Kulturgespräch 16.11.2012

Black Box Stammheim

Andreas Magdanz, Fotograf, dokumentiert das Stuttgarter Gefängnis vor dem Abriss

Rund 600 Betrüger, Diebe und Mörder sitzen derzeit in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim. Terroristen sind nicht darunter, und doch schwingt die Erinnerung an die Terroristen der RAF mit, wenn man die Räume des Gefängnisses sieht. Der Fotograf Andreas Magdanz hat sich fünf Monate in Stammheim eine Wohnung für Justizbeamte gemietet und tausende Fotos gemacht, denn das Gefängnis Stammheim soll abgerissen werden. Einige der Fotos sind ab morgen, 17.11.2012, in einer Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen.

Kunstmuseum zeigt Fotoschau über Stammheim

Fotoschau über Stammheim

Herr Magdanz, die Ereignisse des Deutschen Herbst sind 35 Jahre her. Wie viel ist von der RAF in Stammheim noch spürbar?

Das ist jetzt in Worten natürlich schwer auszudrücken. Aber es ist in jedem Fall so, dass die Architektur von Stammheim die Spuren der Zeit bewahrt hat, also bis auf die Torwache ist nichts verändert worden. Wir haben also ein Gebäude, an dem die Gnadenlosigkeit und die Brutalität jener Zeit abzulesen ist. Es ist quasi ein Psychogram der Befindlichkeiten der 70er-Jahre, was man dort über die Architektur erzählen kann.

Reagieren Sie so auf das Gebäude oder haben Sie beispielsweise auch mit Gefangenen gesprochen und das auch von denen zurückgespiegelt bekommen?

Also, das ist so, dass die meisten Gefangenen Migranten sind oder einen  Migrationshintergrund haben, so dass relativ wenige Leute wissen, in welchem Gefängnis sie sich befinden. Ich habe auch den Kontakt zu Gefangenen nicht gesucht, weil ich das nicht erzählen wollte. Mir ging es wirklich um die 70er-Jahre und um das, aus was Stammheim besteht, und das ist eben der Deutsche Herbst, der seine Spitze eben in Stammheim hatte.

Sie haben auch Zeit in Zelle 719 verbringen dürfen, der Zelle, in der sich 1976 Ulrike Meinhof erhängt und 1977 Andreas Bader erschossen hat. Wie haben Sie diesen Ort fotografiert?

Dazu muss ich erwähnen, dass ich nicht sofort in diese Etage gelaufen bin, um dort wie vielleicht ein Bild-Journalist Bilder zu machen. Ich habe ganz bewusst im Untergeschoss von Bau 1 angefangen, also der Bau, der jetzt abgerissen werden soll in Kürze, um ein Gespür für das Gebäude zu bekommen. Irgendwann stand ich dann nach Wochen der Arbeit in der 7. Etage. Und das war einfach ein spannender Augenblick. Ich hatte den Blick in die 719 auf drei Stühle und einen Tisch. Das wirkte im ersten Augenblick theatralisch, aber es ist ein ganz wichtiges Bild - das hängt auch hier - und war in dem Augenblick auch genauso authentisch.

Sind denn Räume und Gebäude wie Menschen? Man sieht ihnen ihre Abgründe und Erlebnisse nicht an?

Das ist natürlich immer die schwierige Frage. Wenn man jetzt jemanden, der ohne dieses gesamte Wissen da rein geht, fotografieren und arbeiten lässt oder seine Meinung hört: Also diese Etage, aber auch die Innenhöfe, die Mehrzweckhallen – das sind immer noch sehr starke Plätze, auratisch aufgeladene Plätze, und sie zeugen in jedem Fall von Gnadenlosigkeit und Brutalität. Da ist über 30 Jahre nach dieser Geschichte einfach noch viel ablesbar, aus meiner Sicht. Und das habe ich versucht, in Bildstrecken zu transportieren, in Einzelbildern und in dem Bildzyklus in diesem Buch, das dazu erscheint.

Es soll auch eine virtuelle Reproduktion von Zelle 719 geben.

Ja, das wird im nächsten Jahr gezeigt. Es ist natürlich so, dass Bilder und Bildstrecken, egal ob sie jetzt gelungen sind oder nicht gelungen sind, uns ein stückweit mitnehmen können. Aber sie lassen den Betrachter immer in einer sicheren Position, nämlich davor. Und das war mir in dem Fall nicht genug. Also habe ich diese virtuelle Welt entwickelt, das ist eine Maschine, ein Raum, den man physisch betritt, also nicht nur mit den Augen. Hinter dem Besucher werden die Türen geschlossen, es ist also hermetisch abgeriegelt. Und dann wird diese virtuelle Welt projiziert, also die virtuelle Nachbildung der Zelle 719. Und das ist physisch und intellektuell eine ganz intensive Ebene, jenseits von der Rezeption eines Bildes.

Was soll das auslösen beim Betrachter?

Es soll tatsächlich den Betrachter auch in eine Art physische Gefährdung bringen. Er soll es wirklich spüren, am eigenen Körper und Geist und in Analogie auch zu den Texten von Ulrike Meinhof aus der Haft in Köln-Ossendorf. Das ist einfach eine sehr starke Erfahrung mit natürlich ganz anderer Technik. Aber es transportiert genau das, wofür die Zelle 719 für mich steht.


Interessiert Sie denn die Brutalität des Staates mehr als die Brutalität der RAF?

Überhaupt nicht. Also ich gehe auch nicht in solche Projekte rein mit einem festen Ergebnis. Die Arbeit ist auch nicht politisch intendiert in irgendeiner Weise.

Das ist etwas, was mir Gott sei Dank immer gelingt: Ich gehe in die Projekte zwar mit großer Vorbereitung. Ich habe zwei Jahre lang Akten gesichtet, bis dahin auch noch nicht freigegebenes Archivmaterial gesehen, mit Zeitzeugen gesprochen. Und trotzdem, wenn ich die Torwache hinter mir lasse, habe ich meinen Fokus nur auf das, was gerade vor mir abläuft und dann entwickeln sich neue Dinge.

Ihre Kunst ist nicht im Vorbeigehen mal eben so zu konsumieren. Man muss geschichtliches Wissen haben, sich auch vorher vielleicht ein bisschen einarbeiten. Haben Sie einen didaktischen Anspruch?

Ja, sicherlich. Was für mich immer ganz wichtig ist, ist, dass man sich zum einen komplett einlässt auf diese ganzen Geschichten und da wirklich vor Ort lange verweilt, und zum anderen auch aus diesen Strukturen, die einem begegnen, eine Kommunikation entstehen lässt, offen ist. Und dann aber auch dem Betrachter die Möglichkeiten gibt, einzutauchen.

Sie haben ja nun tausende Fotos geschossen. Und etwa 30 sind in der Ausstellung zu sehen. Wie haben Sie die ausgewählt?

Das ist natürlich relativ schwierig. Es sind zum einen die starken Plätze, es sind die Innenhöfe, damit beginnt auch die Ausstellung. Dann kommen Außenansichten, und dann geht's auch in die Zellen. Dann geht's ganz nach oben, ich bin ja auch einige Zeit mit dem Hubschrauber unterwegs gewesen, für den Blick von oben auf die JVA.

Es ist natürlich in dem Sinne wirklich eine kleine Auslese. Aber das Buch - die Hauptarbeit im Grunde genommen - wird jetzt in wenigen Wochen nachgereicht. Im Buch nehme ich über die ganze Bildstrecke, über 100 Bilder hinweg, den Betrachter an die Hand und führe ihn durch die JVA, aber eben auch durch die etwas unspektakuläreren Plätze wie Küche, Werkstätten, Wäscherei und so weiter.

Bedauern Sie, dass Stammheim abgerissen wird?

Nein. Es gab andere Projekte wie den Regierungsbunker, bei dem ich mich vehement für den Erhalt eingesetzt habe. Aber Stammheim wird abgerissen, weil es nicht mehr zeitgemäß ist und nicht dem Standard entspricht, den man heute beim Bau von Justizvollzugsanstalten anlegt. Und von daher ist das aus meiner Sicht auch in Ordnung, wenn es abgerissen wird.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Fotografen Andreas Magdanz führte Sonja Striegl in SWR2 am Morgen am 16.11.2012 um 7.45 Uhr

Stand: 16.11.2012, 10.50 Uhr