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Großdemonstration in Venezuela Kultur im Notstand

Kulturthema am 1.9.2016 von Peter B. Schumann

Die venezolanische Opposition unternimmt einen erneuten, landesweiten Versuch, das von der Verfassung garantierte Referendum zur Ablösung von Präsident Maduro durchzusetzen, das dieser bisher mit allen Mitteln zu hintertreiben versucht. Sie hat zu einem Sternmarsch auf Caracas aufgerufen, an dem auch viele Kulturschaffende teilnehmen werden. Wie sieht überhaupt die Kultur in Venezuela aus, das sich vom ölreichsten Land Lateinamerikas in das Armenhaus des Kontinents verwandelt hat? Wo die Menschen am Abend ungern das Haus verlassen, weil die Kriminalitätsrate die höchste der Welt ist oder weil die Städte wegen der ständigen Stromsperren im Dunkeln versinken.

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Weltweit gefeiert wird "El Sistema", das berühmte Jugendorchester-System Venezuelas. Vor rund 40 Jahren wurde es von José Antonio Abreu gegründet und von Hugo Chávez während dessen Herrschaft zum Aushängeschild der Kulturpolitik gemacht. Doch selbst dieses Paradeinstrument des Chávismo leidet unter der Katastrophe, in die der gegenwärtige Präsident Maduro das Land gestürzt hat.

Tourneen können meist nur noch durchgeführt werden, wenn sie ein ausländischer Veranstalter voll finanziert, denn die Devisen reichen nicht einmal für den Import lebensnotwendiger Medikamente. Der überfällige Erweiterungsbau für neue Proberäume wurde ausgesetzt, denn auch Zement ist Mangelware. Die Regierung kürzte ihren Teil des Etats: die Unterstützung für die jungen Musikerinnen und Musiker reicht nicht mal zum Lebensnotwendigen. Deshalb haben viele von ihnen Reisen ins Ausland genutzt und sich dort erfolgreich nach Engagements umgesehen. Gründervater Abreu ist schwer erkrankt und konnte nicht mehr verhindern, dass aus seiner liberalen Institution ein streng auf Regierungskurs getrimmtes Instrument wurde. Die internationalen Kulturbeziehungen sind überhaupt in letzter Zeit weitgehend zum Erliegen gekommen wie der Soziologe Manuel Silva-Ferrer berichtet.

"Hier wird nur noch auf Sparflamme gearbeitet. Großunternehmen wie die Majors aus Hollywood halten die Stellung, weil sie auf Veränderungen hoffen. Alle ausländischen Verlage haben das Land verlassen, denn bei einer Inflation von bald 700% lässt sich nur noch Verlust machen. Auch internationale Fernsehgesellschaften, die hier viel produzierten, haben sich völlig zurückgezogen. Und so sieht es auch in anderen Bereichen aus. Das Land isoliert sich kulturell immer stärker." Manuel Silva-Ferrer

Die Not der Venezolaner, ihr täglicher Existenzkampf, überlagert bei vielen das Interesse an Kultur. Auch ist das Angebot in den vom Staat dirigierten Kulturinstitutionen immer unattraktiver geworden. Manuel Silva-Ferrer:

"Die venezolanischen Museen gehörten früher zu den bedeutendsten in Lateinamerika. Sie sind heute so gut wie tot. Die Nationalgalerie ist am Wochenende menschenleer. Von den 16 oder 18 Sälen des berühmten Museums der Schönen Künste sind nur noch zwei geöffnet, und diese befinden sich in sehr schlechtem Zustand." Manuel Silva-Ferrer

Am prekärsten ist die Lage der privaten Kulturszene. Sie entstand vor gut einem Jahrzehnt, als alle Oppositionellen aus den staatlichen Institutionen entfernt wurden. Die regierungskritischen Kulturschaffenden gründeten kurzerhand private Theater, Galerien und Kulturzentren. Doch jetzt bleiben viele Besucher weg, denn die Venezolaner ziehen sich immer mehr ins Private zurück. Manuel Silva-Ferrer.

"Die Abwanderung aus dem öffentlichen in den privaten Bereich war zuerst politisch bedingt und ist sehr charakteristisch für autoritäre Regime... Dieser Trend hat zugenommen. Abends und selbst am Wochenende ziehen es die Leute vor, sich lieber zu Hause mit Freunden zu treffen, wegen der Kriminalität und weil es sich viele nicht mehr leisten können, ins Kino oder ins Theater zu gehen." Manuel Silva-Ferrer

Die Kulturschaffenden lassen sich jedoch nicht unterkriegen, sondern glauben, wie der berühmte venezolanische Sänger Yordano, an die Zukunft ihres Landes, vor allem an die Jugend und "an den gemeinsamen Kampf mit ihr, damit Venezuela nicht verloren geht".

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