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Die "Geisterbahn" zum Saisonauftakt am Nationaltheater Himmelfahrtskommando an der Oper Mannheim

Kultur Regional am 22.9.2016 von Annette Lennartz

Schon bei der Auftaktveranstaltung der Oper des Nationaltheaters in Mannheim merkt man, dass dort ein neuer Intendant an Bord ist. Er setzt mit der "Geisterbahn", gleich eine Duftmarke. Die "Geisterbahn" ist eine Produktion der Hamburger freien Künstlergruppe "Kommando Himmelfahrt". Und diese Truppe, bekannt für extravagante Musiktheaterproduktionen, hat sogar jetzt ein festes Engagement an der Opernsparte des Nationaltheaters Mannheim. Mannheim will im Musiktheater neue Wege gehen.

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n einem Zelt vor dem Nationaltheater hat die freie Gruppe "Kommando Himmelfahrt" eine Geisterbahn eingerichtet, die natürlich keine normale Geisterbahn ist. Nur jeweils 30 Theaterbesucher dürfen dabei in die Welt eines Philosophen eintauchen.

"Herzlich Willkommen im Reich von La Mettrie …" Auszug aus Stück

Warum, das erschließt sich später. Drinnen dann: Musik und schummriges Licht. Merkwürdige Dinge tauchen auf - Ein Labor mit Ablegern von Pflanzen, jede hängt an einem medizinischen Tropf, Köpfe aus Gips, ein Globus, Geisterwesen, dazwischen Plüschsofa und Wirtshaustisch, zig Gemälde an den Wänden und eine mannsgroße Puppe liegt im Strickanzug auf dem Boden. Ziemlich schräg das Ganze. Die Puppe singt sogar.

Jan Dvořák hat die Musik für das Stück komponiert. Die Texte der Chansons stammen tatsächlich von dem visionären Arzt, Forscher und Philosophen Julien de la Mettrie. Er war ein radikaler Denker des 18. Jahrhunderts, der wegen seines konsequent materialistischen Menschenbildes durch halb Europa fliehen musste, stellte er doch den Menschen mit Tier und Pflanze auf eine Stufe. Sein Buch "Der Mensch als Pflanze" ist Thema der Geisterbahn.

"Man erlebt etwas, der Geist von la Mettrie steht wieder auf. Er bewegt sich auch. Man lernt eines seiner Geschöpfe kennen, mit denen er experimentiert hat: Eine Pflanze, ein Zwitterwesen. Es ist eine Geisterbahn im Sinne von Monstern die auftreten, allerdings ein Monster, das nicht erschreckt im herkömmlichen Sinne, dass man ein kurzen Schreck hat, sondern das einen nachhaltigeren Schreck erleben lässt." Thomas Fiedler vom Himmelfahrtskommando

La Mettrie, der Aufklärer, ist Zeitgenosse Bachs. Deshalb erklingen auf einem Cembalo auch Bachzitate. Die Tasten bewegen sich autonom, eine geniale Konstruktion extra für die Geisterbahn erfunden. Überhaupt scheinen all die Stimmen und Töne im Raum von Geistern zu stammen, eine Welt, die ohne den Menschen auskommt. Erfindungen machen ihn überflüssig. Ein sehr aktuelles, gruseliges Thema. Es regt an zur Diskussion über Mettries Themen und auch über die Grenzen der Forschung. Eine Stunde dauert diese musikbetonte Geisterbahnfahrt.

"Geisterbahn", Nationaltheater Mannheim, September 2016

"Geisterbahn", Nationaltheater Mannheim, September 2016 (Foto/Copyright: Julia Kneuse)

Der neue Intendant der Oper Mannheim, Albrecht Puhlmann, zeigt mit der "Geisterbahn" gleich zu Beginn auf, dass es in Mannheim zukünftig mehr geben wird als Opern oder Operetten. Auch Pop, Rock und Jazz sollen einziehen:

"Wir haben Operette, wir haben Oper, wir haben Musical, und daran muss man weiter denken. Musicals sind ja schon fast historisch. Aber es gibt Musikformen im Pop, wenn die der Klassik begegnen, kann das etwas ganz tolles ergeben. Ein Musical der heutigen Zeit, könnte man das nennen. Und Geisterbahn setzt den Anfangspunkt für ein theatralisches Hör- und Sehtheater." Albrecht Puhlmann

Es soll nicht bei drei Tagen Geisterbahn bleiben. Albrecht Puhlmann hat zwei Künstler des "Kommando Himmelfahrt" fest engagiert, die werden für frischen Wind auf Opernbühne sorgen. Der Intendant will auch mit der Popakademie und andern Musikmachern der Stadt kooperieren und hofft damit neues Publikum ins Musiktheater zu locken. Und natürlich kann auch die Oper vom Input der freien Szene profitieren.

"Das finde ich bei Kommando Himmelfahrt besonders ausgeprägt, wie der Name schon sagt, suchen die ja andere Sphären auf als unsere normalen und das ist immer gut für’s Theater. Ein bisschen verrückt muss man sein!" Albrecht Puhlmann



Info: Die Gesiterbahn des Kommando Himmelfahrt ist vom 23.9. - 25. 9. 2016 täglich zwischen 19 und 21 Uhr geöffnet