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Der neue Mainzer Stadtschreiber Clemens Meyer "Als wir träumten"

Kultur Regional am 25.2.2016 von Leonie Berger

Ein Stadtschreiber geht, der nächste kommt. Der neue in Mainz heißt Clemens Meyer. Am 25.2.2016 wird er offiziell in sein Amt als Mainzer Stadtschreiber eingeführt. Der Stadtschreiberpreis der Stadt Mainz und des ZDF beinhaltet 12.500 Euro, ein Dokumentarfilmprojekt für das ZDF nach eigener Themenwahl und ein Jahr lang Wohnrecht in der Mainzer Stadtschreiberwohnung.

Clemens Meyer wurde 1977 in Halle an der Saale geboren und lebt in Leipzig. Sein erster Roman "Als wir träumten" wurde gleich ein großer Erfolg, auch als Film von Andreas Dresen. Für seinen Band mit Erzählungen "Die Nacht, die Lichter" erhielt er 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse. Zuletzt erschien sein Roman "Im Stein".

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Keine Wohlfühlliteratur

Clemens Meyer macht nicht den Eindruck als stünde er gern im Mittelpunkt. Seine Texte schon. Und so ist alle Schüchternheit auch sofort verschwunden, als er im Vortragssaal des Mainzer Gutenbergmuseums auf der Bühne sitzt, über seine Texte spricht und aus seinen Büchern liest. Hier gehe es nicht um Wohlfühlliteratur warnt Moderator Werner von Bergen das Publikum, und in der Tat: Alkoholiker, Knastis, Prostituierte, Drogenabhängige bevölkern die Texte von Clemens Meyer. Nicht nur, aber es fällt auf. Für ihn ist das völlig selbstverständlich. Seine Themen begegnen ihm ständig, nicht nur zu Hause in Leipzig, auch bei seinen ersten Streifzügen durch Mainz:

"Seitdem ich hier bin, habe ich bestimmt mindestens vier so provisorische Ruhelager in der Fußgängerzone entdeckt. Gestern Nacht, ich dachte, was ist denn hier los? Einer wurde gerade eingeladen in den Krankenwagen. Oder der heute im Laden, naja, will man gar nicht erzählen, aber ist normal, passiert! Und das hat mich natürlich immer interessiert: Wo kommt man her? Wie strauchelt man durchs Leben? Die geradlinigen Wege, die sind meist nicht so interessant für die Literatur." Clemens Meyer

Clemens Meyer an der Druckerpresse im Mainzer Gutenberg-Museum

Clemens Meyer an der Druckerpresse im Gutenberg-Museum Mainz.

"Schreiben Sie einen Montageroman!"

So wenig geradlinig wie das Leben seiner Figuren ist auch die Erzählweise von Clemens Meyer. Als er anfing, an seinem ersten Roman „Als wir träumten“ zu arbeiten, wusste er, dass er die Geschichte von fünf Freunden erzählen will, die in der DDR aufwachsen und die Wende erleben. Einen epischen Zeitraum von zehn Jahren hatte er ins Auge gefasst.

"Ich wusste lange nicht, wie ich’s machen sollte, also begann ich, was ich glaubte, dass es Vorstudien seien, zu schreiben, unter anderem dieses erste Kapitel. Ich dachte: gut, es sind Vorstudien, du lotest das Terrain aus. Bis mir irgendwann am Literaturinstitut, wo ich studierte, ein Professor sagte: 'Das sind keine Vorstudien. Sie sind mittendrin.' Und dann begriff ich es. Und er sagte dann: 'Schreiben Sie einen Montageroman.' Clemens Meyer

Kunstvolle Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart

In seinem bislang letzten Roman "Im Stein" lassen sich ebenso einzelne Passagen als eigenständige Geschichten lesen, und doch ist alles miteinander verwoben. Auch wenn Clemens Meyer Erzählungen schreibt, ist nichts geradlinig. Zeit und Realität verschieben sich: Kunstvoll vermischt er Vergangenheit und Gegenwart, erlebte Realität und Gedanken seiner Figuren. Da wird eine Speisekarte plötzlich zu einem alten Liebesbrief. Oder der Blick auf die Uhr versetzt einen plötzlich an einen anderen Ort, ganz kurz nur. Ein für Clemens Meyer typisches Stilmittel.

"Man muss aber sehr genau gucken, wie man’s macht. Wie gerät man da rein, das sind fließende Übergänge, und wie kommt man aus denen wieder raus. Mich interessiert weniger, dass jemand sagt: er erinnerte sich an damals, oder: ich erinnere mich – nein, das Damals greift sofort ins Heute ein im Prozess des Erzählens, oder umgedreht auch. Das ist natürlich Komposition und Arbeit, aber das macht es für mich dann eben poetisch und auch rätselhaft, wie das Leben und die Zeit ja auch rätselhaft sind." Clemens Meyer

Schild am Gutenbergmuseum: Stadtschreiber-Wohnung

Das Türschild der Stadtschreiber-Wohnung in Mainz

Literarisch sehr reizvoller Stadtschreiber für Mainz

Mit poetischen Mitteln vom harten Leben erzählen: Ganz genau bis ins kleinste Detail schaut Clemens Meyer auf Dinge, auf die Körper und in die Köpfe seiner Figuren. Mainz hat es wieder geschafft, sich einen literarisch sehr reizvollen Stadtschreiber einzuladen. Bleibt zu hoffen, dass Clemens Meyer diese ein Jahr währende Einladung häufig annehmen wird. Ein Zug von Leipzig nach Mainz braucht schließlich weniger als vier Stunden.

Mit dem Mainzer Stadtschreiber-Preis ehren seit 1984 ZDF, 3sat und die Stadt Mainz Schriftsteller für ihr Lebenswerk. Der Mainzer Stadtschreiberpreis ist mit einem Preisgeld von 12.500 Euro dotiert und bietet eine extra eingerichtete Dienstwohnung im Renaissance-Flügel des Mainzer Gutenberg-Museums an. Die jeweiligen Stadtschreiber produzieren mit dem ZDF eine Film-Dokumentation nach freier Themenwahl.

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