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Son of Saul / Kinostart 10. März Der Holocaust und der Lärm

Kulturthema am 8.3.2016 von Rüdiger Suchsland

So hat man die Todeslager der deutschen Diktatur noch nie im Kino gesehen: Nicht Stille herrscht in "Son of Saul", sondern höllischer Lärm.

Der klassischen Ästhetisierung des Völkermordes setzt der ungarische Regisseur László Nemes eine andere, zunächst verunsichernde Ästhetik entgegen.

Gerade wurde Nemes' Debütfilm mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet. Diese Woche startet "Son of Saul" in unseren Kinos.

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Ein friedliches Waldstück, die Sonne scheint, die Vögel singen, das Bild ist unscharf. Dann fokussiert es sich auf die Nahaufnahme eines Mannes in schmutziger Arbeitskleidung, mit einem roten Kreuz auf dem Rücken. Eine Handkamera, die, immerzu leicht instabil, leicht in Bewegung, einem Mann auf dem Fuße folgt, während er eine Gruppe von Menschen bei ihrem Marsch durch den Wald begleitet.

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Son of Saul von László Nemes

Son of Saul von László Nemes | Kinostart: 10.3.

Während der Arbeit in einem der Krematorien entdeckt Saul den Körper eines Jungen, den er für seinen Sohn hält.

Als das Sonderkommando eine Rebellion plant, beschließt Saul eine schier unmögliche Aufgabe zu übernehmen.

Er will den Körper des Kindes vor den Flammen retten und den Rabbi (Jerzy Walczak) überzeugen, das Kaddisch-Gebet, das jüdische Totengebet, zu sprechen.

Für seinen Film wählte Regisseur László Nemes die subjektive Perspektive von Saul Ausländer. Er zeigt, was Saul sieht, nicht mehr und nicht weniger.

Die Welt aus der Sicht des Saul Ausländer

Mit diesen Bildern beginnt Laszló Nemes' Film "Son of Saul". Es sind programmatische Kameraeinstellungen. Bis zum Ende der einhundert Filmminuten wird diese fesselnde, magnetisierende Kamera diesem einen einzigen Menschen folgen, wird sie diesen Mann nicht verlassen, und selten wird sie hinter oder neben ihrer grundsätzlichen Großaufnahme auch den Blick auf das Ganze zulassen. Dieses Ganze ist eine Welt, die grundsätzlich erschüttert ist; eine Welt, in der alle Ordnung sich als Schein entpuppt, weil auf ihrem Grund das blanke Chaos herrscht.

Teil der deutschen Mordmaschine

Stück für Stück, Szene für Szene erfahren wir Zuschauer mehr. Wir erfahren, dass der Mann, er ist etwa Mitte 30, Saul heißt, dass er Häftling im deutschen Vernichtungslager Auschwitz ist und dort ein Mitglied jener Sonderkommandos, die, aus Häftlingen zusammengesetzt, gezwungenermaßen der deutschen Mordmaschine der Shoa assistierten.
Wir erleben einen sehr langen Tag im Oktober 1944. Es ist der Tag vor dem Aufstand der Sonderkommandos, der bekanntlich scheiterte und mit der Ermordung von über einhundert Häftlingen endete.

Konsequent subjektive Perspektive

Um derart Historisches oder um die moralische Einschätzung der Sonderkommandos, die Debatte über sie und über die Grenze zwischen Überlebenstrieb und Kollaboration geht es im Film aber nur am Rande. Vielmehr geht es dem Filmemacher um eine konsequent subjektive Perspektive; um eine Art Einfühlung in die sinnliche Erfahrung des Alltags dieser Menschen und damit, notgedrungen, um die Ermöglichung des Unmöglichen: die sinnliche Erfahrung der Mordmaschine.

Todesstress

Es geht viel um Blicke. Saul, der von Géza Röhrig höchst intensiv, mit ständig angespanntem, leicht zu Boden gerichtetem Blick gespielt wird, redet wenig. Aber er sieht und hört viel. Indem der Blick der Kamera Saul bei jedem Schritt folgt, erleben wir nicht nur die schrecklichen Momente, in denen die Menschen in die Gaskammern getrieben werden, und die noch schrecklicheren, in denen die Sonderkommandos diese Kammern öffnen, säubern und für den nächsten Massenmord präparieren mussten. Die Zuschauer erleben vor allem den permanenten Stress, unter den die Menschen dort gesetzt waren, die Hektik, mit der alles von statten ging. Darum ist hier noch wichtiger als jedes Bild die Tonspur. Höllischer Lärm herrschte in der Mordmaschine. Und dies, nicht der genaue Blick bis an den Rand der Gaskammer, ist der eigentliche Bruch, den Nemes' Film im Verhältnis zu nahezu allen bisherigen Darstellungen der Shoa bedeutet. Denn in denen dominierte eine geradezu heilige, andachtsvolle Stille. Das Grauen war leise.

Technische Perfektion

Technisch ist das glänzend gemacht. Ästhetisch ist diese Perspektive, zumindest als Bruch mit den Konventionen, spannend, obwohl die ständige Nahaufnahme auf Dauer auch manieriert wirkt, die Wackelkamera ermüdend, die Unschärfen und die effektvolle Lichtsetzung allzu hübsch sind für diesen Ort des Todes. Historisch ist die Perspektive, zumindest in gewissem Maß, schlüssig, als Annäherung an eine bisher nicht gezeigte Teil-Realität.

Am Rande der Kolportage


Warum "Son of Saul" trotzdem nicht wirklich befriedigt und problematisch erscheint, hat mehrere Gründe. Der Film bürdet seiner Hauptfigur auch große persönliche Konflikte auf. Er zeigt, wie Saul verzweifelt versucht, einem einzelnen toten Jungen, der die Gaskammer zunächst überlebte, ein jüdisches Begräbnis zu ermöglichen. Dadurch gefährdet Saul viele Mithäftlinge und den geplanten Aufstand. Hier wird der Film fast zu Kolportage. In jedem Fall ist Sauls vom Film, durch die ständige enge Nähe zur Hauptfigur, nie in Frage gestellte Entscheidung, ein Toter sei im Lager wichtiger als viele Lebende und jede Überlebenshoffnung sei an diesem Ort sowieso zum Scheitern verurteilt, historisch wie moralisch fragwürdig.

Unangenehmer Nachgeschmack

So bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack, denn "Son of Saul" ist zu clever und glatt in seiner technischen Perfektion und ein allzu geschickter Tanz mit den Tabus. "Kein Genozid ohne Poesie", formulierte einst sarkastisch der slowenische Philosoph Slavoj Zizek, was das Dilemma jedes Spielfilms aufdeckt: Es wäre schön, wenn man die Kunst von ihrem Gegenstand und ihrem Kontext trennen könnte aber das ist unmöglich.