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Georg-Büchner-Preis 2015 für Rainald Goetz Literatur als Amoklauf

Kulturgespräch am 9.7.2015 mit Volker Weidermann, Literaturchef des "Spiegel"

Der mit 50 000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis ist die wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands. Und endlich bekomme ihn der Richtige, jubilierte gestern der Literaturchef des "Spiegel", Volker Weidermann, im Internet, denn kein anderer beherrsche den Sound der Gegenwart so wie der Schriftsteller Rainald Goetz, und kaum einer bringe den Literaturbetrieb so in Schwung wie er. Seit Goetz sich während seiner Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1983 mit einer Rasierklinge die Stirn aufgeritzt hat, hat er auf seine ganz eigene, oft radikale Weise die deutsche Gegenwart beschrieben, in einer bemerkenswerten formalen Vielfalt.

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Herr Weidermann, warum war der Georg-Büchner-Preis für Rainald Goetz Ihrer Meinung nach schon längst überfällig?

Er hat auf unvergleichliche Art und Weise die Gegenwart mitgeschrieben und gleichzeitig abgelehnt. Das muss man erst mal schaffen. Rainald Goetz ist ein emphatischer Zeitgenosse. Wenn man ihn erlebt hier in Berlin oder auf Buchmessen, bei Literaturveranstaltungen oder im Deutschen Bundestag, sieht man ihn unfassbar geistesgegenwärtig und besessen immer alles in sein Notizbüchlein mitschreiben. Oder wenn er sich unterhält, mit Freunden, Bekannten oder Feinden, dann ist er in einer Weise intensiv dabei, dass sich das augenblicklich auf den Betrachter überträgt. Er ist aber eben nicht einfach ein affirmativer Mitschreiber der Gegenwart, sondern gleichzeitig auch ein Bekämpfer ihrer großen, wichtigsten Protagonisten und das in einer Sprache, die ich nur poetisch und unglaublich schön und überraschend nennen kann.

Sie haben auch gesagt, dass unter den Preisträgern der letzten Jahre eigentlich nur Langweiler gewesen seien. Wenn man sich jetzt mal die Namen der Preisträger der letzten Jahre anschaut, dann waren darunter Brigitte Kronauer, Martin Mosebach, Felicitas Hoppe oder Sibylle Lewitscharoff. Das waren also alles Langweiler?

Nee, ich glaube einfach, dass Rainald Goetz ein so intensives, besonderes und kraftvolles poetisches Werk geschaffen hat. Ich will von den vorherigen Preisträgern wirklich niemanden beleidigen, aber das wäre schon lange mal fällig gewesen. Und es ist immer schade, dass man für so einen wichtigen Literaturpreis erst 60 Jahre alt werden muss, um damit ausgezeichnet zu werden - in diesem Fall zumindest. Bisher hat es ja ganz selten auch schon Jüngere getroffen.

Rainald Goetz hat neben Geschichte auch Medizin studiert und hat kurze Zeit als Arzt gearbeitet, bevor er sich dem Schreiben widmete. Georg Büchner war ja ebenfalls Arzt. Welche Parallelen gibt es denn sonst noch zwischen den beiden?

Das ist ja schon eine ganze Menge, als Arzt ausgebildet zu sein. Und diesen Blick, diese Genauigkeit, dieses Medizinische, glaube ich tatsächlich, ohne das jetzt zu stark überstrapazieren zu wollen, in der Prosa zu erkennen. Das heißt auch etwas Chirurgisches, also die Gegenwart aufzuschneiden und genau zu gucken: Was ist denn da, wo ist der Krankheitsherd?
Und das führt uns zur zweiten Parallele, nämlich etwas Revolutionäres in der Prosa zu haben, den unbedingten Willen, die Welt zu verändern - so wie sie ist, ist sie nicht richtig, und Literatur kann dazu etwas beitragen.

Georg Büchner war einer der bedeutendsten Literaten des Vormärz', ein Revolutionär. Inwiefern kann Goetz denn als politischer Autor da mithalten?

Am Anfang waren es auch seine Themen. Gleich sein zweiter Roman zum Beispiel im Deutschen Herbst, 1977. Und Goetz war damals einerseits auf der Seite der Terroristen, andererseits aber – und das kann eben nur die Literatur – auf der Seite der Opfer des Terrors. Jedenfalls war er immer auf der Seite der Weltveränderer.

Die großen Geschichten, die großen Themen hat er in den Jahren danach etwas aus dem Blick genommen. Sein letzter Roman "Johann Holtrop" spielt in der Welt der deutschen Wirtschaft, und der Protagonist trägt doch viele Züge des einstigen Internet- und Aufsteigerstars der deutschen Wirtschaft Thomas Mittelhoff.

Das hat Goetz ja vorher auch schon mal gemacht mit Frank Schirrmacher, den hat er sich sozusagen für das Büchlein "Loslabern" vorgenommen hat.

Ja. Es geht ihm um Personen, die irgendwie unsere Zeit prägen. Frank Schirrmacher hat lange Jahre das Kulturleben, das geistige Antlitz unserer Zeit, unseres Landes geprägt, und Thomas Mittelhoff und andere Figuren, die in "Johann Holtrop" vorkommen, haben unserer Wirtschaftswelt ihren Stempel aufgedrückt. Und das sind die beiden Bereiche, die ihm wichtig, entscheidend und prägend für unsere Gegenwart scheinen. Und der Autor Rainald Goetz ist fasziniert von diesen Figuren und gleichzeitig abgestoßen - vor allem aber fasziniert, geradezu besessen, kann man sagen.

Hat er das Radikale, das Revolutionäre aus seiner Anfangszeit verloren - was im Alter ja auch nicht wirklich überraschend oder neu wäre?

Ich finde, das Verrückte am Schreiben Rainald Goetz' ist, dass er eigentlich gerade was den Schwung, die Schönheit, die Neuheit der Prosa, das sich selbst wieder neu erfinden angeht, nichts verloren hat. Und es ist ja nie so gewesen, dass er direkt zu einer Revolution aufgerufen hätte. Das Revolutionäre seiner Prosa war ja eigentlich immer wieder neu hinzuschauen, die Welt neu zu erfahren, die Welt neu infrage zu stellen. Und ich finde, ehrlich gesagt, sein letztes Werk "Johann Holtrop" nicht stark, weil er da die Klischees einfach ein bisschen zu stark überzeichnet, die Protagonisten zu stark ablehnt und eben dadurch manchmal ins Klischee verfällt. Jenseits dessen hat er aber die Sprache, diese revolutionäre Kraft seiner Anfänge bis heute behalten. Und da steht er als über 60-Jähriger wirklich fast singulär da.

Bei "Johann Holtrop" gingen die Kritiken ja auch auseinander. Was würden Sie denn sagen, zeichnet sein Schreiben, diese literarische Kraft, konkret aus?

Das ist schon unglaublich schwer, abstrakt zu sagen , aber jeder Satz leuchtet, das überträgt sich sofort. Und es ist ja nichts schwieriger, als das tatsächliche Gelaber unserer Zeit, die ständigen Internet-Neuigkeiten, darzustellen, zu erkennen, wo die schwachen Seiten sind, das praktisch mitzuschreiben, aber in einer neuen, unglaublich poetischen, kraftvollen Sprache aufzuschreiben. Das ist zumindest ein wesentlicher Teil seiner Kunst.

Macht einen Teil seiner Kunst auch aus, dass er so vielfältige literarische Formen bedient, er hat ja Romane geschrieben, Erzählungen, Text-Bild-Collagen, Theaterdramen und auch Blogs?

Besonders ist natürlich tatsächlich, dass er sehr früh das Internet als Form erkannt hat, in der nicht nur Müll steht. Und wenn nur Müll drin steht - er hat ja gleich sein erstes Internet-Tagebuch "Abfall für alle" genannt -, dann muss es zumindest kunstvoller Müll sein, kunstvoll mitgeschrieben oder durch den Künstler Rainald Goetz von Müll in Kunst verwandelt worden zu sein.

Er kann im Grunde alles, das hat er allen bewiesen, nur Gedichte habe ich von ihm noch nicht gelesen. Das wäre vielleicht noch was für die Phase nach der Büchner-Preis-Verleihung.

Wer noch nichts von Goetz gelesen haben sollte, was empfehlen Sie dringend?

Mein Lieblingsbuch ist die Erzählung "Rave", ein Buch aus seiner glücklichsten Zeit, in dem er von dem Protest gegen die Gegenwart in das Glück der Musik, der Technomusik, gefunden hat.


SWR2 Kulturgespräch mit dem Literaturchef des "Spiegel" Volker Weidermann führte Sonja Striegl am 9.7.2015 um 7.40 Uhr.

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