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Kulturgespräch 21.2.2013  Was ist los in Bella Italia?

Der Schriftsteller Peter Schneider über ein mögliches Comeback von Silvio Berlusconi

"Heute kann nur noch einer Italien retten: Silvio!", so posaunen die überzeugten Berlusconi-Anhänger es in die Welt, andere befürchten hingegen die Rückkehr eines Schreckgespenstes. Berlin legt besorgt die Stirn in Falten, Europa schüttelt den Kopf. In den letzten veröffentlichten Umfragen vor den italienischen Parlamentswahlen am 24. und 25.2.2013 hat das Mitte-Rechtsbündnis von Silvio Berlusconi aufgeholt. Was ist los in Bella Italia?

Herr Schneider, in einem Gespräch im "Spiegel" vergangenen Jahres haben Sie eine Wiederkehr Berlusconis auf die politische Bühne für unwahrscheinlich gehalten. Was sagen Sie denn jetzt?

Ja, leider geht da manchmal die Hoffnung mit einem durch. Das fällt ja allen, die – so wie ich – lange in dem Land sind und es mögen, entsetzlich schwer, das überhaupt zu verstehen. Wie kann das sein? Dieser Mensch, der nur eigentlich Schimpf und Schande auf das Land lädt, und die Italiener sind eigentlich bekannt dafür, dass sie gerne Bella Figura machen, also wie können sie das eigentlich ertragen? Das ist schon eine ganz merkwürdige Sache.Offenbar hat Berlusconi die Fähigkeit an tiefe Gefühle der Italiener zu rühren. Und diese tiefen Gefühle sind keineswegs gute Gefühle. Das sind Ressentiments, das sind Rachegefühle, sie fühlen sich ja durch die Deutschen ausgenutzt und unterdrückt und so was alles. Also, es sind keine angenehmen Gefühle, die er da aufstachelt.

Berlusconi findet also die richtigen Themen, er hat auch Ausstrahlung. Und er hat auch eine Macht über die Italiener.

Ja, nicht zuletzt durch seine Medienmacht, es sind immer noch fast die Hälfte der TV-Medien unter seiner Kontrolle. Das ist ein einmaliger Fall in Europa. Ich habe mich immer gewundert, dass Straßburg, dass die EU da nicht einschreitet und sagt: "Liebe Leute, das hat mir einer europäischen Demokratie nichts zu tun, was sich da bei euch tut."

Und in Italien regt sich auch kein Widerstand dagegen.

Die haben sich dran gewöhnt. Es ist sagenhaft. Ich verstehe ja noch was anderes nicht. Frau Schavan, die also beschuldigt wird, ihre Doktorarbeit mit nicht ganz honorigen Mitteln zusammengestellt zu haben, dagegen klagt sie jetzt. Sie musste aber zurücktreten, sie ist zurückgetreten. Warum haben die in Italien nicht eine Regel, dass jemand, der in Prozesse verwickelt ist – und bei Berlusconi, da geht's ja um ganz andere Dinge, da geht's um Sex mit Minderjährigen, es geht um Betrug. Er hat es in seiner Amtszeit geschafft, so ziemlich alle Delikte abzuschaffen, die auf ihn zutreffen, wie Bilanzfälschung und Korruption. Es ist unglaublich, was die Italiener mit sich machen lassen. Ich verstehe es einfach nicht.

Was sind denn Ihre schlimmsten Befürchtungen, für ein Italien mit Berlusconi als Staatschef?

Er kann Europa zertrümmern. Denn wenn er es wirklich schaffen sollte, was ich immer noch nicht glaube, aber auch wenn er zweite Kraft wird, dann kann er enorm viel Schaden anrichten. Dann werden die Märkte natürlich wieder ans Spekulieren gehen. Und das wurde uns ja immer gesagt, dass Europa das einfach nicht schaffen kann, Italien noch aus dem Schlamassel zu holen. Das Land einfach zu groß, die drittgrößte Volkswirtschaft Europas. Das überfordert die EU. Und das kann also auf Kosten aller gehen.

Umberto Eco und seine intellektuelle Opposition "Libertàe Giustizia" warnen in einem öffentlichen Appell vor der Bedrohung durch Populismus und Isolation Italiens. Sie rufen jugendliche Skeptiker und Idealisten auf, vom Wahlrecht Gebrauch zu machen und den Populisten jeder Couleureine Abfuhr zu erteilen.

Wie reagieren denn die Italiener auf so einen Appell? Wird das dort wahrgenommen oder steht das nur bei uns im Feuilleton?

Ich glaube eher das Letztere. Denn es fängt ja damit an, dass die Italiener kaum noch Zeitung lesen. Das spielt sich alles in den Fernsehmedien oder jetzt im Internet ab.

Ich kenne ja viele Leute da, auch unter meinen Nachbarn, wo ich das Haus da habe südlich von Rom. Das sind weiß Gott nicht alles Intellektuelle, ich habe noch nie einen getroffen, der mir gesagt hat, warum er Berlusconi toll findet oder ihn wählt.

Ich habe einmal einen Architekten kennen gelernt, der hat das offen zugegeben, dann habe ich gesagt: "Was hast du denn davon gehabt jetzt?" "Ja" sagt er "sehr viel. Seit ich ihn gewählt habe und seit ich in seiner Partei bin, früher habe ich viele Jahre gewartet, wenn ich ein Projekt eingereicht hatte, bevor ich überhaupt eine Antwort hatte. Und jetzt ist in drei Wochen die Antwort da." Also für ihn hat es sich ausgezahlt. Und ich sage "Was ist mit den Architekten, die nicht in der Partei von Berlusconi sind?" Ja, da hat er keine Ahnung, sagt er.

Jeder ist sich selbst am nächsten.

Ja.

Die Bundesregierung hat zwar betont, sie wolle sich nicht in den italienischen Wahlkampf einmischen. Aber sie macht doch deutlich, dass ein erneutes Comeback von Berlusconi den pro europäischen Kurs gefährden würde.

Leisten die deutschen Politiker damit einen Bärendienst?

Ich muss sagen, wenn eine Gefahr so virulent ist wie diese, wenn so viel auf dem Spiel steht wie bei dieser Wahl, finde ich es falsche Scham, wenn man sich nicht einmischt.

Es ist doch wichtig, dass man das deutlich macht, dass niemand in Europa diesen Mann haben will. Das ist ja vielen Italienern wirklich nicht klar. Sie können es auch gar nicht so richtig verstehen.

Aber das nehmen die Italiener vom Ausland doch nicht an, wenn die Deutschen sagen: "Wählt den nicht. Das ist eine Gefahr für Europa." Glauben Sie, dass das Auswirkungen hat auf die Wahlentscheidung der Italiener?

Das könnte durchaus zu einer Trotzreaktion führen. Das halte ich durchaus für möglich: Also hier ist jemand, der uns sozusagen von außen bestimmen will, nämlich wieder mal die bösen Deutschen. Da ist inzwischen ein richtiger antideutscher Affekt in Italien zu beobachten. Den führt ja auch Berlusconi. Er hat ja unglaubliche Bemerkungen gemacht, die will ich hier ja gar nicht wiedergeben, über Frau Merkel.

Das ist schon allerhand, wie dies Zotige, also die Vulgarität des niedersten Niveaus, wie das offenbar einem Volk, das ich mal zum talentiertesten Volk Europas erklärt habe, wie das diesem Volk gefällt.

Verkaufen Sie Ihr Ferienhaus in Italien, wenn Berlusconi erneut auf den Ministerpräsidentenposten zurückkehrt?

Nein, das werde ich nicht tun. Weil, ich meine, das muss man schon sagen, bis sich eine Lebenskultur, eine Art zu leben und zu sein, bis sich das ändert, da braucht es schon ein bisschen länger als 20 Jahre. Berlusconi hat viel ruiniert in Italien, das ist gar keine Frage. Aber eigentlich, die Leute, die ich kenne, da sind eigentlich immer noch diejenigen, die ich auch vor 20 Jahren kannte.

Sie geben die Hoffnung nicht auf, dass Italien da wieder aufsteigt wie Phönix aus der Asche.

Ja, das hoffe ich sehr.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Schriftsteller und Italienkenner Peter Schneider führte Ulla Zierau am 21.2.2013 um 7.45 Uhr.

Am 24. Und 25.2.2013 finden in Italien Wahlen statt.

Letzte Änderung am: 21.02.2013, 11.13 Uhr

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