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Adrian Tomine und seine neue Graphic Novel "Eindringlinge" Vom Scheitern in Bildern

Kulturthema am 29.3.2016 von Kai Löffler

Hier in Deutschland wird zwar vergleichsweise viel gelesen, mehr als in den meisten anderen Ländern, doch eine literarische Gattung, die es auch bei uns und sogar besonders bei uns, schwer hat, ist die Kurzgeschichte. Der Comic-Künstler Adrian Tomine lässt sich davon aber nicht beirren; neben Graphic Novels schreibt und zeichnet er vor allem Kurzgeschichten. Auch sein neues Werk, "Eindringlinge", sind gezeichnete Comicerzählungen. Der in New York lebende Autor ist über die Comic-Szene hinaus eine Kultfigur, zu seinen Fans gehört unter anderem der britische Erfolgsautor Nick Hornby.

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Der deutsche Titel von Adrian Tomines neuem Comic "Eindringlinge" ist weniger dramatisch als der Originaltitel "Killing and Dying" und doch zutiefst beunruhigend. In der gleichnamigen Geschichte findet ein Mann einen Schlüssel zu einer Wohnung, in der er früher mal gewohnt hat, und kann der Versuchung nicht widerstehen, ihn zu benutzen. "Eindringlinge" ist eine von sechs Geschichten in Tomines neuem Band.

"Es wäre den meisten Leuten sicher lieber gewesen, wenn ich eine Graphic Novel geschrieben hätte statt einer Sammlung von Kurzgeschichten. Ich rechne es meinem Verleger hoch an, dass er mir nicht den Vertrag gekündigt hat." Adrian Tomine

Buchcover: "Eindringlinge" von Adrian Tomine

Buch

Adrian Tomine

Eindringlinge

Verlag:
Reprodukt
Produktion:
2016
Genre:
Belletristik
Länge:
120 Seiten
Preis:
24,00 Euro
Bestellnummer:
ISBN 978-3956400711


Adrian Tomine, Jahrgang 1974, gilt schon lange als Kultautor. Neben seinen Comics zeichnet er unter anderem für den "New Yorker" und designt Plattencover. Außerdem gibt er seit der Highschool-Zeit sein Comic-Magazin "Optic Nerve" heraus. Hier hat er auch die sechs Geschichten veröffentlicht, bevor er sie in "Eindringlinge" gesammelt hat.

Am Ende jeder Geschichte habe ich überlegt, welche als nächstes kommen sollte, und dann noch ein paar Details geändert. Aber es war nicht bewusst konstruiert oder geplant wie ein Roman." Adrian Tomine

Die Figuren decken ein breites Spektrum ab: Ein Familienvater, der sich in ein Kunstprojekt hineinsteigert; eine junge Frau, die aussieht wie ein berühmter Porno-Star; eine Tochter, die gerne Bühnenkomikerin wäre, oder ein Ex-Biker, der seine Freundin schlägt. Mehrere Themen ziehen sich durch den Band: Familie, Enttäuschungen, Scheitern. Absicht war das aber nicht, sagt Tomine; nur eines sollte bewusst die Geschichten verbinden: die schwer greifbare Atmosphäre der kalifornischen Städte, in denen der Autor den größten Teil seines Leben verbracht hat.

"Vieles kam aus meinen Lebensumständen und hat sich in die fiktionale Welt eingeschlichen. Als ich das Buch anfing, war meine Frau gerade mit unserer ersten Tochter schwanger, und als ich fertig war, hatte ich zwei Töchter. Viele der Geschichten ergründen, was es heißt, Künstler zu sein, was man seiner Familie damit zumutet." Adrian Tomine

Optisch hat jede der Geschichten ihren eigenen Stil; mal schwarzweiß, mal in Farbe, mit unterschiedlich detaillierten Zeichnungen und unterschiedlich naturalistischen Figuren. Besonders hebt sich die tieftraurige Geschichte "Kaltes Wasser" ab, in der es Tomine darauf anlegt, die Banalität von Alltagsgesprächen einzufangen. Dabei wollte er eins vermeiden:

"Große Panels oder Bilder, die nur so überquellen vor Dialogen, weil man so viel ausdrücken möchte wie möglich. Als Leser fängt man da leicht an, Bilder zu überspringen oder zumindest zu überfliegen. Deshalb hab ich die Geschichte ganz bewusst in kleine Panels aufgeteilt." Adrian Tomine

Mit zwanzig gleichmäßig angeordneten Bildern pro Seite erinnert "Kaltes Wasser" auf den ersten Blick fast an eine Briefmarkensammlung. Adrian Tomine steht in der Tradition der großen Graphic Novel-Pioniere, und auch "Eindringlinge" sieht man den Einfluss von Art Spiegelman, Daniel Clowes und Charles Burns an. Zu Tomines Markenzeichen gehört ein lakonischer Grundton, aber auch wenn in "Eindringlinge" viel Trauriges passiert, ist der Band für ihn alles andere als deprimierend.

"Es ist vielleicht kein Hollywood-Happy End, aber im Vergleich zu meiner früheren Arbeit steuern doch einige der Geschichten auf ein sehr positives oder optimistisches Ende zu, finde ich zumindest." Adrian Tomine