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Hans Magnus Enzensberger in der Galerie AbtArt in Stuttgart Der Wortkünstler und die Kunst

Kultur Regional am 13.1.2016 von Susanne Kaufmann

Er ist bekannt als Dichter, als kritischer Intellektueller, der sich immer wieder einmischt in aktuelle politische und gesellschaftliche Debatten: Hans Magnus Enzensberger. Doch Enzensberger hat auch eine unbekannte Seite. Da bewegt er sich in einem ganz anderen Kontext, dem der Bildenden Kunst. Worte und Dichtkunst hat Enzensberger in die dritte, ja sogar vierte Dimension überführt. Die Stuttgarter AbtArt Galerie stellt seine WortSpielZeuge nun bis zum 5. Februar in einer Ausstellung vor.

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Ein großes Schild mit Namen und Klingeln, so wie an einem Mehrfamilienhaus. Stets der gleiche Name, doch in verschiedenen Schrifttypen geschrieben, und wenn man auf den Knopf daneben drückt, dann melden sich die Bewohner so:

"Fortschritt … Fortschritt … Fortschritt …"

"Es gibt ja viele Arten, viele Tonfälle von Fortschritt: triumphierende Tonfälle, klagende, verwirrte…" Hans Magnus Enzensberger

Inhaltlich knüpft Enzensberger mit diesem Objekt sogar direkt an eines seiner Bücher an, die "Balladen aus der Geschichte des Fortschritts", erschienen 1975. Ein Band, in dem er Menschen porträtierte, die die Welt veränderten: Oliver Evans erfand die automatische Mühle, Ugo Cerletti die Elektroschock-Therapie und Joseph Ignace Guillotin die nach ihm benannte Guillotine, die als fortschrittliche Tötungsmaschine gepriesen wurde. Weit spielerischer als die Auseinandersetzung in diesem Buch ist das Objekt mit den Klingelknöpfen – eben ein WortSpielZeug.

"Das ist ein Wort, das zwei Deutungen zulässt. Das eine ist Wortspiel und das andere ist Spielzeug. Man kann damit ja etwas machen. Es ist kein totes Objekt wie in einem Museum, man schaut es an, und es hält still, sondern die Dinge sind ja beweglich. Die meisten sind ganz beweglich, sie haben Töne. Und es war einfach so, dass ich mir gedacht habe: Warum immer nur auf der Seite? Die Seite ist zweidimensional, hat Länge und Breite. Fertig. Man könnte doch eine dritte Dimension haben! Und dann entsteht ein Objekt." Hans Magnus Enzensberger

An Enzensbergers Schreibtisch entstehen freilich nur die Gedankenskizzen und Entwürfe, gebaut werden die WortSpielZeuge dann von Handwerkern, die auch die nötige Fachkenntnis in puncto Mechanik und Elektrik haben. Das kostet, und diese Kosten übernahm der Künzelsauer Unternehmer Reinhold Würth. Darum existiert jedes Objekt auch zweimal: eines gehört der Sammlung Würth, eines Hans Magnus Enzensberger – der selbst noch immer darüber staunt, dass er mit diesen Objekten nun offenbar in der Kunstwelt angekommen ist.

"Die Kunstwelt ist ja eine geschlossene Veranstaltung. Entweder man gehört dazu oder man gehört nicht dazu, und ich gehöre nicht dazu. Und zum ersten Mal habe ich hier jetzt jemand, mit meinem Freund Jan Peter Tripp zusammen, er hat gesagt, die sollen doch nicht in irgendeinem Depot verschimmeln, sondern die sollen mal gezeigt werden, ausgestellt werden!" Hans Magnus Enzensberger

In der einen oder anderen Weise befassen sich alle 16 Objekte, die nun in der Stuttgarter ABTART Galerie zu sehen sind, mit Enzensbergers Lebensthema: den Worten und der Sprache. Das ist intellektuell anregend, aber vor allem eine geistreiche Spielerei – wie die "Spitzenlyrik", ein Gedicht über eine Spitzenklöpplerin von Rilke, montiert unter einer Glasplatte mit einer Tortenspitze drauf. Nur wenn man sie dreht, lässt sich der Text entziffern.

"Erfordert natürlich von dem Betrachter auch eine gewisse Investition von Aufmerksamkeit." Hans Magnus Enzensberger

Und körperliche Aktivität: hier muss man drehen, dort Knöpfe drücken, um Texte neu und anders zu erleben. Oder kurbeln, wie am "Weltempfänger", einem alten Radio, wo je nach Standort eines Senders ein Autor ein Gedicht in seiner Muttersprache spricht.

"Ob das jetzt Kunst ist oder nicht, ist mir persönlich ganz egal. Ich will mich ja nicht langweilen bei der Arbeit, und mir gefällt ja mein Beruf. Ich bin ja nicht einer von denen, die sich beklagen.“ Hans Magnus Enzensberger

Ausstellung mit Hans Magnus Enzensberger
Die Illusion ist alles - "Ich sehe was, was du nicht siehst"
Ausstellungsdauer: 20.11.2015–05.02.2016
Galerie AbtArt, Stuttgart

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