Kulturgespräch 15.01.2013

Singen gegen das Vergessen

Bernhard König über sein Projekt „Alte Stimmen“

70 plus muss man sein, um an Bernhard Königs soziokulturellen Projekten "Alte Stimmen" teilzunehmen. Der Komponist musiziert, singt und tanzt mit Menschen, die in Altersheimen und Hospizen leben und verhilft ihnen durch Musik zu neuen Impulsen und glücklichen Momenten.

In Zusammenarbeit mit der Filmemacherin Irene Langemann und unter anderem auch dem SWR ist daraus ein Dokumentarfilm geworden, mit dem Titel "Lied des Lebens". Am Donnerstag kommt er in die Kinos.

Die erblindete Sigrid Thost singt auf dem Abschlusskonzert in der Philharmonie Essen

Die erblindete Sigrid Thost singt auf dem Abschlusskonzert in der Philharmonie Essen

Herr König, es ist ungewöhnlich, dass sich ein Komponist und Chorleiter auf die Suche nach älteren oder alten Stimmen macht. Was macht für Sie den Reiz, die Schönheit einer alten Stimme aus?

Ich habe mich als Komponist, ganz allgemein, schon länger für gesprochene Sprache interessiert, für Alltagssprache. Und wenn man ein Ohr dafür entwickelt, ist eigentlich der Weg nicht mehr weit, sich von alten Stimmen auch faszinieren zu lassen, weil darin ein langes Leben und viele Erfahrungen, sozusagen, zu einem Klang geworden, geronnen, diese Stimmen dann einfach unverwechselbar und einzigartig sind. 

Sie machen das nicht nur aus Freude an der Musik oder aus Interesse an Lebenswegen, sondern es ist ein Forschungsprojekt der "Addy von Holtzbrinck"-Stiftung in Stuttgart. Was war das Ziel dieses Auftrages?

Ich hatte das große Glück und Privileg, dass dieses Ziel sehr offen und frei formuliert ist. Es ist ein künstlerisches Forschungsprojekt. Die Frage, ganz allgemein, lautet: Kann eine stilistisch offene, experimentelle Musikästhetik für diese Generation, in dieser Zielgruppe, etwas Sinnvolles beitragen? Und zwar mit Hilfe einer Musik, jenseits von Schlager, Volksmusik und Klassik. Was ist da möglich? Mit der Möglichkeit zu solcher Offenheit hat mich die Stiftung beauftragt, drei Jahre lang etwas auszuprobieren. 


Sie haben einen Chor für experimentierfreudige Sängerinnen und Sänger ab 70 gegründet. Was heißt in diesem Zusammenhang experimentierfreudig? Ist das Neue Musik, was Sie da machen? 

Ja, es ist inspiriert von Neuer Musik. Wir haben zum Beispiel ein Stück, in dem unser Chor improvisieren soll über tagesaktuelle Nachrichten, die von einer professionellen Rundfunksprecherin gelesen werden, und zwar jeweils über die Nachrichten vom Tag der Aufführung. Es ist also zum Teil recht kühn, was wir da machen. Aber es gibt zum Beispiel auch Bearbeitungen von Jazzstandards, es gibt Sprechstücke. Alles, was wir im Chor singen, entsteht auch für den Chor. Das heißt, wir singen keine bereits vorhandene Literatur.  

Sie proben und singen nicht nur mit den älteren Menschen, sondern nehmen sich auch viel Zeit für Begegnungen, für Gespräche. Sie haben biografische Interviews mit den Sängerinnen und Sängern geführt. Warum war Ihnen das so wichtig?

Das Altenheim ist einer der beiden Projektschwerpunkte, die auch im Film gezeigt werden. Dieser Ort war mir wichtig, um überhaupt die Leute kennenzulernen und auch meinen Respekt zu erweisen gegenüber dem, was sie erlebt haben – und dies auch in die Arbeit einfließen zu lassen.

Innerhalb des Chores konnten wir uns mit den Lebensgeschichten der Teilnehmer nur in einem begrenzten Rahmen sprechen. Dort haben wir uns vor allem, ein halbes Jahr lang, mit Lebensliedern beschäftigt, also mit Liedern, die für eine bestimmte biografische Episode, für eine bestimmte Erinnerung stehen. Wir haben nicht von Anfang an alle Choristen und Choristinnen interviewt, nach ihrem Leben befragt, sondern nur bezogen auf das Projekt.  

Was haben Sie in diesen vielen Gesprächen erfahren? Was waren besonders berührende Momente in diesen Begegnungen?

Eine Protagonistin, die man im Film sieht, Frau Reisinger, hat zum Beispiel während unserer Arbeit eher zufällig einen alten Schlager gehört, nämlich "Kann denn Liebe Sünde sein?". Daraufhin hat sie aus vollem Herzen gesagt: "Nein, Liebe kann keine Sünde sein". Daraufhin habe ich zu ihr gesagt, das klänge ja so, als hätte sie da eine eigene Erfahrung gemacht. Und dann begann sie zu erzählen, dass sie als junges Mädchen, mit 14 oder 15, schwanger wurde und in ihrem Heimatdorf geächtet war, von der Mutter geschlagen wurde.

Das war für uns alle ein sehr beeindruckender Moment, wie sie sich, ausgelöst durch dieses Lied, getraut hat, diese Geschichte so öffentlich zu erzählen. 

Hat denn das Singen und Musizieren während dieser gemeinsamen Zeit die alten Menschen verändert? Waren sie vielleicht am Anfang scheu sich zu äußern durch Singen, durch Tanzen? War es eine Art von Befreiung, die die Menschen erfahren haben, durch die Musik?

Ja, Mut war da unglaublich viel im Spiel. Die schon zitierte Frau Reisinger hat beispielsweise schon in der Kindheit aufgehört zu singen, weil ihr die Lehrer in der Schule gesagt hatten: "Du kannst es nicht. Halt lieber den Mund."

Jetzt hat sie bei uns, mit ihren über 80 Jahren, zum ersten Mal wieder mit dem Singen angefangen – und das dann gleich öffentlich und vor laufender Kamera. Das waren schon ganz erhebliche Mutproben, da ist mancher doch große Schritte gegangen.

Welche Erkenntnis haben Sie persönlich aus dieser Arbeit für sich gewonnen? 

Wenn ich von der Ausgangsfrage dieses Forschungsprojektes ausgehe, kann ich jetzt, nach drei Jahren, ganz eindeutig bejahen, dass man mit experimenteller Musik, auch bei dieser Zielgruppe, in dieser Generation, ganz viele fruchtbare Prozesse anstoßen kann. Ich habe, was man im Film nicht im einzelnen verfolgen kann, viele kleine Modelle entwickelt, wie man mit alten Volksliedern, wenn man sie ein bisschen anders ausdeutet oder mit einer veränderten Stimme singt, ganz neue musikalische Erfahrungen machen kann.

Eine zweite Erfahrung, die wir alle in diesem Projekt gemacht haben, ist die Bereicherung. Es ist unglaublich bereichernd, mit dieser Generation zu tun zu haben. Dahinter verbirgt sich auch ein wenig, denke ich, der Appell an die Gesellschaft: "Schaut mal her, was wir da für einen Schatz haben, den wir da in unseren Altenheimen zum Teil vor uns selber verstecken".

So eine Arbeitsweise versetzt aber auch die alten Menschen in die Lage, andere zu bereichern. Und das ist etwas, was, glaube ich, die Menschen im Altenheim selten erleben, dass sie Dritte bereichern, mit dem was sie machen und mit ihrer Ausdruckskraft.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Komponisten Bernhard König über seinen Dokumentarfilm "Lied des Lebens" führte Ulla Zierau am 15.01.2013 um 7.45 Uhr.

Stand: 15.01.2013, 10.50 Uhr