's eben nicht.

Am 22. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl hingerichtet. Haben Sie das damals mitbekommen?

Das wurde ganz geheim gehalten. Das habe ich nur über diesen Freund, über den ich in die Gruppe sozusagen hineingewachsen bin, erfahren.

Also, da wurde nicht drüber gesprochen, das wurde nicht bekannt.

Nein, wir haben uns schwer gehütet. Sehen Sie, das war ja so gefährlich. Und schon alleine deshalb haben alle Teile Interesse gehabt, dass es nicht an die große Glocke gekommen ist.

Frau Hamm-Brücher, was können Menschen, wie die Mitglieder der "Weißen Rose" uns für unsere heutige Zeit noch mitgeben? Was sagen Sie uns, 70 Jahre nach diesen Ereignissen?

Ich denke, man muss sich erinnern, dass es wirklich Menschen gegeben hat, die den Nationalsozialismus gehasst haben und ganz dagegen waren!

Und ich würde sagen, wir leben ja heute nicht in einer Zeit, in der man bestraft wird, wenn man gegen irgendwas ist. Ich meine, dass die jungen Menschen von heute bei einzelnen Problemen und Katastrophen und Missständen sich engagieren sollen und die Zivilcourage auch aufbringen sollten, mal öffentlich gegen etwas zu sein, auch wenn sie dann eine kleine Minderheit sind.

Also die Weiße Rose hat eine Vorbildfunktion und dann dieser schöne Ausspruch: "Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, entscheidet euch ehe es zu spät ist". Es ist wichtig, dass man nicht wegsieht! Das war eine der schlimmsten Sachen, in der Nazizeit, dass man einfach die Schultern gezuckt hat und gesagt hat "Man kann doch nichts machen". Also, Mitdenken und nicht sagen: "Ja, ich kann ja doch nichts machen", also Zivilcourage ist sehr wichtig.

Das SWR2 Kulturgespräch mit Hildegard Hamm-Brücher führte Ulla Zierau am 22.2.2013 um 7.45 Uhr.

Am 22.2.1943 , vor 70 Jahren, wurden in München-Stadelheim Sophie und Hans Scholl und Christoph Probst von der Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose" von den Nazis hingerichtet.

Stand: 22.02.2013, 10.26 Uhr