Kulturgespräch 21.1.2013

Ahnungslose Journalisten in der Ökokrise

Autor Dirk Fleck über Verantwortungslosigkeiten seiner Zunft

Wenn Grüne Woche ist in Berlin füllen ökologische Themen die Zeitungsseiten und die Sendeminuten. Allen fällt dann wieder ein, dass das ökologische System der Welt ja vor dem Kollaps steht. Wie nah am Kollaps, ist meist Ansichtssache der Journalisten und des Mediums, für das er berichtet. Wo aber bleiben echte Expertise und Verantwortung der Journalisten? Der Ökologieexperte und Autor Dirk Fleck hat dazu deutsche Spitzenjournalisten befragt und die teils erstaunlich ehrlichen Antworten in seinem aktuellen Buch "Die vierte Macht" zusammengetragen.

Dirk Fleck

Dirk Fleck

Guten Morgen, Herr Fleck.

Guten Morgen, Frau Striegl.

Sie haben 25 Interviews geführt, unter anderem mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, mit ARD-Talkmasterin Anne Will, Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und auch mit Jakob Augstein vom "Freitag". Und Sie wollen mit dem Buch eine Debatte über den Umgang mit dem drohenden Ökozid anregen. Seit einigen Monaten ist das Buch auf dem Markt. Wirkt es denn schon?

Nein, es wirkt nicht. Obwohl, wenn Sie sehen, wen ich alles im Gespräch hatte, die besten Voraussetzungen gegeben waren, zumindest in diesen Medien, das sind ja große Medien in der Regel gewesen, eine Besprechung zu platzieren . Es ist genau das Gegenteil geschehen.
Die Medien, und insbesondere die, in denen die Leute arbeiten, haben dieses Buch totgeschwiegen. Also das Thema Verantwortung um Medien scheint bei den Medien nicht so gut anzukommen.

Buchcover: Die Vierte Macht - Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten

Buch

Dirk C. Fleck

Die Vierte Macht - Spitzenjournalisten zu ihrer Verantwortung in Krisenzeiten

Verlag:
Hoffmann und Campe Verlag
Länge:
320 Seiten
Preis:
22,99 EUR

Hat Sie das sehr überrascht?

Ja, das hat mich sehr überrascht. Weil, ich ging davon aus, wenn ich diese Riga Meinungsführer schon versammelt habe, dann ist doch nicht nur in den Medien dieser Leute, sondern auch beim Publikum ein starkes Interesse vorhanden.

Sie haben ja nun mit einigen Stars der Branche gesprochen. Aber wer hat denn von denen überhaupt Zeit , sich um die Umwelt so viel Sorgen zu machen ,wie Sie es ja schon seit Jahrzehnten tun?

Nun, ich denke, das ist die Pflicht eines jeden verantwortungsvollen Journalisten, die Sachlage zur Kenntnis zu nehmen. Sehen Sie, die Lebensbedingungen auf der Erde sind dabei, sich höchstdramatisch zu verändern, weltweit. An erster Stelle ist natürlich die vom Menschen verursachte Ökokatastrophe zu nennen, die natürlich schneller voranschreitet, als noch vor wenigen Jahren prognostiziert.

Sie selber sagen, dass eine Motivation ,das Buch zu schreiben war, dass Sie einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung anregen wollen und den sollen nun die Journalisten befördern. Warum gerade Journalisten? Ist das nicht der Job von Politikern, von Unternehmern, von Wissenschaftlern?

Ja, Wissenschaftler brauchen immer einen Dolmetscher, die Politik ist wirklich völlig außerstande , sich selbst zu erklären. Die Aufgabe bleibt jetzt beim Journalismus hängen. Aber damit sind wir brutal überfordert. Und Cordt Schnippen, vom Spiegel sagt ganz deutlich: "Wir teilen dasselbe Schicksal wie die Politiker, wir lernen alle vier Wochen enorm dazu."

Ein anderer, von Ihnen Befragter, der NDR-Talkmaster und Fernsehproduzent Hubertus Meyer-Burckhardt, hat gesagt: "Wir retten keine Menschen, wir sind keine Feuerleute, wir operieren nicht. Also wir berichten nur. Wir tragen nicht die Verantwortung für das ,was geschieht oder dafür ,einen Bewusstseinswandel anzuregen."

Ein sehr sympathischer Mensch, aber das halte ich für fatal. Ich meine, er ist ein Entertainer, das darf man nicht vergessen. Aber wer sollte denn sonst die Aufklärung in die Gesellschaft tragen, wenn nicht die Presse, also die Medien?

Genau das ist doch auch der Punkt, wenn es um Expertise geht, und selbst die Experten nicht mehr durchblicken bei den ganzen Zusammenhängen. Wie sollen es dann die Journalisten schaffen?

Ja, das ist das Dilemma, von Ihnen sehr gut auf den Punkt gebracht. Sehen Sie, ich mache meinen Kollegen auch keinen pauschalen Vorwurf. Ich stelle nur fest, wie hilflos wir alle miteinander geworden sind, angesichts dieser galoppierenden Katastrophe, kann man sagen.

Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung ,hat einen Satz gesagt – das hat mir Frank Schirrmacher erzählt, der den Nagel auf den Kopf trifft – er sagt: "Im Grunde weisen alle aktuellen Erkenntnisse über den Klimawandel darauf hin, dass die Situation noch schwieriger ist als vor wenigen Jahren angenommen" Und jetzt kommt's : "Ich fürchte, dass wir eines baldigen Tages von der Phase der Verharmlosung des Klimaproblems direkt in die Phase des Entsetzens übergehen." Und an dieser Schnittstelle sind die Medien mehr denn je gefragt und sie sind nicht drauf vorbereitet.

Nun haben Sie ja FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher angesprochen, die FAZ ist ein Leitmedium. Die hätte doch die Möglichkeit entsprechend stark dieses Thema aufzugreifen. Warum nicht?

Weil die FAZ-Klientel, die Leser und Abonnenten ganz anders ticken und denken.
Also Schirrmacher hat ja mal den Versuch unternommen, mit seinem berühmt gewordenen Artikel: "Ich beginne zu begreifen, dass die Linke doch Recht hat" , ein wenig Klarstellung über's kapitalistische System zu schaffen und ist dermaßen auf den Bauch gefallen, bei der eigenen Leserschaft, dass er die Finger davon lässt.

Also, kann man sagen, Ihre Recherchen haben ergeben, dass viele der Spitzenjournalisten persönlich betroffen sind und sich auch beschäftigen mit dem Klimawandel und den möglichen Folgen, aber Schwierigkeiten haben ,dieses Thema entsprechend in ihrem Medium aufzugreifen?

Das ist sicherlich richtig. Wobei ich Sie an einer Stelle korrigieren muss, dieses Bewusstsein, das Sie eben angesprochen haben, bei meinen Interviewpartnern, ist also nur bei einem Drittel aller Gesprächspartner wirklich vorhanden gewesen, ja. Ein weiteres Drittel hat überhaupt keine Ahnung gehabt. Ich nenne jetzt keine Namen, aber es war dermaßen erschreckend. Ich kann's nicht glauben. Die sitzen an der Quelle der Information. Aber noch mal zur Aufgabe des Journalismus, Harald Schumann vom Tagesspiegel, einer der engagiertesten Journalisten, die ich kenne, hat es knallhart erklärt: "Medien können niemals als Speerspitze eines gesellschaftlichen Umbruchs fungieren."
Es sind ja die Journalisten, die Medienarbeiter, die das tun müssten, und die sind tief eingebettet in unsere Gesellschaft. Woher sollte denn plötzlich ein avantgardistisches Bewusstsein der Medienarbeiter kommen?

Dann muss der Bewusstseinswandel woanders herkommen.

Ja, das ist richtig.

Dann müsste er aus der Gesellschaft kommen, oder woher? Was meinen Sie?

Ja, aus der Gesellschaft. Absolut.


Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Autor Dirk Fleck führte Sonja Striegl am 21.1.2013 um 7.45 Uhr

Stand: 21.01.2013, 11.25 Uhr