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Fünfter Jahrestag der Revolution in Ägypten Unterdrückung und Depression statt Dialog und Wandel

Kulturgespräch am 25.1.2016 mit Gabriele Becker

Mit ein paar hundert Menschen ging es los, vor genau fünf Jahren, am 25. Januar 2011, auf dem Tahir-Platz. Dann wuchs der Protest gegen den damaligen ägyptischen Machthaber Mubarak zu einer Massendemonstration an. Menschen unterschiedlichster Herkunft forderten mehr Freiheit und Recht auf gesellschaftliche Teilhabe. Das war nicht nur die Hoffnung in Ägypten, sondern auch die Hoffnung im Westen. Einrichtungen wie das deutsche Goethe-Institut änderten ihre Programme und richteten für die Tahir-Aktivisten Möglichkeiten des Austauschs ein. Was ist von diesen Hoffnungen übrig geblieben? Wie arbeitet das Goethe-Institut fünf Jahre nach Beginn des Protests?

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Frau Becker, die Sicherheitslage in Ägypten ist prekär, am 21.1. hat eine Bombe in der Stadt Gizeh sechs Menschen in den Tod gerissen, und aus Furcht vor Protesten zum Jahrestag haben Sicherheitskräfte in den vergangenen zehn Tagen bis zu 5.000 Wohnungen durchsucht, Einwohner wurden befragt. Ist Ägypten unter Präsident al-Sisi heute ansatzweise demokratischer als vor fünf Jahren unter Mubarak?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Sie haben ja selbst schon zwei wichtige Hinweise zur aktuellen Situation gegeben, die, nach Einschätzung vieler unserer Partner, schwieriger ist als vorher. Wir lesen ständig in den Nachrichten, dass Journalisten verhaftet werden, wenn sie Unliebsames berichten; im letzten Jahr sind Menschen einfach verschwunden, ohne irgendwelche Hinweise auf Gründe. Also, die Situation ist schwierig geworden für die ägyptische Zivilgesellschaft.

Ist noch irgendjemand bereit, für Demokratie und Freiheit auf den Tahir-Platz zu gehen?

Was ich gehört habe, sind die Leute im Moment eher nicht Willens das zu machen. Das heißt aber nicht, dass es nicht viele Ägypter gibt, die weiterhin an einer Entwicklung in Richtung einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft arbeiten. Es geschieht aber eben nicht mehr so öffentlich, wie es vor fünf Jahren begonnen hat, sondern in Initiativen, in Institutionen, die sich damals gegründet haben und die ihre Arbeit fortsetzen, einfach weil sie sagen: Wir brauchen einen langen Atem. Und es war immer klar, dass man so eine gesellschaftliche Veränderung nicht von heute auf morgen bewerkstelligen kann.

Das Büro des Goethe-Instituts in Kairo liegt etwa 100 Meter vom Tahir-Platz entfernt, das heißt, Sie kommen dort ständig vorbei. Erinnert dort irgendetwas oder irgendwer an die Demonstrationen und auch an die vielen Toten, die es dort in den verschiedenen Phasen der Proteste gegeben hat?

Nein, der Platz hat sich ganz stark verändert, wenn man heute daran vorbei fährt. Er ist verschönert worden. Die riesige Baustelle, die es dort gegeben hat, ist jetzt beendet. Es wurde eine große Fahnenstange errichtet und Blumenbeete wurden angelegt, wo früher die Zelte der Aktivisten standen und das Herz der Aktivitäten war.

Das Goethe-Institut hatte noch 2011 die Tahir-Lounge eingerichtet, also Teile seines Programms geändert, um Möglichkeiten für Aktivisten zu schaffen, sich dort zu treffen und auszutauschen. Was ist daraus geworden?

Die Tahir-Lounge gibt es nach wie vor. Sie ist nach wie vor ein ganz attraktiver Treffpunkt für junge Ägypter. Im Moment ist sie vor allem ein Lernort, wo sich junge Menschen zu allen möglichen Dingen weiterbilden und fortbilden können, sei es im künstlerischen Bereich, sei es ein Fotografie-Workshop, sei es ein Seminar über Zeit-Management oder "Wie schreibe ich eine Bewerbung?". Und wir haben auch vor, diese Tahir-Lounge als Projekt zu erhalten.

Das Goethe-Institut hat in den letzten fünf Jahren verstärkt die Literatur und Schreibförderung in Ägypten unterstützt, unter anderem mit dem Projekt "Cairo Short-Stories", das 2014 begonnen hat. Welche Themen bewegen denn die jungen Schriftsteller?

Die Schriftsteller bewegt eigentlich ganz Alltägliches, was aber vermutlich dann auch wiederum sehr politisch ist, also Leben, Sexualität, Beziehungen, Liebe. Überraschend daran war eher und das, denke ich, war eine neue Qualität, dass sie über die Themen, die sie ganz persönlich bewegen, geschrieben haben.

Wie frei sind denn Schriftsteller in Ägypten in dem, was sie schreiben können? Wie würden Sie das einschätzen?

Im Moment, das heißt seit zwei Jahren, gibt es eine ganz, ganz aktive junge Schriftstellerszene, und da habe ich bisher wenig gehört, dass die in ihren Aktivitäten eingeschränkt würden. Wir haben uns aber weniger die Förderung deutscher Literatur zum Ziel gesetzt, als vielmehr die Leseförderung. Und da haben wir 2012 ein ganz spannendes Projekt ins Leben gerufen, und zwar die mobile Bibliothek, unseren Bibliotheksbus. Das ist ein Bus mit Bücherregalen drin und Büchern für Kinder und Jugendliche. Und der fährt durch das Nildelta, also nördlich von Kairo, und besucht dort Schulen und andere Einrichtungen, zum Beispiel auch ein Waisenhaus, und versucht, mit einem Märchenerzähler, der das Projekt leitet, Kinder zum Lesen zu animieren und vor allem den Spaß am Lesen zu vermitteln. Und das, glaube ich, ist ein Projekt, das wirklich für die Zukunft wirkt und einfach künftige Leser in Ägypten heranzieht.

Die Zahl der Anschläge des Islamistischen Staates hat nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mursi durch das Militär im Sommer 2013 zugenommen. Wie sicher fühlen Sie sich?

Heutzutage kann man sich ja eigentlich nirgends mehr richtig sicher fühlen, das haben ja die letzte Monate gezeigt. Insofern fühle ich mich in Kairo relativ sicher. Man muss eben ein bisschen aufpassen, aber es ist auch nicht gefährlicher als in einer anderen Großstadt.

Das SWR2 Kulturgespräch mit Gabriele Becker, Leiterin des Goethe-Instituts in Kairo, führte Sonja Striegl am 25.1.2016 um 7.45 Uhr.

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