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Uraufführung: Joshua Sobols Theaterstück über die deutsch-israelischen Beziehungen "Blutgeld - Adenauers Weg"

Kultur Regional am 22.9.2016 von Susanne Kaufmann

Streng genommen kommt das Stück ein Jahr zu spät. Im Mai 2015 jährte sich zum 50. Mal die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel. Die Schauspielbühnen in Stuttgart beschlossen aus diesem Anlass eine Koproduktion mit dem Cameri Theater in Tel Aviv, um an den schwierigen Weg der Aussöhnung zu erinnern. Der israelische Dramatiker Joshua Sobol bekam aus Stuttgart den nun schon dritten Auftrag für ein Theaterstück, und so entstand das Drama „Blutgeld – Adenauers Weg“. Die Uraufführung ist am 23.09.16, in Anwesenheit des Autors Joshua Sobol.

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"Eines Tages wird auf der Welt wahrer Friede herrschen, und man wird sicher stellen, dass in Europa Frieden herrscht, indem man Deutschland vom Angesicht dieser Welt tilgt!" Szene aus Stück

"Ich werde keinerlei kollektive Schuld anerkennen!! Schuld ist immer persönlich! Es gibt kein Gesetz, das auf einer Kollektivschuld basiert." Szene aus Stück

"Und was soll ich meinen Liebsten sagen? Meiner verbrannten Familie? Meinen ermordeten Angehörigen, die mich Nacht für Nacht bis ans Ende der Zeit heimsuchen?" Szene aus Stück

Es ist ein harter Stoff, mit dem sich Joshua Sobol in seinem Theaterstück "Blutgeld – Adenauers Weg" befasst. Dafür entwickelte er eine aktuelle Rahmenhandlung, aus der heraus sich immer wieder Fenster in die Vergangenheit öffnen. Ernst Wilhelm Lenik ist Bundeskanzler Konrad Adenauer, hier bei einem geheimen Termin mit dem Generaldirektor des israelischen Finanzministeriums.

"Ich betrachte dieses Treffen mit hochrangigen israelischen Beamten als einen wichtigen Schritt hin zu einer historischen Aussöhnung unserer beiden Völker. – Dieses Treffen kann ein erster Schritt auf einem langen Weg sein, die Schandtaten zu reparieren, die das Nazi-Regime den Juden als Volk und als Individuum gezielt und sukzessive angetan hat. – Gestatten Sie mir, an Renants Maxime zu erinnern: Um Geschichte zu schreiben, muss man Geschichte vergessen. Gestatten Sie mir, daran zu erinnern, dass Ernest Renant im 19.Jahrhundert rassistische Theorien in Europa propagiert hat, deren Folgen bis heute unvergessen und unverzeihlich sind!" Szene aus Stück

Sobol hat die Quellen zur deutsch-israelischen Verständigung sehr genau studiert.

"Herr Bundeskanzler, würden Sie einräumen, dass das deutsche Volk eine kollektive Verantwortung trägt, die Verbrechen, die in seinem Namen begangen wurden, wieder gut zu machen? – Das räume ich ein. Ich werde erklären, dass es der Wille Deutschlands ist, Israel beim Aufbau seiner Wirtschaft und seiner Verteidigung Hilfe zu leisten. – Wir sind nicht hier, um um Hilfe zu bitten, sondern um die Entschädigung für geraubtes Eigentum zu fordern! – Dem stimme ich zu. Ich werde das Wort Hilfe nicht gebrauchen." Szene aus Stück

Sobol ist es gelungen, eine ungeheure Spannung in die Wortwechsel zu legen. Zwei verschiedene Perspektiven auf ein Thema, die israelische ist in Deutschland kaum bekannt: die Schmach, sich mit dem Land der Mörder auszusöhnen, und daneben der wirtschaftliche Druck, Geld zu bekommen – "Blutgeld", wie es im Titel heißt. Hier eine ausgestreckte Hand, dort ein Fallstrick, und immer wieder die Sprache der Diplomatie: Schon das allein ist hoch interessant, auch unabhängig von dem konkreten historischen Geschehen, um das es geht.

"Als ich’s gelesen hatte, dachte ich, ja, es wird viel geredet, aber es passiert wenig, aber im Laufe der Arbeit bin ich dahinter gekommen, dass die Grundsituation so dramatisch ist in dem Leidensdruck der Figuren aus der damaligen Zeit heraus, dass das Spannungsreiche auf der Bühne von Natur aus von ganz alleine hinzu kommt." Ulf Dietrich, Regisseur

Er bemerkte, wie sich sein Blick auf Geschichte und während der Arbeit an dem Stoff verändert hat. Vor Staatsmännern, die Entscheidungen treffen, die in der breiten Bevölkerung nicht unbedingt mehrheitstauglich sind, hat er – Sobol sei Dank – heute großen Respekt.

"Es geht darum, wie Israel und Deutschland Frieden machen konnten. Und ich glaube, die Menschen treibt heute sehr um, wie wir Frieden erreichen können. Wenn wir in den Nahen Osten gucken oder wie der Krieg eben auch in unsere Gesellschaft wirklich versucht hineingetragen zu werden. Und man versteht einfach nicht, wie es sein kann, dass man nicht zu einem Frieden kommt. Und dieses Stück handelt davon, dass es Persönlichkeiten braucht, und zwar Staatsführung braucht, die das können." Ulf Dietrich

"Blutgeld - Adenauers Weg" (v.l. Peter Kempkes als David Ben Gurion und Ernst Wilhelm Lenik als Konrad Adenauer) UA, Altes Schauspiel Stuttgart, September 2016

"Blutgeld - Adenauers Weg" (v.l. Peter Kempkes als David Ben Gurion und Ernst Wilhelm Lenik als Konrad Adenauer) UA, Altes Schauspiel Stuttgart, September 2016 (Foto/Copyright: Tom Philippi)



Info: "Blutgeld - Adenauers Weg" im Alten Schauspielhaus Stuttgart, täglich außer sonntags bis 29. Oktober 2016 um 20 Uhr

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